Mehr Konkurrenz im deutschen Fernverkehr auf der Schiene kann nach Ansicht von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder den Reisenden grundsätzlich nutzen. Zugleich dürfe ein offener Markt nicht dazu führen, dass Anbieter sich nur auf besonders profitable Verbindungen zwischen Großstädten konzentrieren und andere Regionen abgehängt werden.
Keine Rosinenpickerei im Netz
Der CDU-Politiker sagte, gegen Wettbewerb im Bahnfernverkehr sei aus Kundensicht zunächst nichts einzuwenden. Entscheidend sei aber, dass auch abseits der Metropolen ein verlässliches Fernzugangebot bestehen bleibe. Es dürfe nicht passieren, dass ein Unternehmen lediglich gewinnträchtige Strecken bediene, dort hohe Erlöse einfahre und an anderer Stelle Lücken im Netz entstünden. Sollte sich der Markt in größerem Stil in diese Richtung entwickeln, müsse die Politik prüfen, ob und wie sie eingreifen sollte.
Anlass der Debatte ist der geplante Einstieg des italienischen Bahnunternehmens Italo in Deutschland. Ab 2028 will die Firma der Deutschen Bahn im Fernverkehr Konkurrenz machen. Vorgesehen sind zunächst stündliche Fahrten auf der Achse München–Frankfurt–Köln–Dortmund sowie zweistündliche Verbindungen zwischen München, Berlin und Hamburg. Dafür sollen ab Frühjahr 2028 insgesamt 30 Hochgeschwindigkeitszüge für 56 tägliche Fahrten eingesetzt werden.
Sorge in der Bahnbranche
Seit Bekanntwerden dieser Pläne wächst die Unruhe in der Branche. Fahrgastvertreter, Gewerkschaften, Verkehrsverbünde und auch die Deutsche Bahn warnen vor möglichen Nachteilen für den Fern- und Regionalverkehr außerhalb der großen Zentren.

Im Regionalverkehr befürchten Verbünde, dass auf dem bereits stark belasteten Netz rund um wichtige Knotenpunkte zusätzliche Anbieter die Lage weiter verschärfen könnten. Im Fernverkehr gibt es die Sorge, dass die Deutsche Bahn weniger rentable Verbindungen womöglich nicht mehr querfinanzieren kann, wenn sie auf stark nachgefragten Hauptstrecken Trassen an Wettbewerber abgeben muss.
Deutsche Bahn dominiert bisher den Fernverkehr
Aktuell hält die Deutsche Bahn im deutschen Fernverkehr einen Marktanteil von rund 95 Prozent. Im vergangenen Jahr nutzten 136 Millionen Fahrgäste ihre ICE- und Intercity-Züge. Der bislang einzige größere Konkurrent ist Flix mit seinen grünen Fernzügen.
Schnieder betonte, dass ein weiterer Anbieter im Markt nichts grundsätzlich Neues sei. Mit Italo komme lediglich ein Unternehmen hinzu, das womöglich andere Ziele verfolge oder ein anderes Angebot mache.
Vorgaben der Bundesnetzagentur
Zuletzt hatte die Bundesnetzagentur entschieden, dass Wettbewerber auf stark ausgelasteten Strecken künftig mindestens ein Viertel der verfügbaren Kapazitäten erhalten sollen. Das würde bedeuten, dass auf Korridoren mit festgelegten Kapazitätsgrenzen – etwa an den Bahnknoten München und Frankfurt – mindestens ein konkurrierendes Unternehmen neben der Deutschen Bahn verkehren können soll.
Anreize über Trassenpreise möglich
Nach den Worten des Ministers muss das Schienennetz diskriminierungsfrei für Wettbewerber zugänglich sein. Gleichzeitig müsse aber die flächendeckende Anbindung gesichert bleiben – also nicht nur Verbindungen zwischen Zentren wie München und Berlin.
Um das zu erreichen, sieht Schnieder politische Steuerungsmöglichkeiten. So könnten etwa über unterschiedlich hohe Trassenpreise Anreize gesetzt werden. Besonders lukrative und stark genutzte Strecken könnten teurer werden. Diese Trassenpreise sind Gebühren, die Bahnunternehmen für die Nutzung bestimmter Strecken zahlen müssen. Für die Vergabe der Fahrrechte ist die Infrastruktursparte DB InfraGo zuständig.
Auch Flix will wachsen
Nicht nur Italo plant den Ausbau seines Angebots. Auch Flix möchte seine Rolle im Fernverkehr ab 2028 deutlich stärken. Das Unternehmen hat beim spanischen Hersteller Talgo 65 neue Fernzüge im Wert von rund 2,4 Milliarden Euro bestellt. Bislang fährt Flix mit 15 gebrauchten Zügen. Die neuen Fahrzeuge sollen künftig das Rückgrat der Flotte bilden.
Flix-Chef André Schwämmlein kündigte an, man wolle viele Millionen zusätzliche Fahrgäste auf die Schiene bringen. Den geplanten Einstieg von Italo sieht das Unternehmen gelassen. Aus Sicht von Flix dürfte vor allem die Deutsche Bahn unter dem neuen Konkurrenten leiden.
Zugleich verwies Schwämmlein darauf, dass noch offen sei, ob die Regeln der Bundesnetzagentur tatsächlich in der geplanten Form umgesetzt werden. DB InfraGo habe bereits rechtliche Einwände angemeldet, ein Gerichtsverfahren erscheine wahrscheinlich. Für den Wettbewerb auf der Schiene werde sich daher vorerst wohl kaum etwas ändern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber