Eine schwer zugängliche, für viele kaum nachvollziehbare Bildercollage hat bei den Bayreuther Festspielen auch Richard Wagners „Götterdämmerung“ begleitet. Das Bühnenbild für den vierten und letzten Teil des „Ring des Nibelungen“ entstand mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Beim Publikum kam das Experiment überwiegend nicht gut an: Als Kurator Marcus Lobbes und sein Team am Ende auf die Bühne traten, waren laute Buh-Rufe und Pfiffe zu hören.
Die Kritik richtete sich allerdings nicht gegen den gesamten Abend. Solisten, Chor und vor allem Christian Thielemann wurden vom Publikum mit viel Applaus gefeiert.
Im Jubiläumsjahr gingen die Festspiele mit dem KI-gestützten „Ring“ erneut einen experimentellen Weg und setzten auf neue Technik – grundsätzlich ein spannender Ansatz. Die Projektionen zeigten teils Motive aus früheren „Ring“-Inszenierungen, teils historische Bilder. Vieles wurde übereinandergelegt, verfremdet und verzerrt. Jede Aufführung soll dadurch ein Unikat sein.
Rätselhafte Bilderwelten
Die KI arbeitete mit einer Bildauswahl, die Lobbes – Direktor der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund – gemeinsam mit seinem Team zusammengestellt hatte. Was daraus auf der Bühne entstand, ließ viele Zuschauer ratlos zurück. Zu sehen waren unter anderem ein Foto des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, die rauchenden Twin Towers nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sowie eine Sonderbriefmarke zur deutschen Wiedervereinigung. Der Eindruck: Für schlüssigere Ergebnisse hätte die KI wohl präzisere Vorgaben gebraucht.
Überzeugender wirkte die Technik dort, wo sie mit intensiven Farben und abstrakten, dramatischen Effekten arbeitete. Dann rückte die Frage nach Sinn und Zusammenhang der einzelnen Motive eher in den Hintergrund, und die erzeugte Stimmung fügte sich deutlich stimmiger in die Musik ein.
In den Pausen war die KI-Inszenierung das beherrschende Gesprächsthema. Manche sprachen von einem „Bildersalat“, andere bemängelten das Fehlen einer klaren Regie. Die Solisten interagierten und bewegten sich nur wenig, sodass der Theateraspekt von Wagners Musikdrama spürbar zu kurz kam. Zudem verdeckten die Projektionen in manchen Szenen sogar die Sänger. Das ließe sich zwar als Verschmelzung von Bühnenbild und Operngesang zu einem Gesamtkunstwerk deuten – tatsächlich drängten sich die wilden Bilderwelten aber vielen zu stark in den Vordergrund.
Harald Schmidt vermisst Requisite und Spiel
Zu den Gästen zählte auch Entertainer Harald Schmidt, der sich seit einiger Zeit intensiv mit Wagner beschäftigt. Er urteilte etwas milder über den KI-„Ring“. Aus seiner Sicht wirkte die Bildabfolge in der „Götterdämmerung“ bereits ruhiger als noch im „Rheingold“. Vielleicht lerne die KI mit der Zeit dazu, sagte er.
Gleichzeitig fehle ihm klassische Theaterausstattung: „Ein Schwert wäre schön, ein Speer, ein Amboss, irgendeine Form von Tarnkappe.“ Es handle sich zwar um ein Experiment, meinte Schmidt. „Ich glaube aber, dass man sich dann doch freut, wenn es wieder eine richtige Inszenierung ist, wenn auch gespielt wird.“
Für Schmidt war es zudem nicht der erste Bayreuth-Besuch. Bereits im vergangenen Jahr habe er bei den Festspielen „Tannhäuser“ gesehen. „Da habe ich ja wirklich im dritten Akt geweint.“ Unterhaltsam seien auch die Fachgespräche mit Wagnerianern in der Eisdiele, erzählte er – dort sei natürlich ebenfalls über die KI diskutiert worden.
Musikalisch ein Genuss
Gerade wegen der teils beliebig wirkenden Bildflut trat die Wucht der Musik umso stärker hervor. Besonders viel Zuspruch erhielten Klaus Florian Vogt als Siegfried, Mika Kares als Hagen und Camilla Nylund als Brünnhilde. Gemeinsam mit dem Chor, den weiteren Solisten und dem von Christian Thielemann geleiteten Orchester sorgten sie dafür, dass das apokalyptische Finale von Wagners „Ring“ musikalisch zu einem eindrucksvollen Genuss wurde.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber