Hessen

Was vor der Buchmesse jetzt brodelt

Shida Bazyar gewinnt den Buchpreis – doch was sorgt auf der Frankfurter Buchmesse jetzt für den größten Wirbel?

06.10.2026, 04:00 Uhr

In Frankfurt am Main dreht sich in dieser Woche alles um Bücher – und um die Frage, wie Lesen, Schreiben und Denken im Zeitalter Künstlicher Intelligenz bewahrt werden können. Zur 78. Frankfurter Buchmesse werden bis Sonntag mehr als 250.000 Besucherinnen und Besucher erwartet.

Schon zum Auftakt bestimmten KI, Urheberrecht und die nachlassende Lesekompetenz vieler junger Menschen die Diskussion. Die US-Historikerin und Pulitzer-Preisträgerin Jill Lepore warnte bei der Eröffnungs-Pressekonferenz, die Menschheit stehe "auf des Messers Schneide der Geschichte". Sie müsse entscheiden, ob sie zulassen wolle, dass Maschinen das Lesen, Schreiben und sogar das Denken übernähmen.

Lepore sagte, KI bedrohe Kunst und Literatur, die Freiheit des Denkens, demokratische Gesellschaften und womöglich sogar die Menschheit selbst. Wer vor einem "Maschinenstaat" kapituliert, verliere nicht nur Freiheit, sondern auch den Verstand, so die Harvard-Professorin. Die Buchmesse sei deshalb ein Ort, an dem die Unabhängigkeit des Lesens und Schreibens verteidigt werde. Gedanken, Worte und Bücher gehörten den Menschen.

Guggolz warnt vor Folgen schwacher Lesekompetenz

Auch Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, schlug Alarm. Wer unterschiedliche Positionen nicht lesend verstehen und gegeneinander abwägen könne, habe es schwer, sich eine fundierte Meinung zu bilden. Laut der jüngsten Pisa-Studie fehlt jedem dritten 15-Jährigen die grundlegende Lesekompetenz.

Nach Guggolz‘ Einschätzung verschärft der Vormarsch von KI dieses Problem eher noch. Er sprach von einem "doppelten Raubzug": Wenn die Politik nicht handle, werde KI nicht nur weiterhin millionenfach urheberrechtlich geschützte Werke ausbeuten, sondern langfristig auch die Denkfähigkeit der Gesellschaft angreifen.

Weimer fordert härteres Vorgehen gegen Big Tech

Bei der offiziellen Eröffnung warnte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vor der Macht großer Technologiekonzerne. Europa müsse hier gemeinsam gegenhalten, sagte er. Die Macht von "Big Tech" müsse entschlossen begrenzt werden.

Weimer sprach sich zudem dafür aus, über ein Social-Media-Verbot für Kinder zu diskutieren. Das allein reiche aus seiner Sicht aber nicht. Nötig sei auch, Konzerne wie Meta dazu zu zwingen, ihre Algorithmen zu verändern.

Zugleich kündigte Weimer eine neue Auszeichnung an: das "Literarische Wort des Jahres". Der Preis soll ab 2027 vergeben werden und als positives Gegenstück zum "Unwort des Jahres" dienen. Eine Jury soll dafür ältere Literatur und Neuerscheinungen nach besonders gelungenen sprachlichen Schöpfungen durchsuchen.

120 Verlage fordern Regeln für KI

Zusätzlichen Druck macht ein "Frankfurter Appell", den 120 Verlage unterstützen. Darin verlangen sie Transparenz darüber, welche Werke für das Training von KI-Modellen genutzt werden, faire Lizenzmodelle und wirksame Mittel, um das Urheberrecht durchzusetzen.

Deutscher Buchpreis für Shida Bazyar

Bereits am Montagabend wurde der Deutsche Buchpreis vergeben. Ausgezeichnet wurde Shida Bazyar für ihren Roman Die Lücken. Die 1988 in Rheinland-Pfalz geborene Autorin erzählt darin aus einem erfundenen Ort im Hunsrück heraus ein vielschichtiges Panorama von fast hundert Jahren deutscher Geschichte. Die Jury würdigte das Werk als einen "Roman gegen Gleichgültigkeit".

Der Preis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert. Bazyar erhält 25.000 Euro, die übrigen Finalistinnen und Finalisten der Shortlist – Franziska Gänsler, Valeria Gordeev, Elias Hirschl, Peggy Mädler und Dana Vowinckel – jeweils 2.500 Euro.

Branche wirtschaftlich unter Druck, Boos verabschiedet sich

Die wirtschaftliche Lage der Buchbranche bleibt angespannt. Der Umsatz lag 2025 mit 9,62 Milliarden Euro um 2,7 Prozent unter dem Vorjahreswert. Nach Angaben des Börsenvereins setzte sich der Rückgang in den ersten acht Monaten 2026 fort.

Der scheidende Buchmessen-Direktor Juergen Boos sagte, ein permanentes digitales Spektakel lenke vom Denken ab. Aufmerksamkeit sei heute hart umkämpft; zwischen Buch und Publikum stünden immer mehr Plattformen, Empfehlungen und Algorithmen. Die Antwort beginne mit direkter Begegnung – und genau dafür stehe die Messe. Sein Fazit zum Auftakt: "Frankfurt leuchtet."

Für Boos ist es nach 21 Jahren die letzte Buchmesse an der Spitze. Er geht in den Ruhestand. Nachfolger wird Joachim Kaufmann, langjähriger Geschäftsführer des Carlsen Verlags. Zum Abschied wurde Boos per Videobotschaft unter anderem von Salman Rushdie gewürdigt. Trotz aller Probleme sei in Frankfurt auch Zuversicht spürbar, betonte Guggolz: Die Liebe zum Buch blühe weiter.

Tschechien zwischen Küstenfantasie und Protest

Ehrengast der diesjährigen Messe ist Tschechien. Der Auftritt steht unter dem bewusst irritierenden Motto Ein Land an der Küste. Im Pavillon wird das Binnenland in eine Fantasielandschaft am Meer verwandelt – mit knalligen Bojen, Leuchtturm-Motiven und großformatigen Projektionsflächen. Rund 75 Autorinnen und Autoren aus Tschechien reisen nach Frankfurt.

Überschattet wurde der Auftritt des Gastlands jedoch von Protesten während der Rede des tschechischen Kulturministers Oto Klempir. Es gab Zwischenrufe und Pfiffe, zudem hielt ein Mann ein Plakat hoch.

Bejubelt wurde dagegen die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova. Sie betonte, Minister kämen und gingen, "aber die Literatur bleibt". Literatur und Politik ließen sich nicht trennen, sagte sie. Der Kampf um die Macht der Worte sei auch ein Kampf um die Welt.

Großes Programm mit prominenten Gästen

Zu den bekanntesten Gästen zählen in diesem Jahr Musiker und Autor Wolf Biermann, die Französin Gisèle Pelicot sowie Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead. Außerdem werden unter anderem Robert Habeck und Regisseur Volker Schlöndorff erwartet.

Das Veranstaltungsprogramm wurde ausgebaut: Auf zehn Bühnen treten mehr als 1.000 Sprecherinnen und Sprecher auf. Mit besonderer Spannung wird am Samstag die Bekanntgabe des Jugendworts erwartet. Den Schlusspunkt setzt die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den französisch-britischen Menschenrechtsanwalt Philippe Sands.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen