Deutschland blieb vom ersten großen China-Schock zunächst weitgehend verschont. Als China nach dem WTO-Beitritt 2001 den Weltmarkt mit günstigen Waren überschwemmte, gerieten vor allem Industrieregionen in den USA unter Druck. Dort stand China für viele Beschäftigte bald für Arbeitsplatzverluste und Werksschließungen.
In Deutschland verlief diese Entwicklung zunächst anders. Die Volksrepublik wurde zum wichtigen Absatzmarkt für Autos, Maschinen und Spezialtechnik aus Deutschland. Große Konzerne investierten in eigene Werke vor Ort, viele Mittelständler profitierten ebenfalls. Doch dieses für die deutsche Industrie lange vorteilhafte Verhältnis kippt zunehmend.
Die Ökonomin Esther Goreichy vom Berliner China-Institut Merics warnt, dass ein „China-Schock 2.0“ das deutsche Wachstumsmodell an zwei zentralen Stellen trifft: bei Exporten und industrieller Produktion. Der Druck sei inzwischen in weiten Teilen des industriellen Kerns der deutschen Wirtschaft angekommen.
China exportiert mehr, Deutschland verliert Marktanteile
Ein Blick auf die Handelszahlen zeigt die Verschiebung deutlich. Das China-Geschäft bescherte deutschen Exporteuren lange hohe Einnahmen. 2025 wurde China sogar wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner und löste die USA ab. Gleichzeitig wächst jedoch das Ungleichgewicht: Die Einfuhren aus China legten 2025 um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro zu und lagen damit mehr als doppelt so hoch wie die deutschen Ausfuhren nach China. Diese sanken fast um zehn Prozent. Das deutsche Handelsdefizit mit der Volksrepublik kletterte auf 89,3 Milliarden Euro.

Autoindustrie: Der wichtigste Absatzmarkt wird zur Belastungsprobe
Besonders stark war Deutschland jahrelang im chinesischen Automarkt vertreten. Inzwischen hat sich das Umfeld jedoch grundlegend verändert. Ein Grund ist die schwächere Kauflaune vieler wohlhabender Chinesen infolge der Immobilienkrise. Hinzu kommt, dass sich Käufer im stark wachsenden Elektromarkt häufiger für heimische Marken entscheiden. Zudem liefern sich chinesische Hersteller, oft mit staatlicher Unterstützung, einen harten Preis- und Verdrängungswettbewerb.
Auf deutschen Straßen sind Fahrzeuge chinesischer Marken noch immer selten, doch ihr Anteil steigt. 2025 entfielen rund 2,3 Prozent der Neuzulassungen auf chinesische Anbieter, im ersten Halbjahr 2026 waren es bereits 3,7 Prozent.
Maschinenbau: China dringt ins industrielle Herzstück vor
Im Maschinenbau hat China Deutschland inzwischen als größten Exporteur weltweit überholt. Dank umfangreicher Subventionen bieten chinesische Unternehmen mittlerweile auch technisch anspruchsvolle Anlagen zu günstigen Preisen an.
Der Branchenverband VDMA fordert deshalb bessere Standortbedingungen in Deutschland, etwa weniger Bürokratie und niedrigere Steuerlasten. Zudem sollten strategisch bedeutsame Technologien gezielt gefördert werden.
Zum Schutz fairer Wettbewerbsbedingungen setzt sich der Verband für eine strengere Kontrolle von Importen in die EU ein. Gerade in Drittmärkten fehle Europa oft der nötige Hebel. Bei Verstößen gegen Anti-Dumping- oder Anti-Subventionsregeln solle die EU deshalb Ausgleichszölle auf Produkte erheben, die aus solchen Ländern nach Europa gelangen. Auch neue Freihandelsabkommen könnten aus Sicht des VDMA helfen, den Zugang zu wichtigen Märkten zu verbessern.
Batterien: Wachsende Abhängigkeit bei einer Schlüsseltechnologie
Der Aufbau einer eigenen Batteriezellfertigung für E-Autos und andere Anwendungen gilt in Deutschland und Europa als strategisches Ziel. Dennoch bleibt China mit großem Abstand der wichtigste Batterielieferant für Deutschland, deutlich vor europäischen Standorten wie Ungarn.
Zwar erreichte die Batteriefertigung in Deutschland 2025 mit 8,1 Milliarden Euro einen Rekordwert. Nach Einschätzung des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie ZVEI ist die Abhängigkeit von China dennoch weiter gestiegen, vor allem bei Lithium-Ionen-Batterien.
ZVEI-Experte Gunther Kellermann warnt, Lieferunterbrechungen oder kurzfristige Exportstopps könnten schmerzhaft offenlegen, wie verletzlich Deutschland in kritischen Bereichen sei, etwa in der Verteidigung oder bei Rechenzentren. Statt neuer Kaufprämien für E-Autos brauche es vor allem niedrigere Strompreise und einen wirksameren Schutz vor unfairem Wettbewerb. Ohne bessere Rahmenbedingungen drohe Europa die industrielle Batterieproduktion dauerhaft zu verlieren.
Pharma: China wird zunehmend zum Innovationskonkurrenten
Für die deutsche Pharmaindustrie ist China längst einer der bedeutendsten Absatzmärkte. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck aus Fernost nicht nur bei preisgünstigen Nachahmerpräparaten, sondern zunehmend auch bei innovativen Arzneien und Biotechnologie.
Besonders groß ist die Abhängigkeit bei Wirkstoffen und Vorprodukten. Schätzungen zufolge hängen rund drei Viertel der europäischen Arzneimittel-Wertschöpfungskette von Importen ab. In Deutschland führt das immer wieder zu Engpässen bei Medikamenten, darunter Schmerzmittel, Antibiotika oder Diabetespräparate, weil viele Hersteller die Produktion hierzulande zurückgefahren haben.
Claus Michelsen, Chefvolkswirt des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, betont, China baue seinen Status als Innovations- und Produktionsstandort im Pharmabereich seit Jahren systematisch aus. Damit werde das Land auch für Deutschland zu einem immer stärkeren Rivalen. Die Politik in Peking unterstütze diesen Aufstieg gezielt. Deutschland müsse seinen Pharmastandort deshalb deutlich wettbewerbsfähiger machen. Sparvorgaben aus der Politik wirkten jedoch in die entgegengesetzte Richtung.
Chemie: Zwischen unverzichtbarem Markt und hartem Konkurrenzdruck
Auch in der Chemie ist China zugleich Chance und Herausforderung. Einerseits setzt die Volksrepublik die deutsche Branche mit günstigen Preisen unter Druck. Andererseits bleibt sie ein zentraler Wachstumsmarkt, während Europa schwächelt.
So hat BASF in Zhanjiang für rund 8,7 Milliarden Euro einen neuen Verbundstandort eröffnet — die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte, trotz erheblicher Kritik. Nach Unternehmensangaben schrieb der Standort bereits nach kurzer Zeit schwarze Zahlen. BASF-Chef Markus Kamieth verweist darauf, dass China in den kommenden fünf bis sechs Jahren für drei Viertel des weltweiten Wachstums im Chemiesektor stehen dürfte. Auf diesen Markt wolle der Konzern nicht verzichten.
Mit einem Anteil von 45 Prozent am globalen Chemieumsatz ist China nach Angaben des Branchenverbands VCI der mit Abstand größte Chemieabsatzmarkt der Welt. Deutschland exportierte 2025 Chemieprodukte im Wert von rund 6 Milliarden Euro nach China, während die Importe aus China bei 5,8 Milliarden Euro lagen. Für die deutsche Chemie bleibe China damit zugleich Schlüsselmarkt und schärfster Wettbewerber, sagt VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup.
Zukunftstechnologien: Der nächste Wettlauf hat längst begonnen
Die Probleme bei Autos und Maschinen zeigen nur die aktuelle Lage. Der nächste Wettbewerb zeichnet sich bereits deutlich ab — und betrifft genau jene Zukunftsbranchen, mit denen Deutschland seine industrielle Erneuerung vorantreiben will. Auffällig ist dabei, dass Berlin und Peking vielfach auf dieselben Technologiefelder setzen.
Im neuen chinesischen Fünfjahresplan stehen unter anderem Halbleiter, Robotik, Quantentechnologie, Kernfusion, Wasserstoff und Biotechnologie weit oben auf der Prioritätenliste. Viele dieser Bereiche tauchen auch in der Hightech-Agenda der Bundesregierung auf. Der Unterschied liegt weniger bei den Zielen als bei der Umsetzung: China handelt schneller und verbindet entschlossene Industriepolitik mit den Vorteilen seines riesigen Binnenmarkts.
Zwar verfügt die deutsche Industrie in zahlreichen Zukunftsfeldern weiterhin über große Stärken. Doch das wird kaum ausreichen, wenn gute Ideen zu langsam in industrielle Fertigung und marktfähige Produkte übersetzt werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber