BDI warnt vor wachsendem Druck durch China
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht die deutsche und europäische Wirtschaft zunehmend durch China unter Druck. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner sprach von einem „China-Schock 2.0“, der längst nicht mehr nur einzelne Sektoren treffe, sondern große Teile der Industrie.
Als Ursachen nannte sie unter anderem Abhängigkeiten bei wichtigen Rohstoffen, eine aus Sicht des Verbands deutlich unterbewertete chinesische Währung sowie staatlich geförderte Überkapazitäten. Weil die Nachfrage im chinesischen Binnenmarkt schwach sei und andere Märkte – vor allem die USA – sich stärker abschotteten, gelangten diese Überkapazitäten verstärkt in den europäischen Binnenmarkt. Hinzu komme Pekings Ziel, bei Schlüsseltechnologien weltweit die Führung zu übernehmen.
Europa soll handeln, aber offen bleiben
Trotz der schwierigen Lage sieht Gönner Handlungsmöglichkeiten für Europa. Ein großer Teil des Welthandels werde weiterhin nach den Regeln der Welthandelsorganisation WTO abgewickelt, und viele Staaten hielten am regelbasierten Handel fest. Dass die EU derzeit Handelsabkommen voranbringe, die lange blockiert gewesen seien, wertete sie als wichtiges Signal.
Dazu zählt auch das Mercosur-Abkommen zwischen der Europäischen Union und Brasilien, Argentinien, Paraguay sowie Uruguay, das Anfang Mai vorläufig in Kraft getreten war. Durch den schrittweisen Abbau von Zöllen und anderen Handelshemmnissen soll der Austausch von Waren und Dienstleistungen erleichtert werden.

Mehr Durchsetzungskraft gefordert
Nach Ansicht des BDI braucht Europa gegenüber China mehr Konsequenz, jedoch keine vollständige Abschottung. Ziel müsse sein, die regelbasierte internationale Ordnung zu stärken und sich gleichzeitig wirksam gegen unfaire Wettbewerbsbedingungen zu schützen. Dafür müsse Europa schneller reagieren und neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft entwickeln.
Bereits 2019 hatte der BDI in einem Grundsatzpapier eine Neuausrichtung der deutschen China-Politik gefordert. Damals wurde China nicht nur als Partner, sondern auch als systemischer Wettbewerber beschrieben. In der China-Strategie der Bundesregierung von 2023 wird das Land als Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale eingeordnet.
Erinnerung an den ersten „China-Schock“
Mit dem Begriff „erster China-Schock“ wird häufig die Zeit nach Chinas WTO-Beitritt im Jahr 2001 bezeichnet. Damals strömten günstige Produkte aus der Volksrepublik in großem Umfang auf die Weltmärkte. Zugleich profitierte die deutsche Industrie lange vom wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, weil dort vor allem deutsche Autos und Maschinen gefragt waren.
Inzwischen hat sich das Bild verändert: Deutsche Autohersteller geraten auf dem chinesischen Markt zunehmend unter Druck. Gleichzeitig drängen in vielen Branchen staatlich unterstützte chinesische Anbieter mit niedrigen Preisen verstärkt nach Europa.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber