Wirtschaft

IW: Osten fällt wirtschaftlich weiter zurück

Seit Jahren kein Fortschritt: Warum Ostdeutschland wirtschaftlich weiter an der 80-Prozent-Marke scheitert

03.10.2026, 16:50 Uhr

Ostdeutschland bleibt wirtschaftlich weiter hinter dem Westen zurück

Mehr als 35 Jahre nach der deutschen Einheit ist der wirtschaftliche Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland weiterhin deutlich. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kamen die fünf ostdeutschen Flächenländer 2025 auf knapp 79 Prozent des westdeutschen Niveaus. Im Jahr zuvor waren es etwas mehr als 78 Prozent.

Zwar hat der Osten seit 1991 spürbar aufgeholt: Damals erreichte die Wirtschaftskraft laut IW erst 51 Prozent des Westniveaus. In den vergangenen fünf Jahren ist dieser Annäherungsprozess jedoch weitgehend zum Stillstand gekommen. Seit 2020 bewegt sich der Wert nur zwischen 78 und 79 Prozent, die Marke von 80 Prozent wurde bislang nicht überschritten.

Für seinen Einheitsindex betrachtet das IW mehrere Kennziffern, die den wirtschaftlichen Aufholprozess seit 1990 abbilden. Dazu zählen neben der Wirtschaftsleistung pro Einwohner auch die Produktivität, der Kapitalstock, der Anteil hochqualifizierter Beschäftigter in Forschung und Entwicklung, die Erwerbsbeteiligung sowie Arbeitslosen- und Selbstständigenquote.

Schwächen vor allem bei Forschung und Entwicklung

Besonders große Rückstände sehen die Experten im Bereich Forschung und Entwicklung. Beim dort beschäftigten Personal erreicht Ostdeutschland nur gut 46 Prozent des westdeutschen Werts. Nach Einschätzung des IW sind Hochschulen und öffentliche Institute im Osten zwar vergleichsweise gut aufgestellt. In der Privatwirtschaft fehlen jedoch viele Forscher, weil große Unternehmen dort seltener vertreten sind.

TU Dresden
An den Universitäten wird geforscht, in den Unternehmen aber zu wenig. (Archivbild) Quelle: Robert Michael/dpa

Auch bei weiteren Indikatoren geht es kaum voran. So nimmt die Erwerbsbeteiligung ab: Gemessen an der Gesamtbevölkerung lag sie 2010 im Osten noch bei knapp 89 Prozent des Westniveaus, 2025 nach IW-Angaben nur noch bei gut 85 Prozent.

Bei den Investitionen zeigt sich ebenfalls wenig Bewegung. Der Kapitalstock je Einwohner – also der Wert von Maschinen, Fabriken, Straßen und Gebäuden – hat sich seit rund 15 Jahren kaum angenähert. 2010 lag dieser Wert im Osten bei knapp 77 Prozent des Westens, 2025 bei gut 79 Prozent.

Demografischer Wandel bremst zusätzlich

Nach einer IW-Prognose dürfte die Bevölkerung in Ostdeutschland bis 2045 ohne Zuwanderung um mehr als ein Fünftel schrumpfen. Der Rückgang wäre damit deutlich stärker als in Westdeutschland. Aus Sicht der Forscher sind die ostdeutschen Länder deshalb in besonderem Maße auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen.

Mit Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse äußert das Institut jedoch Zweifel, ob die notwendige Offenheit für Zuwanderung gesichert bleibt. Das verschlechtere die Perspektiven für den weiteren Aufholprozess.

Kritisch bewertet das IW zudem Forderungen mehrerer ostdeutscher Ministerpräsidenten, an der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren festzuhalten. Gerade wegen seiner Altersstruktur sei Ostdeutschland darauf angewiesen, erfahrene Beschäftigte länger im Arbeitsleben zu halten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen