Steigende Preise für Strom, Heizung und Kraftstoff erhöhen in Deutschland offenbar den Wunsch nach mehr energiepolitischer Eigenständigkeit. In einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag des Hamburger Ökostromanbieters Green Planet Energy gaben 88 Prozent der Befragten an, es sei wichtig, dass Deutschland sich möglichst unabhängig von Energieimporten aus dem Ausland macht. Fast zwei Drittel bewerteten dieses Ziel sogar als sehr wichtig.
Energiewende-Protest in Berlin geplant
Nach Angaben von Civey wurden am 5. und 6. Oktober online 5.000 Menschen ab 18 Jahren befragt. Für den heutigen Freitag ist in Berlin ab 14.00 Uhr zudem eine Demonstration zur Energiewende angekündigt. Unter dem Motto „Ausbauen statt Ausbremsen!“ wollen die Teilnehmenden gegen die geplanten Vorhaben der Bundesregierung zum Netzpaket und zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) protestieren.
Während beim Wunsch nach mehr Unabhängigkeit breite Einigkeit herrscht, fällt das Meinungsbild bei der Frage nach der günstigsten Stromerzeugung deutlich uneinheitlicher aus. 36 Prozent nannten Solarenergie als preiswerteste Option. Knapp dahinter folgte die Atomkraft mit 35 Prozent. Windenergie hielten lediglich 17 Prozent für die günstigste Stromquelle. Gas- und Kohlekraftwerke kamen jeweils nur auf drei Prozent.
Zustimmung zur Atomkraft besonders im Osten und unter AfD-Anhängern
Vor allem in Ostdeutschland wird Atomkraft laut Umfrage als vergleichsweise günstig angesehen. In Sachsen und Sachsen-Anhalt vertraten diese Ansicht 49 beziehungsweise 48 Prozent der Befragten. Noch deutlicher fällt die Zustimmung bei Anhängern der AfD aus: Dort nannten 71 Prozent Atomkraft als vermeintlich billigste Energiequelle.

Tatsächlich gilt sie jedoch als die teuerste Form der Stromproduktion. Nach Daten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE liegen die Stromgestehungskosten neuer Atomkraftwerke zwischen 13,6 und 49 Cent pro Kilowattstunde. Freiflächen-Photovoltaik und Windkraft an Land können Strom dagegen bereits für 4,1 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde erzeugen.
Viele unterschätzen die tatsächlichen Kosten
Green-Planet-Energy-Vorstand Sönke Tangermann erklärte, in der öffentlichen Wahrnehmung würden bei der Atomkraft oft die hohen Investitionen, die langen Bauzeiten sowie die Ausgaben für Rückbau und die Lagerung radioaktiver Abfälle nicht ausreichend berücksichtigt.
Auch bei der Bedeutung der Erneuerbaren als Arbeitgeber zeigt die Umfrage ein verzerrtes Bild. 29 Prozent der Befragten gaben an, die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich gar nicht einschätzen zu können. Weitere 54 Prozent vermuteten, es seien weniger als 400.000 Menschen. Nach Angaben der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) arbeiten in Deutschland jedoch bereits rund 436.000 Menschen im Bereich der erneuerbaren Energien.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber