Wirtschaft

EZB dreht erstmals seit 2023 an den Zinsen

Zins-Schock aus Frankfurt: Die EZB dreht erstmals seit 2023 wieder an der Zinsschraube – was das jetzt für Sparer bedeutet

11.06.2026, 14:16 Uhr

EZB erhöht Leitzinsen wegen Iran-Krieg – weitere Schritte bleiben offen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen im Euroraum erstmals seit September 2023 wieder angehoben. Der für Banken und Sparer besonders wichtige Einlagenzins steigt um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent. Der Schritt war an den Finanzmärkten weitgehend erwartet worden.

Mit der ersten Zinserhöhung seit fast drei Jahren reagiert die Notenbank auf den jüngsten Inflationsschub. Auslöser ist vor allem der Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs, der Energie verteuert und damit die Teuerung im Euroraum nach oben treibt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde machte in Frankfurt deutlich, dass es sich aus ihrer Sicht um mehr als eine reine Vorsichtsmaßnahme handelt: Der Krieg könne die Inflation weiter anfachen und zugleich die Wirtschaft schwächen.

Auf einen festen Kurs für die kommenden Sitzungen legte sich Lagarde nicht fest. Mit Blick auf den ungelösten Konflikt sagte sie lediglich: „Es wird kommen, wie es kommen muss.“ Zuletzt hatte die EZB den Einlagenzins siebenmal in Folge bei 2,0 Prozent belassen.

Auftakt für weitere Zinsschritte?

Viele Volkswirte rechnen damit, dass es in diesem Jahr nicht bei einer einzigen Zinserhöhung bleibt. Eine längere Serie erwarten sie aber eher nicht. Höhere Zinsen verteuern Kredite für Verbraucher und Unternehmen, bremsen die Nachfrage und können so den Preisauftrieb dämpfen. Für die ohnehin schwache Konjunktur sind steigende Zinsen allerdings eine zusätzliche Belastung.

Die EZB steckt damit in einer Zwickmühle: Strafft sie die Geldpolitik zu stark, droht sie die Wirtschaft weiter abzuwürgen. Der Außenhandelsverband BGA warnt deshalb, Zinserhöhungen träfen vor allem den Mittelstand, der vielfach auf Kredite angewiesen sei.

Auch aus der Finanzbranche kommen vorsichtige Töne. Der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes BdB, Heiner Herkenhoff, betonte, aus dem jetzigen Schritt ergebe sich kein Automatismus für eine weitere Zinserhöhung bereits im Juli. Die EZB verschaffe sich zunächst Zeit, um Preis- und Wirtschaftsentwicklung über den Sommer hinweg genauer zu beobachten. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hält dennoch einen weiteren Schritt im September für wahrscheinlich.

Inflation liegt klar über dem EZB-Ziel

Die EZB will mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent erreichen. Davon ist der Euroraum derzeit deutlich entfernt: Im Mai lagen die Verbraucherpreise ersten amtlichen Schätzungen zufolge 3,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats.

Auch in Deutschland zogen die Preise zuletzt wieder an. Vor allem gestiegene Spritkosten wirkten inflationstreibend, der Tankrabatt sorgte im Mai aber für eine gewisse Abschwächung auf 2,6 Prozent. Ifo-Präsident Clemens Fuest bezeichnete die Zinserhöhung deshalb als richtigen Schritt. Solange die Inflation im Euroraum über drei Prozent liege und es kaum Hoffnung auf eine rasche Entspannung im Iran-Konflikt gebe, sei ein Eingreifen der EZB sinnvoll.

Die Notenbank selbst rechnet inzwischen mit einer stärkeren und länger anhaltenden Teuerung als bisher. Für das laufende Jahr erwartet sie im Euroraum im Schnitt 3,0 Prozent Inflation. Gleichzeitig dürfte die Wirtschaft nur noch um 0,8 Prozent wachsen. Selbst für 2027 prognostiziert die EZB noch eine Inflationsrate von 2,3 Prozent und damit weiter mehr als ihr Zielwert.

Ökonomen befürchten, dass der Krieg im Nahen Osten nicht nur Tanken und Heizen verteuert, sondern über höhere Energie- und Transportkosten auch viele andere Waren und Dienstleistungen teurer macht.

Sparer können auf bessere Konditionen hoffen

Für Sparer könnten sich die höheren Leitzinsen auszahlen, wenn Banken die Anhebung weitergeben. Die Sparzinsen waren zuletzt bereits gestiegen, weil der Schritt der EZB an den Märkten erwartet wurde.

Nach Daten des Vergleichsportals Verivox gibt es für bundesweit verfügbares Festgeld mit zwei Jahren Laufzeit derzeit im Schnitt gut 2,3 Prozent. Tagesgeld bringt im Mittel 1,3 Prozent, einzelne Institute werben für Neukunden vorübergehend sogar mit bis zu 4 Prozent.

Verivox erwartet, dass sich die Konditionen mit steigenden Leitzinsen weiter verbessern könnten. Vor allem beim Festgeld dürfte sich der Zinsanstieg in ähnlichem Tempo wie zuletzt fortsetzen.

Für Hausbauer hingegen sind Kredite in den vergangenen Monaten bereits teurer geworden. Selbst wenn die EZB noch einmal anhebt, dürfte sich daran nach Einschätzung von VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel wenig ändern, weil ein weiterer Schritt von den Banken bereits eingepreist sei.

Kann die EZB eine neue Preiswelle verhindern?

Die EZB will verhindern, dass sich der jüngste Energieschock auf immer mehr Bereiche der Wirtschaft ausweitet. Der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, Jörg Asmussen, hält das Eingreifen der Notenbank für notwendig, bevor der Preisdruck von Energie auf andere Branchen überspringt.

Zugleich verweist Asmussen auf die Grenzen der Geldpolitik: Zinserhöhungen könnten zwar die Nachfrage dämpfen, den eigentlichen Angebotsschock aber nicht beseitigen. Genau darin liegt das Problem für die EZB.

Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 war die Notenbank dafür kritisiert worden, den damaligen Inflationsschub in der Energiekrise zu lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum stieg zeitweise auf mehr als zehn Prozent. Die Folgen sind bis heute spürbar: Nahrungsmittel kosten inzwischen rund ein Drittel mehr als 2019.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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