Politik

«Schande»! Schröders Putin-Besuch entfacht Empörung

Schröder feiert Putins 74. Geburtstag in Moskau – und in Deutschland bricht sofort ein heftiger Sturm der Empörung los.

09.10.2026, 02:53 Uhr

Schröders Putin-Besuch in Moskau löst parteiübergreifend Empörung aus – Merz reagiert „zutiefst empört“, auch Klingbeil kritisiert, Stegner hält dagegen

Der Besuch des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder bei Russlands Präsident Wladimir Putin zu dessen Geburtstag hat in Deutschland neue und teils parteiübergreifende Kritik ausgelöst. Aus Regierung und Opposition kamen scharfe Vorwürfe, der Auftritt schade Deutschlands Ansehen und sende ein fatales Signal mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Rückendeckung erhielt Schröder jedoch erneut vom SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner.

Nach Angaben des Kremls feierte Schröder am Mittwoch gemeinsam mit Putin dessen 74. Geburtstag in Moskau. Der frühere SPD-Kanzler, der von 1998 bis 2005 regierte, gilt seit Jahren als enger Vertrauter Putins. Vor allem wegen seiner Nähe zum Kreml und seiner Tätigkeiten für russische Energiekonzerne ist der 82-Jährige seit Langem umstritten.

Kreml: Putin lud seinen „alten Freund“ zu sich nach Hause ein

Der Kreml erklärte, Putin habe am Mittwochmorgen zunächst aus Medienberichten von Schröders Anwesenheit in Moskau erfahren. Danach habe der Präsident seinen „alten Freund“ zu sich nach Hause eingeladen. Veröffentlicht wurden außerdem Fotos, auf denen beide Männer lächelnd zu sehen sind und sich die Hände fest reichen.

Bereits vor der Geburtstagsfeier war Schröder in Moskau öffentlich aufgetreten. Er besuchte eine Filiale des russischen Ablegers der deutschen Supermarktkette Globus und hielt dort eine Begrüßungsrede vor Beschäftigten. Zuvor war er in den Aufsichtsrat des Unternehmens berufen worden.

Merz nennt den Auftritt „geradezu unmoralisch“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reagierte laut Vize-Regierungssprecher Steffen Meyer „zutiefst empört“ auf Schröders Teilnahme an den Feierlichkeiten. Meyer betonte, allein Putin trage die Verantwortung für den Krieg gegen die Ukraine. Dessen Befehle verursachten jeden Tag „unermessliches Leid“, zivile Opfer, auseinandergerissene Familien sowie Tote und Verwundete.

Vor diesem Hintergrund empfinde der Kanzler es als „geradezu unmoralisch“, dass Schröder an einem solchen Tag mit Putin gefeiert habe.

Auch aus der SPD kommt deutliche Kritik

Inzwischen kommt die Kritik nicht mehr nur aus anderen Parteien, sondern auch aus der SPD-Spitze. Parteichef Lars Klingbeil bezeichnete Schröders Auftritt in Moskau als „völlig inakzeptabel“. Russland führe einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine und habe dort unermessliches Leid verursacht.

Auch die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Siemtje Möller reagierte verärgert. Es mache sie fassungslos, dass Schröder fröhlich mit „Kriegsverbrecher Wladimir Putin“ feiere, während Russland die Ukraine gleichzeitig unerbittlich mit Angriffen überziehe.

Ukrainischer Botschafter spricht von „widerlich“

Scharfe Worte kamen auch aus Kiews Vertretung in Berlin. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, nannte das Treffen „widerlich“. Es sei unerträglich, dass ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler den „Kriegsverbrecher“ Putin so herzlich umarme.

Brisant ist das auch deshalb, weil gegen Putin seit 2023 ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen vorliegt.

Scharfe Kritik von Grünen, FDP und CDU

Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt verurteilte Schröders Reise auf X mit drastischen Worten. Sie sprach von einer Schande für Deutschland, einem Verrat an Europa und einem Bärendienst für den Frieden. Überraschend sei dieses Verhalten bei Schröder allerdings kaum noch.

Auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europaparlament, griff den Altkanzler scharf an. Auf X bezeichnete sie ihn als „Deutschlands frechsten Rentner“. Schröder sei angeblich zu krank für Untersuchungsausschüsse, aber offenbar fit genug für gut bezahlte Mandate in Russland und eine Geburtstagsfeier bei Putin.

Kritik kam zudem aus der CDU. Dennis Radtke, Vorsitzender des CDU-Sozialflügels, erklärte auf X, Schröder sei für einen Untersuchungsausschuss zu krank, aber offenbar gesund genug für eine Reise nach Moskau, ein Treffen mit Putin und „eine frische Ladung Rubel“. Spöttisch sprach er von einer „Wunderheilung à la Rasputin“.

Hintergrund ist, dass Schröder im Jahr 2025 mehrfach Aussagen vor einem Untersuchungsausschuss zur Klimastiftung Mecklenburg-Vorpommern im Zusammenhang mit dem Pipelineprojekt Nord Stream 2 wegen einer Burnout-Erkrankung abgesagt hatte.

Stegner verteidigt Schröders Reise

Anders als viele andere Politiker stellte sich der SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner hinter Schröder. Man müsse in Russland mit denen reden, die dort an der Macht seien, sagte er. Schröder könne Türen zu Putin öffnen. Wenn der Besuch dem Frieden auch nur „einen Millimeter“ gedient habe, sei er ein Erfolg gewesen.

Stegner betonte zudem, der Altkanzler sei einer der wenigen Menschen mit direktem Zugang zu Putin. Diesen Zugang müsse man nutzen. Schröder sei gegen den Krieg und werde Putin sicher nicht dazu ermuntert haben, den Krieg fortzusetzen.

Dem Nachrichtenportal t-online sagte Stegner außerdem, Schröder sei nicht als aktiver Politiker, sondern als Privatmann nach Moskau gereist. In Deutschland solle man deshalb keine „Teufelsaustreibung“ betreiben, wenn ein Altkanzler dorthin fahre.

Innenministerium äußert sich zum Personenschutz

Zur Frage, ob Schröder bei der Reise von Personenschützern begleitet wurde, verwies eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums auf den allgemeinen Schutzauftrag. Die Begleitung von Reisen durch Personenschützer des Bundeskriminalamts sei Teil dieses Auftrags. Das Ministerium genehmige solche Reisebegleitungen nicht und werde darüber auch nicht informiert.

Angriff auf die Ukraine am Tag von Putins Geburtstag

Zusätzliche Brisanz erhielt Schröders Besuch durch die militärische Lage. Ausgerechnet am Geburtstag Putins griff Russland die Ukraine erstmals in diesem Herbst wieder mit einer groß angelegten kombinierten Attacke an – mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach danach von mindestens 25 Toten und mehr als 100 Verletzten. Den Angriff nannte er ein „Geburtstagsgeschenk für Putin“.

Putin brachte Schröder bereits als Vermittler ins Gespräch

Bereits im Mai hatte Putin Schröder als möglichen Vermittler im Krieg gegen die Ukraine ins Spiel gebracht. In der Bundesregierung stieß dieser Vorschlag jedoch auf deutliche Skepsis.

Schröder war nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik über viele Jahre für russische Energieunternehmen tätig. Unter anderem stand er an der Spitze des Verwaltungsrats der Nord Stream 2 AG, einer Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom. Die Ostseepipeline war Ende 2021 fertiggestellt worden, wurde nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 jedoch nicht in Betrieb genommen. Die Bundesregierung unter dem damaligen Kanzler Olaf Scholz verweigerte die dafür nötige Genehmigung.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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