Wirtschaft

Industrie-Schock: Jobs auf 10-Jahres-Tief

Keine Massenentlassungen – und doch schrumpft die Industrie. Warum ausgerechnet unbesetzte Jobs zum Problem werden.

18.06.2026, 07:26 Uhr

Studie: Industrie-Beschäftigung in Deutschland auf tiefstem Stand seit zehn Jahren

Die Zahl der Menschen, die in Deutschland in der Industrie arbeiten, ist nach einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung auf den niedrigsten Wert seit einem Jahrzehnt gefallen. Zwar sind derzeit noch rund 6,6 Millionen Personen in der Branche beschäftigt, doch weil andere Wirtschaftsbereiche gleichzeitig gewachsen sind, sank der Anteil der Industrie am gesamten Arbeitsmarkt von 22 Prozent im Jahr 2014 auf inzwischen 19 Prozent. Die Studie wurde vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Stiftung erstellt.

Nach Einschätzung der Forschenden ist dieser Rückgang im laufenden Strukturwandel aber nicht vor allem auf massenhafte Entlassungen zurückzuführen. Vielmehr besetze die Industrie frei werdende Stellen zunehmend zögerlich. Bis 2019 hätten sich Neueinstellungen und beendete Arbeitsverhältnisse noch weitgehend parallel entwickelt. Seitdem gehe die Entwicklung jedoch auseinander: Neueinstellungen nähmen deutlich stärker ab als Beschäftigungsverhältnisse endeten.

Warnsignal bei Neueinstellungen

Luisa Kunze, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung, wertete die sinkende Zahl neuer Jobs als deutliches Warnzeichen für die künftige Entwicklung am Arbeitsmarkt. Nötig seien eine stärkere Nachfrage nach Arbeitskräften in der Industrie sowie insgesamt mehr Bewegung auf dem Arbeitsmarkt. Nur so entstünden wieder bessere Chancen für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, Wechsel zwischen Jobs würden erleichtert und die Industrie könne sich weiter modernisieren.

Aus Sicht von Beschäftigten hat die Branche in den vergangenen Jahren zudem an Anziehungskraft eingebüßt. Laut Studie lag der Lohnvorteil bei Einstiegsgehältern gegenüber anderen Branchen 2014 noch bei 20,4 Prozent. 2024 betrug dieser Vorsprung nur noch 10,4 Prozent. Auch bei längerfristig Beschäftigten schrumpfte der Einkommensvorteil: von 16,5 Prozent im Jahr 2014 auf 8,7 Prozent zehn Jahre später. Zugleich betonen die Autoren der Studie, dass das Risiko, in der Industrie den Arbeitsplatz zu verlieren, 2024 geringer gewesen sei als noch zehn Jahre zuvor.

Studie vor dem "Tag der Industrie"

Veröffentlicht wurde die Untersuchung kurz vor dem "Tag der Industrie", der am 22. und 23. Juni in Berlin stattfindet. Dort wird auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erwartet. Im Vorfeld hatte der Bundesverband der Deutschen Industrie erklärt, dass "Made in Germany" stark unter Druck stehe. Die seit Jahren schwächelnde Branche verweist im internationalen Wettbewerb auf hohe Kosten in Deutschland und warnt vor einer schleichenden Deindustrialisierung. Unternehmen verlagerten ihre Produktion zunehmend ins Ausland.

Die Bundesregierung will nach eigenen Angaben bis Mitte Juli ein umfassendes Reformpaket auf den Weg bringen. Vorgesehen sind unter anderem Vorhaben zur Rente, zum Bürokratieabbau und zu mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt. Merz hatte wiederholt erklärt, die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft habe für die Regierung oberste Priorität.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen