Bayern

Schongau: Schüler retten in letzter Sekunde Leben

Nach der Messerattacke rissen Schüler ihre Shirts herunter – und retteten so wohl ein Mädchen. Der mutmaßliche Täter sitzt in U-Haft.

09.07.2026, 16:22 Uhr

Messerangriff an Schule in Schongau: Schüler retten Mädchen mit Erster Hilfe wohl das Leben

Nach dem Angriff an einer Schule im oberbayerischen Schongau dauern Schock und Aufarbeitung an. Ein 16-Jähriger, nach bisherigen Erkenntnissen ein ehemaliger Schüler, soll zwei 13-jährige Mädchen mit einem Messer schwer verletzt haben. Mitschüler reagierten sofort, riefen Polizei und Rettungsdienst und versorgten die Verletzten noch vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte. Nach Einschätzung von Beteiligten dürfte dieses schnelle Eingreifen mindestens einem der Mädchen das Leben gerettet haben.

Der mutmaßliche Täter wurde laut Polizei mithilfe von Lehrkräften rasch überwältigt. Bei ihm beziehungsweise in Tatortnähe wurden neben dem mutmaßlichen Tatmesser auch eine Pistole und Munition sichergestellt. Die Ereignisse belasten die Stadt mit rund 12.000 Einwohnern ebenso wie die Schule mit etwa 800 Schülerinnen und Schülern sowie 80 Lehrkräften schwer.

16-Jähriger in Untersuchungshaft

Der Jugendliche sitzt inzwischen in einer Justizvollzugsanstalt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt gegen ihn wegen versuchten Mordes.

Nach Angaben der Ermittler soll sich der 16-Jährige zur Tatzeit in einer psychischen Ausnahmesituation befunden haben. Zeitweise sei er auch psychiatrisch behandelt worden.

Wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten, war der 16-jährige Kroate den Sicherheitsbehörden bereits bekannt. Hintergrund sind demnach zwei Vorfälle aus dem Jahr 2025. Dabei soll er unter anderem Mitschüler bedroht und in sozialen Netzwerken Inhalte verbreitet haben, die Amokläufe verherrlichten. Für eine Inhaftierung hätten in diesem früheren Verfahren jedoch zu keinem Zeitpunkt die rechtlichen Voraussetzungen vorgelegen.

Pistole möglicherweise aus dem 3D-Drucker

Sichergestellt wurden das mutmaßliche Tatmesser, eine Pistole und Munition. Nach dpa-Informationen prüfen die Ermittler, ob es sich bei der Schusswaffe um eine mit einem 3D-Drucker hergestellte Waffe handeln könnte.

Der 16-Jährige soll einen Schuss abgegeben haben, ohne jemanden zu treffen. Danach habe die Waffe versagt. Nach dpa-Informationen gab der Jugendliche an, sich die Pistole im Darknet besorgt zu haben. Zudem stellten die Ermittler demnach nur eine eher geringe Zahl an Patronen sicher.

Die Waffe wurde den Informationen zufolge bei einem Rucksack gefunden, den der Jugendliche nach der Tat auf dem Schulhof in der Nähe des Tatorts abgelegt haben soll. Nach seiner Festnahme habe er die Beamten selbst darauf hingewiesen. Bei dem Messer soll es sich nach bisherigem Stand nicht um ein Haushaltsmesser handeln.

Schule konzentriert sich auf die Aufarbeitung

Am Tag nach der Tat stand an der Schule vor allem die Betreuung der Betroffenen im Mittelpunkt. Kriseninterventionsteams unterstützten Schüler und Lehrkräfte bei der Verarbeitung des Erlebten. Einige von ihnen hatten unmittelbar miterlebt, wie der frühere Mitschüler das Schulgelände betrat, einen Schuss aus einer Pistole abgab und anschließend, nachdem die Waffe versagte, mit einem Messer auf die beiden Mädchen losging.

Mitschüler nutzen T-Shirts als Druckverbände

Mehrere Jugendliche griffen ohne Zögern ein und begannen sofort mit der Erstversorgung. Der 19-jährige Levi Lachmann schilderte, dass zunächst Polizei und Rettungsdienst alarmiert wurden. Danach hätten Mitschüler ihre Shirts und Hemden ausgezogen und als provisorische Druckverbände eingesetzt, um die starken Blutungen zu stoppen.

Anschließend hätten er und andere Schüler Sanitätssets aus ihren Autos geholt und weiter versucht, die Blutungen bestmöglich zu stillen. Später seien auch sterile Kompressen aus dem Sanitätsraum der Schule verwendet worden, wie sie es aus ihrer Ausbildung als Ersthelfer kannten. Auch Lehrkräfte unterstützten die Versorgung der verletzten Mädchen.

Lehrer helfen bei Festnahme des Angreifers

Nicht nur bei der Versorgung der Verletzten, auch beim Stoppen des mutmaßlichen Täters spielten Lehrkräfte eine wichtige Rolle. Nach Angaben der Polizei trug ihr couragiertes Eingreifen dazu bei, dass der 16-Jährige schnell festgenommen werden konnte.

Kultusministerin lobt Helfer als „echte Helden“

Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) sagte bei einem Besuch an der Schule umfassende Unterstützung zu. Besonders würdigte sie die beiden Lehrkräfte, die bei der Überwältigung des Jugendlichen halfen, sowie die Schülerinnen und Schüler, die sich sofort um die Verletzten kümmerten.

Nach ihren Worten wäre eines der Mädchen ohne diese Erste Hilfe sehr wahrscheinlich verblutet. Die Jugendlichen hätten ihr vermutlich das Leben gerettet. Für sie seien das „echte Helden“.

Bürgermeister spricht von schwarzem Tag

Schongaus Bürgermeister Thomas Schleich zeigte sich tief betroffen. Der Angriff sei „ein schwarzer Tag für Schongau“, sagte er bei einem Besuch an der Schule. Das Rathaus wolle für Menschen ansprechbar sein, die Unterstützung oder die Vermittlung von Hilfsangeboten benötigen.

Er sprach von einem Ereignis, das die Menschen bis ins Innerste treffe. Auch persönlich gehe ihm die Tat nahe, sagte Schleich, der selbst Vater von drei Kindern ist, von denen zwei die Schule besuchen.

Ersthelfer: „Wir standen alle unter Adrenalin“

Levi Lachmann berichtete, Erleichterung sei erst eingetreten, als die Polizei vor Ort war und feststand, dass der Täter gestoppt worden war. Angst hätten er und andere zunächst kaum verspürt. „Wir standen alle unter Adrenalin“, sagte er. Erst später sei ihm langsam bewusst geworden, was tatsächlich geschehen sei.

Er spreche nun viel mit seiner Familie, mit Lehrkräften und mit dem Kriseninterventionsteam. Der Tag des Angriffs werde für ihn jedoch unvergesslich bleiben.

Zur Frage, ob Schüler auf solche Lagen vorbereitet werden könnten, sagte Lachmann, es gebe zwar grundsätzlich eine Sensibilisierung. Auf einen derart extremen Notfall könne man aber nicht wirklich vorbereitet sein.

Spurenauswertung und weitere Vernehmungen

Die Wohnung des Jugendlichen, der bei seinen Eltern lebte, wurde nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd durchsucht. Nun werden Spuren und digitale Daten ausgewertet. Außerdem vernehmen die Ermittler Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte. Auch die beiden schwer verletzten Mädchen sollen befragt werden, sobald ihr Gesundheitszustand dies erlaubt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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