Wirtschaft

Späte WM-Spiele: Droht der Gastro jetzt ein Umsatz-K.o.?

Volle Kneipen zur WM? Diesmal könnte der Fußball-Hype ausbleiben – Experten warnen vor einer überraschenden Flaute.

07.06.2026, 04:00 Uhr

Späte WM-Anstoßzeiten bremsen Zusatzgeschäft für deutsche Gastronomie

Die nächtlichen Anpfiffzeiten vieler Partien bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 dürften Kneipen, Bars und Biergärten in Deutschland spürbar belasten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für die Deutsche Presse-Agentur.

IW-Ökonom Marc Scheufen geht zwar davon aus, dass das Turnier Gastronomie und Handel hierzulande ein gewisses Umsatzplus bringt. Die große Zeitverschiebung zu den Spielorten in Nordamerika schwäche diesen Effekt jedoch deutlich ab.

Deutlich weniger Einnahmen wegen später Spiele

Nach Schätzungen des IW könnte die Gastronomie durch die WM rund 67,4 Millionen Euro zusätzlich umsetzen. Würden sämtliche Begegnungen bereits um 19 Uhr deutscher Zeit beginnen, läge das Plus laut Scheufen bei knapp 103 Millionen Euro. Er rechnet deshalb damit, dass deutlich mehr Fans die Spiele zu Hause statt in Gaststätten verfolgen werden. Grundlage der Berechnung ist die Annahme, dass die deutsche Nationalmannschaft im Achtelfinale ausscheidet.

Das Turnier beginnt am 11. Juni und wird in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen. Durch den Zeitunterschied von sechs bis neun Stunden werden mehr als die Hälfte aller Spiele erst nach Mitternacht mitteleuropäischer Sommerzeit angepfiffen, manche sogar erst um 4 Uhr oder noch später.

Nur wenige verfolgen Partien tief in der Nacht

Scheufen erwartet, dass lediglich rund vier Prozent der potenziellen Zuschauer Deutschland-Spiele einschalten, wenn diese erst nach Mitternacht laufen oder bis weit in die Nacht hinein dauern. Je nach Gegner könnten dennoch zwischen 18 und 26 Millionen Menschen die Partien der DFB-Elf sehen — entweder daheim oder in der Gastronomie.

Zum Vergleich: Bei der WM 2022 in Katar lagen die Zuschauerzahlen infolge von Boykottaufrufen nur bei etwa 9 bis 17 Millionen. Bei der WM 2014 in Brasilien waren es mit 26 bis 35 Millionen deutlich mehr.

Insgesamt rund 400 Millionen Euro Zusatzerlöse erwartet

Für die deutsche Wirtschaft insgesamt prognostiziert das IW einen WM-bedingten Mehrumsatz von etwa 400 Millionen Euro. Dazu zählen zusätzliche Einnahmen in der Gastronomie, im Lebensmitteleinzelhandel, beim Verkauf von Fanartikeln und Elektronik wie Fernsehern oder Beamern sowie aus Werbung und Sponsoring.

Sollte Deutschland das Finale erreichen, könnten die Erlöse nach Einschätzung von Scheufen spürbar höher ausfallen. Auf das Bruttoinlandsprodukt werde sich das Turnier jedoch kaum auswirken. Vergleichbare Daten aus früheren Weltmeisterschaften liegen dem IW nach eigenen Angaben nicht vor.

Dehoga verweist auf hohe Kosten für Betriebe

Jana Schimke, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), betont den besonderen Reiz gemeinsamer Fußballabende in Kneipen, Restaurants oder Biergärten. Das gemeinsame Erleben sei etwas anderes als das Verfolgen der Spiele allein zu Hause.

Ob sich Public Viewing für die Betriebe lohnt, hänge aber von mehreren Faktoren ab. Neben den Anstoßzeiten spiele auch das Wetter eine wichtige Rolle. Vor allem müssten solche Angebote wirtschaftlich genau durchgerechnet werden.

Denn für die Gastronomie entstehen zusätzliche Ausgaben — etwa für Technik, Personal und notwendige Lizenzen. Für die öffentliche Übertragung der Spiele sei wegen der Rechtevergabe ein dreimonatiger "Sky GastroPass" nötig, sofern noch kein passendes Abo vorhanden ist. Dazu kommen Gebühren für Gema und FIFA.

Zurückhaltendere Erwartungen als bei der Heim-EM

Thorsten Hellwig vom Dehoga NRW sagt, dass die Erwartungen diesmal deutlich gedämpfter seien als bei der Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Gerade Vorrundenspiele unter der Woche dürften wegen der späten Uhrzeiten nur wenige Gäste anziehen. Ob der weitgehende Verzicht auf große Public-Viewing-Veranstaltungen am Ende eher nützt oder schadet, sei noch offen.

Positiv erinnert sich Hellwig an die WM 2014 in Brasilien. Obwohl damals wegen der Zeitverschiebung ebenfalls viele Partien erst um 22 Uhr oder später begannen, sei das Turnier für die Branche erfolgreich gewesen. Sein Fazit: Je weiter die deutsche Nationalmannschaft kommt, desto stärker profitiert auch die Gastronomie.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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