Golfstaaten suchen Auswege aus der Abhängigkeit von Hormus
In mehreren Ländern am Golf wächst die Hoffnung auf eine Zukunft, in der die Straße von Hormus für den Export von Öl und Waren nicht mehr die alles entscheidende Rolle spielt. Seit fast vier Monaten ist die wichtige Passage weitgehend blockiert. Auch nach der Grundsatzvereinbarung zwischen den USA und dem Iran ist offen, wann der Krieg endet und der Schiffsverkehr wieder ohne größere Einschränkungen möglich sein wird. Nach neuen Angriffen beider Seiten hat sich die Lage zuletzt erneut verschärft. Zudem bekräftigt Teheran seinen Anspruch auf die volle Kontrolle über die Meerenge.
Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und der Irak drängen deshalb auf andere Transportwege. Im Mittelpunkt stehen zusätzliche Pipelines, aber auch Straßen- und Bahnverbindungen, über die Öl und Container unabhängig vom Seeweg transportiert werden könnten. Saudi-Arabien erwägt darüber hinaus, seine Öllager im Ausland auszubauen.
Warum bestehen diese Alternativen nicht schon längst?
Teilweise gibt es sie bereits. Doch Pipelines an Land kosten viel Geld, sind über Staatsgrenzen hinweg politisch heikel und oft von jahrelangen Verzögerungen betroffen. Das Risiko einer Blockade ist allerdings seit Langem bekannt. Schon vor mehr als vier Jahrzehnten hatte der Iran im Krieg mit dem Irak damit gedroht, die Straße von Hormus faktisch zu schließen. Energieexperten mahnten deshalb seit Jahren, dass die Golfstaaten ihre Ausfuhren breiter absichern müssten.

Mit den aktuellen Verlusten in Milliardenhöhe ist der Druck nun noch größer geworden. Die niederländische Denkfabrik HCSS spricht vom größten und kompliziertesten Energieschock der Geschichte. Rund ein Viertel des weltweiten Öltransports auf dem Seeweg verläuft normalerweise durch die Straße von Hormus. Ein Teil dieser Mengen kann über vorhandene Leitungen in Saudi-Arabien, den Emiraten und im Irak umgelenkt werden, der übrige Anteil bleibt jedoch weitgehend hängen.
Vereinigte Arabische Emirate
- Die Emirate gehören neben Saudi-Arabien zu den wenigen Staaten in der Region, die einen Teil ihres Rohöls bereits über Pipelines exportieren können. Um mehr Kapazität zu schaffen, wird der Bau einer zusätzlichen West-Ost-Leitung zum Golf von Oman vorgezogen. Sie soll möglichst schon im kommenden Jahr starten. Die Transportmenge auf dieser Route soll von 1,8 auf 3,6 Millionen Barrel täglich steigen.
- Diskutiert wird sogar eine sogenannte „Straße der Einheit“: ein künstlicher Wasserweg quer durch die Emirate vom Persischen Golf bis nach Oman. Ein Architekturbüro aus Dubai hat dazu erste Entwürfe vorgelegt und wirbt mit größerer Stabilität und Kontrolle über Handelsströme. Beobachter halten das Projekt allerdings eher für eine visionäre Idee als für ein realistisch umsetzbares Vorhaben.
Kuwait
- Kuwait sitzt im Nordwesten des Persischen Golfs fest und ist beim Export bislang vollständig auf den Seeweg angewiesen. Nun wird geprüft, ob kuwaitisches Öl über Leitungen in den Emiraten und in Saudi-Arabien auf den Weltmarkt gelangen kann. Kuwaits staatlicher Ölkonzern brachte diesen Vorschlag zuletzt in Washington ins Gespräch. Allerdings werden die vorhandenen Pipelines seit Kriegsbeginn bereits nahezu voll ausgelastet.
- Auch ein Anschluss an die stillgelegte Trans-Arabische Pipeline, die sogenannte Tapline, wird wieder erwogen. Diese Leitung brachte ab 1950 Öl aus Ostsaudi-Arabien über Jordanien und Syrien bis an die libanesische Mittelmeerküste. Später verlor die Route wegen größerer Tanker und der Rückkehr des Suezkanals an Bedeutung; 1990 wurde sie stillgelegt. Für Kuwait ist die Lage besonders ernst: Nach Angaben von Tankertrackers.com verließ im April erstmals seit 1991 überhaupt kein Öl das Land.
Irak
- Der Irak kennt die Folgen unterbrochener Seeexporte aus dem Krieg mit dem Iran in den 1980er Jahren. Als wichtigster Ausweichweg dient eine Pipeline über die Kurdenregion und die Türkei ans Mittelmeer. Trotz politischer Spannungen fließt dort inzwischen wieder Öl; derzeit sind es etwa 220.000 Barrel pro Tag. Bagdad will diese Menge nach Möglichkeit verdreifachen.
- Hinzu kommt eine weitere Leitung durch die Türkei, die kurdisch kontrollierte Gebiete umgeht. Nach einer Testphase sollen über diese Strecke zusätzlich rund 300.000 Barrel täglich exportiert werden.
- Weil der irakische Staat massiv vom Öl abhängt und in normalen Zeiten mehr als 90 Prozent seiner Einnahmen daraus bezieht, wird Rohöl inzwischen auch per Tanklaster über Syrien zum Mittelmeer gebracht. Täglich machen sich Hunderte Lastwagen auf den Weg. Diese Lösung ist deutlich teurer, organisatorisch aufwendig und angesichts möglicher Angriffe oder Überfälle auch riskant.
Was geschieht mit anderen Waren?
Nicht nur beim Öl wird nach Ausweichrouten gesucht. Auch der Containerverkehr versucht, die Straße von Hormus zu umgehen. Die Reederei MSC kündigte im Mai neue Verbindungen an, bei denen Transporte teilweise mit Lastwagen quer durch die saudische Wüste abgewickelt werden, um auf die schwierige Lage im Nahen Osten zu reagieren. Auch Maersk informiert Kunden seit Wochen über neue „Landbrücken“, damit Lieferungen von und nach Saudi-Arabien, Bahrain und Katar weiter möglich bleiben.
Parallel dazu wollen die Türkei und Saudi-Arabien gemeinsam eine Bahnverbindung über Jordanien und Syrien wiederbeleben, deren Ursprünge bis in die Zeit des Osmanischen Reiches zurückreichen. Hinter dem Vorstoß stehen auch strategische Interessen. Wann die Strecke tatsächlich einsatzbereit sein könnte und wer die Kosten übernimmt, ist allerdings noch unklar.
Dennoch zeichnet sich bereits ein Wandel ab. Nach Einschätzung von Branchenbeobachtern wird der sogenannte multimodale Verkehr, also die Kombination verschiedener Transportmittel, in der Region immer wichtiger, weil die Seerouten an Verlässlichkeit verlieren. Umschlagplätze in Saudi-Arabien, Oman und der Türkei, an denen Güter vom Schiff auf Lkw oder Bahn wechseln, könnten damit zu Schlüsselpunkten im weltweiten Containerverkehr werden – in einer Form, wie es sie bislang nicht gab.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber