Hohe Chemikalienbelastung in Shein-Produkten: 7 von 18 Tests über EU-Grenzwert
Mehrere über die Online-Plattform Shein verkaufte Kleidungsstücke und Schuhe sind laut einer Untersuchung des Bremer Umweltinstituts im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) teils stark mit Schadstoffen belastet. Die der dpa vorliegenden Laborergebnisse zeigen: 7 von 18 untersuchten Produkten verstießen gegen EU-Grenzwerte.
Shein nimmt betroffene Artikel vorläufig aus dem Angebot
Shein erklärte auf dpa-Anfrage, man nehme die Vorwürfe der DUH sehr ernst und prüfe den Fall. Bis zum Abschluss der Untersuchung würden die betroffenen Produkte weltweit vorläufig aus dem Sortiment genommen. Außerdem lasse das Unternehmen die gesamte Plattform nach vergleichbaren Artikeln mit ähnlichen Risiken durchsuchen.
Shein betonte zudem, dass Händler und Lieferanten verpflichtet seien, sowohl interne Vorgaben als auch die jeweils geltenden Produktsicherheitsstandards einzuhalten. Nach Unternehmensangaben arbeitet die Plattform dabei auch mit international anerkannten Prüf- und Inspektionsunternehmen zusammen, darunter dem TÜV Süd.
Nicht nur Shein steht in der Kritik
Auch andere Billig-Marktplätze im Internet geraten immer wieder wegen problematischer Produkte in die Kritik, darunter Temu. Die EU-Kommission verhängte gegen Temu zuletzt eine Strafe von 200 Millionen Euro, unter anderem wegen Sicherheitsbedenken bei Ladegeräten und wegen zu hoher Chemikalienbelastungen in Kinderspielzeug. Temu bezeichnete die Sanktion als unverhältnismäßig und verwies darauf, dass sie sich auf eine Risikobewertung aus dem Jahr 2024 beziehe und nicht den aktuellen Stand der Systeme abbilde.
Ulrike Siemers, Co-Geschäftsführerin des Bremer Umweltinstituts, sagte, dass es zuletzt häufiger zu Grenzwertüberschreitungen komme – besonders bei PFAS und oft bei Produkten, die über Online-Plattformen bestellt werden.
Labor findet "bunten Cocktail an Chemikalien"
Nach Angaben des Umweltinstituts wurden in den getesteten Shein-Produkten teils massive Überschreitungen festgestellt. Gefunden wurden unter anderem Schwermetalle, Weichmacher und PFAS. Siemers sprach von einem "bunten Cocktail an Chemikalien" – darunter auch Stoffe, die nicht immer ausdrücklich reguliert seien, aber dennoch ein gesundheitliches Risiko haben könnten.
Besonders auffällig waren zwei Jacken:
- In einer Kinderjacke wurde eine PFAS-Verbindung in mehr als dem 1.100-Fachen des zulässigen Grenzwerts gemessen.
- In einer für Teenager angebotenen Jacke lag der Wert sogar bei mehr als dem 12.000-Fachen des erlaubten Grenzwerts.
PFAS gelten als problematische Ewigkeitschemikalien
PFAS, also per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, werden unter anderem eingesetzt, damit Textilien wasser-, fett- und schmutzabweisend sind. Weil sie sich in Umwelt und Körper anreichern, gelten sie als besonders bedenklich. Laut Umweltbundesamt können einzelne PFAS den Stoffwechsel, den Hormonhaushalt und das Immunsystem beeinflussen; einige stehen zudem im Verdacht, krebserregend zu sein.
Extreme Belastung auch bei Schuhen
Nicht nur Kleidung fiel im Test auf. In einem Paar Damen-Schnürstiefel wurde der Weichmacher DEHP in einer Konzentration von 179.000 Milligramm pro Kilogramm nachgewiesen. Erlaubt wären weniger als 1.000 Milligramm pro Kilogramm. Der gemessene Wert lag damit beim 179-Fachen des zulässigen Grenzwerts.
Warum Phthalate riskant sind
DEHP gehört zur Stoffgruppe der Phthalate. Diese Substanzen wirken hormonähnlich und können die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Nach Angaben der DUH stammten alle getesteten Artikel aus dem Shein-eigenen Sortiment, obwohl die Plattform neben eigenen Produkten auch Waren anderer Anbieter vertreibt.
Deutsche Umwelthilfe mahnt Shein ab
Die DUH hat Shein inzwischen abgemahnt. Nach Angaben der Organisation soll das Unternehmen eine Unterlassungserklärung abgeben, damit die betroffenen gefährlichen Produkte weltweit vom Markt genommen werden. Außerdem will die DUH die Bremer Testergebnisse an die EU-Kommission weiterreichen.
EU-Verfahren gegen Shein läuft bereits
Hintergrund ist ein Verfahren, das die EU-Kommission bereits im Februar gegen Shein eingeleitet hatte. Die Behörde in Brüssel vermutet, dass das Unternehmen nicht entschieden genug gegen illegale Produkte auf seiner Plattform vorgeht und den Verbraucherschutz vernachlässigt.
Für Kritik sorgten in der Vergangenheit unter anderem Angebote wie kindlich wirkende Sexpuppen, genehmigungspflichtige Waffen und Medikamente, die zeitweise über den Marktplatz erhältlich waren. Nach öffentlicher Kritik entfernte Shein diese Angebote.
DSA: Nächste Schritte können noch dauern
Rechtsgrundlage des Verfahrens ist das Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act, DSA). Es verpflichtet große Online-Plattformen zu strengeren Regeln, um Nutzerinnen und Nutzer in der EU besser zu schützen.
Die Verfahren ziehen sich allerdings oft über Jahre. Die Ermittlungen gegen Shein laufen noch. Im nächsten Schritt würde die EU-Kommission zunächst vorläufige Ergebnisse vorlegen. Erst wenn Shein danach nicht ausreichend reagiert oder nachbessert, könnte Brüssel eine Strafe verhängen.
Auch Umweltverstöße können unter den DSA fallen
Zwar zielt der DSA nicht unmittelbar auf Umweltfragen. Produkte, die gegen EU-Recht oder gegen nationales Recht eines Mitgliedstaats verstoßen, können aber trotzdem als illegal gelten. Das kann somit auch Waren betreffen, die Umweltvorgaben nicht einhalten.
Das Gesetz sieht ausdrücklich vor, dass auch Privatpersonen oder zivilgesellschaftliche Organisationen die EU-Kommission auf Missstände hinweisen können. Genau das will die DUH nun tun und die Laborergebnisse aus Bremen als Beleg in das laufende Verfahren einbringen.
Verbraucherschützer sehen seit Längerem Probleme
Die Kritik an Produkten von Shein und Temu ist nicht neu. Die Stiftung Warentest stellte bei Prüfungen von Spielzeug, Schmuck und Elektronik fest, dass 110 von 162 untersuchten Artikeln die EU-Standards nicht erfüllten. Auch Öko-Test meldete bedenkliche Chemikalien in über Shein verkaufter Kleidung. Zu ähnlichen Ergebnissen kam die Arbeiterkammer Oberösterreich bei Untersuchungen von Textilien von Temu und Shein.
Auch von der Verwaltung der südkoreanischen Hauptstadt Seoul veranlasste Tests fanden problematische Stoffe in Produkten, die unter anderem über diese Plattformen verkauft wurden. Zu diesen weiteren Untersuchungen äußerte sich Shein laut dpa nicht.
Experten raten zu Vorsicht beim Online-Kauf
Die Verbraucherzentrale Niedersachsen empfiehlt beim Einkauf auf Online-Marktplätzen, auf denen vor allem chinesische Händler aktiv sind, besondere Vorsicht. Bei sicherheitsrelevanten Produkten wie Spielzeug, Elektrogeräten oder Kosmetik raten Fachleute eher zum Kauf innerhalb der EU. Wichtig seien vollständige Angaben zu Hersteller, Importeur und Sicherheitskennzeichen wie dem CE-Zeichen. Extrem niedrige Preise könnten auf mangelnde Qualität oder Sicherheitsprobleme hindeuten.
Forderung nach strengeren Regeln für Fast Fashion
Die Deutsche Umwelthilfe fordert darüber hinaus ein schärferes Vorgehen gegen Fast Fashion, also extrem billige Mode mit sehr schnell wechselnden Kollektionen. Bei der geplanten Reform des Textilrechts sollten Umweltkriterien aus Sicht der Organisation stärker berücksichtigt werden.
Nach den bislang bekannten Plänen von Umweltminister Carsten Schneider (SPD) sollen Hersteller sich künftig an Organisationen beteiligen, die über Herstellerbeiträge finanziert werden und Sammlung sowie Verwertung von Alttextilien organisieren.
DUH-Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz verlangt dabei eine klare Staffelung: Unternehmen, die giftige, kurzlebige und schwer recycelbare Fast-Fashion-Produkte auf den Markt bringen, sollten deutlich höhere Beiträge zahlen als Hersteller langlebiger, schadstoffarmer und kreislauffähiger Textilien.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber