Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing, hält das Reformtempo der Bundesregierung bislang für zu langsam. Gegenüber der "Bild am Sonntag" sagte er, die schwarz-rote Koalition habe zwar erkannt, welche Schritte nötig seien. Bei der praktischen Umsetzung und bei der Entschlossenheit müsse jedoch deutlich mehr passieren. Zudem warnte er davor, sich zu häufig auf Kompromisse zu beschränken.
Mehr Abbau von Bürokratie gefordert
Nach Sewings Ansicht muss der Staat die Bürokratie spürbar reduzieren. Dafür müsse man sich auch an Themen heranwagen, die in Deutschland lange als selbstverständlich galten. Als Beispiel nannte er den Kündigungsschutz. In einer sich rasch verändernden Welt sei mehr Flexibilität notwendig, damit Unternehmen schneller auf neue Entwicklungen reagieren könnten.
Die bereits beschlossene Begrenzung des Kündigungsschutzes für Beschäftigte mit einem Einkommen von mehr als 180.000 Euro bewertet Sewing als Schritt in die richtige Richtung. Aus seiner Sicht sollte diese Regelung allerdings auf niedrigere Einkommensgruppen ausgeweitet werden.
Sorge um den Wirtschaftsstandort Deutschland
Die aktuelle politische Entwicklung bezeichnete Sewing als äußerst gefährlich. Er sieht darin ein ernstes Risiko für Deutschland als Wirtschaftsstandort. Mit Blick auf den Umgang mit der AfD in Sachsen-Anhalt sowie auf politische Vorgänge in Berlin sagte er, solche Entwicklungen seien weder förderlich für die Wirtschaft noch attraktiv für Investoren.
Nach seiner Einschätzung seien Reformen aus der demokratischen Mitte, die Wachstum ermöglichen, die einzige wirksame Antwort auf rechts- und linksextreme Kräfte im Land.
Lob für das Altersvorsorgedepot
Positiv äußerte sich Sewing zum neuen Altersvorsorgedepot, das zum Jahreswechsel eingeführt werden soll. Er lobte die Bundesregierung für dieses Vorhaben und forderte, sowohl dieses Produkt als auch die geplante Rentenreform ohne Abschwächungen umzusetzen. Jede Verwässerung der Pläne sei problematisch und sollte vermieden werden.
Kritik am Tankrabatt
Deutlich skeptischer zeigte sich Sewing beim Tankrabatt. Er halte wenig von dieser Maßnahme, da sich die Lage im Nahen Osten seiner Einschätzung nach nicht kurzfristig beruhigen werde. Deshalb sei nicht zu erwarten, dass ein solcher Rabatt dauerhaft helfe.
Zugleich verwies er auf die hohen monatlichen Kosten und die ohnehin angespannte Lage bei den Staatsschulden. Angesichts dessen könne der Staat nicht immer weitere Ausgaben oben drauflegen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber