Ölmarkt bleibt trotz Nahost-Krise ruhig – Brent fällt nach Trump-Entscheidung unter 90 Dollar
Die Märkte reagierten zuletzt deutlich auf ein politisches Signal aus Washington: US-Präsident Donald Trump sagte die für Donnerstagabend angekündigten schweren Angriffe auf den Iran ab und verwies auf den Stand möglicher Verhandlungen. An den Börsen sorgte das für Erleichterung, während die Ölpreise spürbar nachgaben. Die Nordseesorte Brent fiel unter 90 US-Dollar je Barrel und lag damit fast vier Prozent unter dem Vortagsniveau.
Allerdings zeigte sich der Ölmarkt schon zuvor erstaunlich unbeeindruckt von der Zuspitzung im Nahen Osten. Seit Ende Mai kostet Brent-Rohöl stabil weniger als 100 US-Dollar je Barrel. Selbst wechselseitige Angriffe zwischen den USA und dem Iran sowie Berichte über eine Sperrung der für den Welthandel zentralen Straße von Hormus lösten bisher keine größeren Preissprünge aus.
Zu Beginn des Krieges Ende Februar war das noch anders: Damals trieb die faktische Blockade der Meerenge den Brent-Preis binnen kurzer Zeit von rund 75 auf etwa 120 Dollar je Barrel. Inzwischen hat sich die Lage am globalen Ölmarkt jedoch verändert. Fachleute nennen mehrere Gründe, warum der Preisdruck derzeit begrenzt bleibt.
Mehr Transporte über Pipelines
Weil Öltanker die Straße von Hormus kaum noch nutzen können, setzen wichtige Förderländer am Persischen Golf verstärkt auf alternative Routen. Ein größerer Teil des Rohöls wird inzwischen per Pipeline zu Exporthäfen am Roten Meer oder am Golf von Oman geleitet.
Nach Angaben von Commerzbank-Rohstoffexperte Carsten Fritsch nutzt Saudi-Arabien dafür verstärkt die East-West-Pipeline zum Hafen Yanbu am Roten Meer. Vor der Schließung der Meerenge sei diese Leitung nur zu etwa einem Drittel ausgelastet gewesen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen mit der Verbindung zum Hafen Fujairah über eine Ausweichroute. Fritsch schätzt, dass derzeit rund vier Millionen Barrel pro Tag über solche Wege umgeleitet werden können. Vor dem Krieg wurden durch die Straße von Hormus täglich etwa 20 Millionen Barrel transportiert.
Zugleich gehen Analysten inzwischen davon aus, dass trotz der Einschränkungen mehr Tanker die Meerenge passieren als Tracking-Daten nahelegen. Ferdinand Bost vom Bankhaus Metzler verweist auf Schätzungen, wonach bis zu 2,9 Millionen Barrel pro Tag weiterhin durch die Straße von Hormus gelangen könnten.
China kauft weniger Öl am Weltmarkt
Ein weiterer dämpfender Faktor ist die Entwicklung in China. Während die Ölpreise im März stark anzogen, begann das Land als einer der größten Importeure, stärker auf seine strategischen Reserven zurückzugreifen. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat über Jahre erhebliche Bestände aufgebaut.
Experten der Dekabank gehen davon aus, dass China seinen Bedarf derzeit zumindest teilweise aus den eigenen Lagern decken kann. Dadurch muss das Land vorerst weniger teures Öl auf dem Weltmarkt einkaufen.
Höhere Exporte aus den USA
Die geringeren Lieferungen aus dem Persischen Golf führten vor allem in Asien zu Engpässen. Andere Produzenten haben darauf reagiert und ihre Ausfuhren ausgeweitet. Besonders deutlich ist das bei den USA zu beobachten.
Zuletzt exportierten die Vereinigten Staaten rund fünf Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Zuwachs von fast 50 Prozent.
Davon profitiert auch das vergleichsweise teure US-Öl, das oft mittels Fracking gefördert wird. Nach Einschätzung der Dekabank ist das derzeitige Preisniveau hoch genug, um die USA als globalen Öllieferanten wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu machen.
Elektroautos gewinnen an Bedeutung
Der kräftige Ölpreisanstieg der vergangenen Monate hat zudem das Verhalten vieler Verbraucher verändert. Fachleute rechnen damit, dass der Iran-Krieg den Trend zur Elektromobilität weiter beschleunigt.
Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass der weltweite Absatz von Elektroautos durch die anhaltende Blockade der Straße von Hormus zusätzlichen Rückenwind erhält. IEA-Direktor Fatih Birol betonte, sinkende Batteriepreise und mögliche politische Reaktionen auf die aktuelle Energiekrise könnten den Märkten für E-Fahrzeuge weiteren Schwung verleihen.
Freigabe strategischer Ölreserven
Schon kurz nach Kriegsbeginn hatte die Internationale Energieagentur ihren Mitgliedsländern erlaubt, eine Rekordmenge an strategischen Reserven freizugeben, um die Folgen des Konflikts zu begrenzen. Vor allem die USA griffen in großem Umfang auf ihre Bestände zurück.
Nach Einschätzung von Commerzbank-Experte Fritsch sind die US-Rohölreserven seit Ende März um 86 Millionen Barrel gesunken. Ein Teil davon sei auch ins Ausland exportiert worden.
Schwächere Konjunktur bremst die Nachfrage
Die Freigabe von Reserven soll größere Schäden für die Volkswirtschaften der Industriestaaten abfedern. Dennoch belastet der Iran-Krieg bereits die Konjunktur, auch in Deutschland. In vielen Ländern wird für dieses Jahr nur noch mit deutlich geringerem Wirtschaftswachstum gerechnet.
Das hat Folgen für den Energiebedarf: Wenn die wirtschaftliche Dynamik nachlässt, sinkt in der Regel auch der Verbrauch von Rohöl. Auch dieser Effekt dürfte die Ölpreise in den kommenden Monaten eher bremsen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion