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«Wie ein Vampir»: Seixas verzaubert ganz Frankreich

Mit 20 schreibt Seixas Geschichte – und plötzlich träumt Frankreich vom ersten Tour-Triumph seit Hinault. Wer ist dieses Phänomen?

11.10.2026, 12:16 Uhr

Paul Seixas schrieb am Samstag Radsportgeschichte – und saß keine 24 Stunden später schon wieder im Sattel. Am frühen Sonntagmorgen ging das französische Ausnahmetalent beim Mountainbike-Rennen Roc d’Azur in Südfrankreich an den Start. Zuvor hatte der 20-Jährige mit einem Triumph bei der Lombardei-Rundfahrt Historisches geschafft: Mit 20 Jahren und 16 Tagen ist er nun der jüngste Gewinner in der 121-jährigen Geschichte des Klassikers.

„Manchmal fühlt sich das alles wie ein Traum an. Dieses Resultat ist unglaublich, etwas ganz Besonderes. Hätte mir zu Beginn der Saison jemand gesagt, was ich alles gewinnen würde, ich hätte es nie geglaubt“, sagte Seixas nach seinem Coup.

Bemerkenswert daran: Selbst Größen wie Eddy Merckx oder Tadej Pogacar hatten in diesem Alter noch kein Monument des Radsports gewonnen. Zu diesen fünf Monumenten zählen Mailand-Sanremo, die Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und eben die Lombardei-Rundfahrt. Nur drei Sieger waren jemals noch jünger – allerdings in einer Zeit vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die mit dem heutigen Profi-Radsport kaum vergleichbar ist.

Euphorie in Frankreich

Vor allem in seiner Heimat überschlugen sich die Reaktionen. Die Sportzeitung „L’Equipe“ machte mit dem Wortspiel „Seixassionnel“ auf und widmete dem neuen französischen Hoffnungsträger gleich die ersten sechs Seiten. Dort wurde beschrieben, wie er seine Konkurrenten „einen nach dem anderen“ auseinandernahm – mit großer Präzision. Auch in Italien wurde der Triumph gefeiert: Die „Gazzetta dello Sport“ nannte ihn den „jüngsten König der Lombardei“.

Lombardei-Rundfahrt
Ihm konnte keiner folgen: Paul Seixas. Quelle: Gian Mattia D'Alberto/LaPresse/AP/dpa

Seixas setzte sich nach einer Attacke am vorletzten Anstieg ab und brachte den Sieg nach 239 Kilometern als Solist nach Como. Besonders beeindruckend war seine Zeit am Civiglio: Für den Anstieg brauchte er 11:54 Minuten – und war damit 38 Sekunden schneller als Tour-de-France-Sieger Pogacar an gleicher Stelle vor vier Jahren. Fahrer wie Europameister Remco Evenepoel, der diesmal Vierter wurde, konnten diesem Tempo nichts entgegensetzen.

Blick auf künftige Duelle mit Pogacar

Der Radsport könnte sich damit auf große künftige Duelle zwischen Seixas und Pogacar freuen. Der Slowene hatte den Herbstklassiker in den vergangenen fünf Jahren dominiert, fehlte diesmal aber nach seinem Schlüsselbeinbruch bei der Vuelta, der sein Saisonende bedeutete.

Seixas selbst ordnet seinen Erfolg trotz allem ein. „Ohne Tadej sind die Rennen nicht dasselbe – er ist der Beste“, sagte der Franzose. Und weiter: „Er ist so stark, dass jeder härter arbeiten muss, um besser zu werden. Es ist ein Traum für mich, mich mit ihm messen zu können. Vielleicht schaffe ich es eines Tages, vielleicht auch nie – aber ich werde es immer wieder versuchen.“

Dass in dem acht Jahre jüngeren Franzosen noch enormes Potenzial steckt, zeigt auch sein übriges Jahr. Bei seinem Tour-de-France-Debüt, das ursprünglich erst für 2027 oder 2028 vorgesehen war, fuhr er sofort auf Platz vier. Zuvor hatte er bereits die Fleche Wallonne und die anspruchsvolle Baskenland-Rundfahrt gewonnen. Bei der Weltmeisterschaft holte er zudem Bronze im Zeitfahren.

Frankreichs Hoffnung auf den Tour-Sieg

Seine Entwicklung kommt nicht von ungefähr. „Schicksal gibt es nicht. Man muss hart arbeiten und sein Leben selbst in die Hand nehmen. Nichts geschieht durch Zauberei“, sagte Seixas. In Frankreich gilt er längst als große Hoffnung auf den ersten Tour-de-France-Sieg eines Franzosen seit Bernard Hinault 1985.

Auch intern traut man ihm Großes zu. Jean-Baptiste Quiclet, Leiter der Leistungsentwicklung beim Decathlon-Team, sagt über ihn: „Er ist seiner Zeit immer voraus. Der Plan läuft wie vorgesehen, aber das Szenario entwickelt sich jedes Mal noch optimistischer.“

Seixas’ Karriere verlief bislang rasant: Mit 14 Jahren wurde er französischer U17-Meister, mit 18 gab er sein Profidebüt, mit 19 gewann er bereits EM-Bronze. Parallel dazu schloss er auch noch die Schule mit Auszeichnung ab.

Hohe Ansprüche an sich selbst

Sein Ehrgeiz kann allerdings auch zur Belastung werden. Bei der Weltmeisterschaft in Montreal bekam Seixas Krämpfe und kam nur auf Rang 15. Danach ging er hart mit sich ins Gericht: „Meine Teamkollegen hatten keinen Kapitän wie mich verdient. Ich schäme mich.“

Wenige Tage später war davon bei der improvisierten Champagner-Feier vor dem Mannschaftsbus nach seinem Lombardei-Sieg nichts mehr zu spüren – bevor sich der Jungstar schon wieder auf den Weg zum nächsten Rennen machte.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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