VW-Chef Blume sieht Alternativen zu Werksschließungen
Nach Berichten über den möglichen Abbau von mehr als 100.000 Stellen wächst bei Volkswagen die Sorge vor der Schließung ganzer Standorte. Konzernchef Oliver Blume hält im Streit um den künftigen Kurs des Unternehmens jedoch andere Maßnahmen für sinnvoller. Gegenüber der „Bild am Sonntag“ sagte er, es gebe „intelligentere Lösungen“ als das Aus für Werke.
Nach Blumes Darstellung zeigt das Sparprogramm an den deutschen Produktionsstandorten bereits Wirkung. Die Fabrikkosten in Deutschland seien allein im vergangenen Jahr im Durchschnitt um 20 Prozent verbessert worden. Das wertete der VW-Chef als deutlichen Fortschritt.
Seine Aussagen folgen auf die Aufsichtsratssitzung vom Donnerstag. Dort soll Blume Medienberichten zufolge mit einem weitergehenden Sparkonzept gescheitert sein.
Vorstand will den Konzern weiter umbauen
Welche Maßnahmen das abgelehnte Sparpaket genau vorsieht, ist offiziell weiter offen. Laut „Manager Magazin“ könnten weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze wegfallen – doppelt so viele wie bisher geplant. Die „Bild“ berichtet sogar von 120.000 Stellen.
Nach Medienberichten stehen zudem mehrere deutsche Standorte unter Druck. Genannt werden dabei Hannover, Emden, Zwickau und das Audi-Werk in Neckarsulm. Aus Sicht des Betriebsrats ist die Lage inzwischen noch breiter angelegt: Er verweist auf fünf seit Wochen namentlich bekannte Standorte – Emden, Hannover, Neckarsulm, Osnabrück und Zwickau.
Volkswagen äußerte sich am Freitag nicht zu einzelnen Abstimmungen im Aufsichtsrat. Blume machte jedoch deutlich, dass der Vorstand den Umbau des Konzerns fortsetzen will. Mit dem Zukunftsplan solle Volkswagen auch in einem global sehr schwierigen Umfeld robuster und wettbewerbsfähiger werden.
Der Konzernchef fordert dazu weitere Einschnitte. Zwar seien die Produkte von VW gefragt, doch werde damit zu wenig Geld verdient. Deshalb müssten die Kosten in allen Bereichen weiter sinken. Zugleich soll die Produktpalette gestrafft werden, damit der Absatz pro Modell steigt. Blume nimmt dabei auch die Politik in die Pflicht und verweist auf die Bedeutung des Industriestandorts Deutschland. Die Transformation sei eine gemeinsame Aufgabe der Gesellschaft.
Hoffnung durch neue Elektroflotte
Zuversicht zieht Blume aus dem neuen Elektroangebot des Konzerns. Von der neuen Einstiegsfamilie rund um den ID. Polo seien in den ersten vier Wochen bereits mehr als 50.000 Fahrzeuge verkauft worden. Volkswagen sieht sich nach seinen Worten in Europa sowohl bei Verbrennern als auch bei vollelektrischen Fahrzeugen als klaren Marktführer.
Gleichzeitig beschreibt Blume das Umfeld als so anspruchsvoll und risikoreich wie nie zuvor. Er verweist auf geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren, Regulierung, Marktumbrüche und intensiven Wettbewerb.
Betriebsrat beklagt Vertrauensverlust
Für zusätzlichen Druck sorgt die Stimmung in der Belegschaft. Der Betriebsrat spricht nach dem Verstreichen eines Ultimatums an die Konzernspitze von einem deutlichen Vertrauensverlust. Demnach habe Blume am Freitag zwar das Management über Details zum wahrscheinlichen Aus deutscher Fabriken und zu einem massiv erweiterten Stellenabbauziel informiert, nicht aber die zehntausenden betroffenen Beschäftigten außerhalb des Managements.
Der Betriebsrat hatte den Konzernchef bis Freitag aufgefordert, gegenüber der Belegschaft Stellung zu beziehen. Nach der Sommerpause soll Blume nun in Betriebsversammlungen direkt Rede und Antwort stehen – nicht nur im Stammwerk. Dort dürfte aus Sicht des Betriebsrats vor allem die Frage im Mittelpunkt stehen, ob der Vorstand die Krise gemeinsam mit den Beschäftigten bewältigen will oder gegen sie. Bereits am Donnerstag hatte es zahlreiche Protestaktionen gegeben.
Wie die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Konzernkreise berichtet, stimmten die Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen gegen das Sparpaket. Weil derzeit ein Sitz der Kapitalseite unbesetzt ist, verfügen Arbeitnehmerseite und Niedersachsen demnach gemeinsam über eine Mehrheit von zwölf zu sieben Stimmen. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hatte bereits im Vorfeld erklärt, das Land werde keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setze.
Am Sonntag erklärte ein Sprecher des Betriebsrats, man habe die jüngsten Äußerungen Blumes zur Kenntnis genommen. Für Beschäftigte, Zulieferer, Dienstleister und ganze Standortregionen sei die Lage inzwischen nur noch schwer zu ertragen. Besonders belastend sei die Unsicherheit für die mehr als 40.000 Beschäftigten an den fünf seit Wochen genannten Standorten Emden, Hannover, Neckarsulm, Osnabrück und Zwickau.
Schwächere Verkaufszahlen und Sorgen um China
Die jüngsten Absatzzahlen zeigen zudem, wie angespannt die Lage ist. Weltweit verkaufte der Konzern aus Wolfsburg im zweiten Quartal 2,08 Millionen Fahrzeuge. Das waren fast 9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Im ersten Quartal hatte das Minus noch bei 4 Prozent gelegen.
Besonders schwach entwickelte sich das Geschäft in China. Dort brachen die Verkäufe um mehr als ein Drittel auf nur noch 424.300 Fahrzeuge ein. Gleichzeitig wächst in der deutschen Autoindustrie die Sorge, dass chinesische Hersteller angesichts der schwachen Lage im Heimatmarkt verstärkt nach Europa drängen und dort Marktanteile gewinnen. Zuletzt hätten sie sich etwa in Märkten wie Italien, Spanien und Großbritannien mit Plug-in-Hybriden stärker ausgebreitet.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Redaktion
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber