Wirtschaft

Kaum Kunden, hohe Kosten: Droht der Glasfaser-Kollaps?

Glasfaser galt als Goldgrube fürs schnelle Internet. Doch was, wenn die Millionen Kunden plötzlich gar nicht unterschreiben?

30.05.2026, 05:15 Uhr

Rekordtempo beim Glasfaser-Ausbau – dennoch wächst die Sorge in der Branche

Der Ausbau von Glasfaseranschlüssen kommt in Deutschland derzeit so stark voran wie noch nie. Nach einer Untersuchung des Branchenverbands VATM sollen bis Ende des Jahres rund 32 Millionen Haushalte und Unternehmen Zugang zu den schnellen Leitungen haben. Gegenüber dem Vorjahr entspräche das einem Zuwachs von 5,4 Millionen Anschlüssen – ein Höchstwert.

Trotz dieser positiven Entwicklung ist die Stimmung in der Branche alles andere als euphorisch. Hohe Baukosten, gestiegene Finanzierungskosten und vergleichsweise geringe Erlöse setzen viele Unternehmen unter Druck. Denn obwohl Glasfaser vielerorts bereits bis vor die Gebäude verlegt wurde, entscheidet sich bislang nur etwa jeder vierte erreichbare Haushalt tatsächlich für einen Vertrag.

Viele Verbraucher bleiben bei DSL über die Telefonleitung oder beim Internet über das TV-Kabel. Beide Systeme basieren auf Kupfer und gelten technisch als überholt. Glasfaser arbeitet dagegen mit Lichtsignalen und ermöglicht deutlich höhere und stabilere Übertragungsraten.

Hohe Kosten, wenig Abschlüsse

VATM-Geschäftsführer Frederic Ufer beschreibt die Lage auf dem Markt als angespannt. Angesichts der enormen Investitionen müsse der Ausbau wirtschaftlich tragfähig sein – genau das sei derzeit schwierig. Auch Sascha Brok vom Breitbandverband Anga kritisiert, dass regulatorische Unsicherheiten Investitionen eher erschweren als fördern.

Wie ernst die Situation ist, zeigt ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen: Die Unternehmensgruppe Ruhrfibre und Metrofibre befindet sich in einem vorläufigen Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, nachdem Finanzierungspartner frühere Zusagen zurückgezogen hatten. Nun werden neue Geldgeber gesucht. In Essen sind bereits rund 100.000 Haushalte in Reichweite des Netzes, geplant waren 137.000. Der Ausbau liegt nun auf Eis. Auch in Städten wie Herne, Bottrop, Mönchengladbach und Düsseldorf hatte das Unternehmen große Pläne – ob diese noch umgesetzt werden, ist offen.

Deutsche Glasfaser-Chef Andreas Pfisterer
Deutsche-Glasfaser-Chef Andreas Pfisterer hat Investorengeld gesucht und gefunden. Quelle: Wolf von Dewitz/dpa

Milliarden und Millionen als Rettungsanker

Andere Anbieter konnten eine Insolvenz zwar vermeiden, mussten aber ebenfalls dringend neues Kapital auftreiben. So teilte die Düsseldorfer Deutsche Glasfaser vor kurzem mit, sich 1,2 Milliarden Euro gesichert zu haben. Auch Deutsche Giganetz aus Hamburg bekam im vergangenen Jahr eine Finanzierung über 300 Millionen Euro. Die Kieler GVG Glasfaser meldete im Februar zusätzliche 135 Millionen Euro. Nicht allen Unternehmen gelang dieser Schritt – manche sind inzwischen vom Markt verschwunden.

Auf der Fachmesse Anga Com kündigte Deutsche-Glasfaser-Chef Andreas Pfisterer an, die eigenen Ausbauziele zu reduzieren. Die Suche nach Investoren sei schwierig geworden. Der Glasfaser-Ausbau in Deutschland gelte bei vielen Kapitalgebern inzwischen fast als riskantes Thema.

Geringe Nachfrage bremst das Geschäft

Obwohl Glasfaser-Tarife heute deutlich günstiger sind als noch vor einigen Jahren, bleibt die Nachfrage verhalten. Rund drei Viertel der Haushalte, bei denen Glasfaser verfügbar wäre, schließen keinen Vertrag ab. Gründe dafür gibt es mehrere: Manche Vermieter blockieren die nötige Verkabelung innerhalb des Gebäudes, andere Haushalte reagieren auf Angebote überhaupt nicht.

Um mehr Verträge zu gewinnen, setzt die Branche verstärkt auf Vertrieb an der Haustür. Doch gerade diese Methode sorgt regelmäßig für Ärger, weil sich manche Vertreter zu aufdringlich verhalten. Verbraucherschützer erhalten dazu immer wieder Beschwerden.

In Deutschland gibt es etwa 300 Glasfaserfirmen, von denen rund zwei Drittel weniger als 10.000 Haushalte versorgen. Der Markt ist also stark zersplittert. Eine dominante Rolle spielt jedoch weiterhin die Deutsche Telekom. Nach Einschätzung von VATM-Vertretern nutzt der Konzern seine starke Marktstellung und setzt kleinere Konkurrenten damit zusätzlich unter Druck.

Telekom prägt den Markt – und die alten Netze bleiben stark

Die Telekom weist diese Kritik zurück und betont, mit ihren Milliardeninvestitionen den Ausbau entscheidend vorangebracht zu haben. Tatsächlich stammt laut VATM-Studie knapp die Hälfte der bis Jahresende erwarteten erreichbaren Glasfaseranschlüsse von der Telekom – rund 15,1 Millionen. Vodafone kommt über seine Tochter OXG bislang nur auf etwa 0,6 Millionen sogenannte "Homes Passed", also erreichbare Haushalte.

Bemerkenswert ist dabei: Telekom und Vodafone treiben den Glasfaserausbau zwar voran, verdienen aber gleichzeitig weiterhin an älteren Technologien. Bei der Telekom ist das vor allem DSL, bei Vodafone das TV-Kabelnetz. Noch immer nutzen 21,8 Millionen Haushalte DSL, weitere 8,5 Millionen beziehen Internet über das Fernsehkabel. Viele Kunden bleiben also bei den bestehenden Anschlüssen, obwohl Glasfaser teils zum gleichen Preis oder nur mit geringem Aufschlag erhältlich wäre.

Kupfernetze bremsen den Wechsel

Ufer sieht genau darin ein zentrales Hindernis. Für viele Menschen sei DSL in Deutschland noch ausreichend. Während in anderen großen EU-Staaten über DSL oft nur etwa 50 Megabit pro Sekunde erreichbar seien, seien hierzulande bis zu 250 Megabit möglich. Über Koaxialkabel im TV-Netz seien sogar Geschwindigkeiten von bis zu 1000 Megabit drin. Für viele Kunden stellt sich daher die Frage, warum sie überhaupt wechseln sollten.

Aus Sicht des VATM ist die weite Verbreitung von DSL ein echter Bremsfaktor für den Glasfasermarkt. Der Verband hofft deshalb auf gesetzliche Änderungen, mit denen der Bund den schrittweisen Rückbau des alten Kupfernetzes vorantreibt und so den Weg für echte Glasfaseranschlüsse bis in die Wohnung oder ins Haus freimacht.

Die Telekom möchte ihre DSL-Kunden zwar ebenfalls auf Glasfaser umstellen – allerdings bevorzugt auf eigene Anschlüsse und nicht auf Netze der Konkurrenz. Zu einem Zwangswechsel will der Konzern seine Kunden aber nicht drängen, um keine Verärgerung zu provozieren. Eine deutsche Gesetzesänderung wird für 2026 erwartet, auf europäischer Ebene könnten strengere Regeln ab 2028 zusätzlichen Druck erzeugen.

Branche setzt auf steigenden Bedarf

Trotz der aktuellen Probleme rechnet Ufer langfristig mit wachsender Nachfrage. Deutschland werde immer digitaler, und Glasfaser sei für die stetig wachsenden Datenmengen die beste technische Grundlage. Auch die zunehmende Nutzung von Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz zeige, wie wichtig leistungsfähige Internetverbindungen seien.

Sein Fazit: Die Perspektiven für Glasfaser bleiben gut – doch bis sich die gewaltigen Investitionen auszahlen, brauchen die Unternehmen Geduld und finanzielle Ausdauer.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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