Wirtschaft

Trotz Krise: Deutschlands Exporte brechen im Juni Rekorde

Totgesagt? Deutschlands Exporte legen im Juni zum fünften Mal zu. Doch hinter dem Rekord steckt ein riskanter Haken.

07.08.2026, 11:22 Uhr

Deutsche Exporte erreichen im Juni Höchststand trotz globaler Belastungen

Die deutsche Exportwirtschaft hat im Juni 2026 überraschend stark abgeschnitten. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts wurden Waren im Wert von 139,3 Milliarden Euro ins Ausland geliefert. Das sind 0,9 Prozent mehr als im Mai und 6,6 Prozent mehr als im Juni des Vorjahres. Damit erzielten die Ausfuhren den höchsten kalender- und saisonbereinigten Monatswert, der bislang gemessen wurde.

Der bisherige Rekord aus dem September 2022 mit 139,1 Milliarden Euro wurde damit leicht übertroffen. Allerdings weisen die Statistiker darauf hin, dass die Werte nicht inflationsbereinigt sind. Ein Teil des Anstiegs dürfte also auch auf höhere Preise zurückgehen.

Fünf Monate Wachstum in Folge

Die deutschen Ausfuhren legten damit bereits den fünften Monat hintereinander zu. Eine so lange Aufwärtsserie habe es seit längerer Zeit nicht mehr gegeben, erklärte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Abgesehen vom Januar entwickelten sich die Exporte im laufenden Jahr bislang durchweg positiv.

DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier sieht darin zwar ein ermutigendes Signal, mahnt jedoch zur Vorsicht. Für eine echte Entwarnung sei es noch zu früh. Belastend wirkten weiterhin die Konflikte im Nahen Osten, die geschlossene Straße von Hormus sowie die Gefahr zusätzlicher Störungen an der Meerenge Bab al-Mandab. Diese Faktoren setzten Handelswege und Lieferketten zwischen Europa und Asien unter Druck.

Auch BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner sprach von einer leichten Verbesserung der Perspektiven. Der Krieg mit dem Iran habe die wirtschaftliche Erholung zwar gebremst, aber nicht gestoppt. Nach vier Jahren weitgehender Stagnation brauche Deutschland jedoch mehr als nur ein kleines Plus. Entscheidend seien Strukturreformen, um Wettbewerbsnachteile abzubauen.

Niedrigwasser am Rhein in Düsseldorf
Das Niedrigwasser erschwert die Belieferung der deutschen Industrie (Archivbild) Quelle: Oliver Berg/dpa

Für das erste Halbjahr ergibt sich insgesamt ein Exportanstieg von 3,7 Prozent auf 816,6 Milliarden Euro. Die Importe wuchsen im selben Zeitraum um 4,4 Prozent auf 711,6 Milliarden Euro.

Europa stützt den Außenhandel, USA schwächer

Stark blieb im Juni vor allem das Geschäft innerhalb Europas. In die EU-Staaten gingen Waren im Wert von knapp 80 Milliarden Euro, das waren 1,3 Prozent mehr als im Vormonat. Auch die Lieferungen nach Großbritannien zogen deutlich an und erhöhten sich um fast acht Prozent auf etwas mehr als sieben Milliarden Euro.

Deutlich schwächer verlief dagegen der Handel mit den USA. Nachdem die Exporte dorthin im Mai noch kräftig gestiegen waren, sanken sie im Juni um gut 14 Prozent. Mit einem Volumen von 12,1 Milliarden Euro blieben die Vereinigten Staaten dennoch der wichtigste einzelne Absatzmarkt für deutsche Unternehmen.

Auch nach China wurden weniger Waren geliefert. Hier gingen die Exporte leicht um 0,3 Prozent auf 6,2 Milliarden Euro zurück.

BGA-Präsident Dirk Jandura wertete es als besonders bemerkenswert, dass der Exportrekord trotz des Rückgangs im US-Geschäft zustande kam. Die Zuwächse in Europa und anderen Regionen hätten die Verluste mehr als ausgeglichen.

Importe steigen noch schneller

Noch stärker als die Ausfuhren nahmen im Juni die Importe zu. Sie erhöhten sich gegenüber Mai um 4,4 Prozent auf 123,9 Milliarden Euro und lagen damit 8,4 Prozent über dem Vorjahreswert. Einen höheren absoluten Importwert hatte es zuletzt im November 2022 gegeben.

Der Handelsüberschuss Deutschlands verringerte sich dadurch auf 15,4 Milliarden Euro, nach 19,3 Milliarden Euro im Mai.

Besonders deutlich stiegen erneut die Einfuhren aus China. Sie legten im Juni um mehr als neun Prozent auf 16,5 Milliarden Euro zu. Damit wächst das Ungleichgewicht im Handel mit der Volksrepublik weiter.

Konkurrenz aus China nimmt zu

Für deutsche Unternehmen ist China nicht nur ein wichtiger Markt, sondern auch ein immer stärkerer Wettbewerber. Vor allem in Schlüsselindustrien wie Automobilbau und Maschinenbau wächst der Konkurrenzdruck. Viele Hersteller verlieren in China Marktanteile und sehen sich zugleich auf anderen Weltmärkten verstärkt mit chinesischen Anbietern konfrontiert.

Vor diesem Hintergrund fordert die DIHK neue Handelsabkommen der Europäischen Union. Länder wie Thailand, Malaysia oder die Philippinen böten aus Sicht der Wirtschaft attraktive Absatzchancen.

Exporte stützen die Konjunktur

Die robuste Exportentwicklung hilft der deutschen Wirtschaft in einer Phase, in der der private Konsum eher schwach bleibt. Höhere Preise, insbesondere an den Tankstellen, haben die Kauflaune vieler Verbraucher zuletzt gedämpft.

Einige Ökonomen blicken daher wieder etwas optimistischer auf die Konjunktur. Nach leichtem Wachstum in den ersten beiden Quartalen halten manche Fachleute für 2026 inzwischen ein Wirtschaftswachstum von rund einem Prozent für möglich.

Niedrigwasser am Rhein bleibt Risiko

Gleichzeitig droht neues Ungemach: Das extreme Niedrigwasser am Rhein könnte die noch fragile Erholung ausbremsen. Wegen der geringen Pegelstände können Binnenschiffe deutlich weniger Ladung transportieren. Das erschwert die Versorgung der Industrie mit Vorprodukten und treibt die Frachtkosten nach oben.

Vor allem die Chemie- und Stahlindustrie, die stark auf Transporte über den Wasserweg angewiesen sind, warnen bereits vor möglichen Produktionseinschränkungen.

Nach Einschätzung von Ökonomen könnte das Niedrigwasser verhindern, dass die Industrie ihre Produktion weiter ausweitet. Dabei hatte sich zuletzt eine gewisse Besserung gezeigt: Im Juni gingen überraschend viele neue Aufträge ein, und die Produktion stieg bereits den dritten Monat in Folge.

LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch sieht deshalb Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Die Talfahrt der Industrie scheine vorerst beendet. Für die zweite Jahreshälfte seien die Aussichten zwar weiterhin unsicher, insgesamt sei die Lage aber deutlich besser als noch vor einigen Monaten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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