Zu wenig Regen und wochenlange Hitze haben die diesjährige Ernte in Deutschland spürbar geschmälert. Der Deutsche Bauernverband rechnet bei Getreide nur noch mit 41,9 Millionen Tonnen. Das wären rund sieben Prozent weniger als im Vorjahr, das mit 45 Millionen Tonnen allerdings ein besonders starkes Ergebnis gebracht hatte. Damit liegt die erwartete Menge auch leicht unter dem Fünf-Jahres-Mittel von 42,5 Millionen Tonnen.
Regional zeigt sich ein sehr unterschiedliches Bild. Besonders in Süd- und Westdeutschland führten ausbleibende Niederschläge zu schwachen Erträgen, in einzelnen Kulturen sogar zu Missernten. Bauernpräsident Joachim Rukwied sprach von einer enttäuschenden Ernte. Nach einem zu trockenen Frühjahr habe in der entscheidenden Kornbildungsphase in der zweiten Junihälfte zusätzlich eine Hitzewelle belastet. Der Standort habe in diesem Jahr über den Ertrag entschieden wie selten zuvor.
Einbußen gibt es dem Verband zufolge unter anderem bei Winterweizen, der wichtigsten Getreideart, sowie bei Winterraps. Beim Raps kamen zudem Schäden durch Schädlinge hinzu. Bei Kartoffeln zeichnet sich nur ein mittleres bis unterdurchschnittliches Ergebnis ab. Selbst auf künstlich bewässerten Flächen seien vielerorts kaum durchschnittliche Erträge zu erwarten.
Auch beim Tierfutter verschärft sich die Lage. In trockenen Regionen wächst auf vielen Wiesen nach dem ersten Schnitt kaum noch Gras nach. Weil Zukäufe von Futter teuer sind, geraten viehhaltende Betriebe zusätzlich unter Druck. Nach Angaben des Bauernverbands sehen sich manche Höfe deshalb sogar gezwungen, Tiere vorzeitig zu schlachten.
Akute Folgen für Verbraucherpreise erwartet die Branche zunächst eher nicht. Bei Brot und Brötchen falle der Getreideanteil am Endpreis vergleichsweise gering aus, betonte Rukwied. Preissteigerungen würden eher von höheren Kosten für Energie, Löhne und Transport bestimmt. Bei Obst und Gemüse verstärke zudem der gestiegene Mindestlohn den Druck auf heimische Erzeuger, weil günstigere Importware an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt. Bei Gemüse und Kartoffeln gelten die Preise ohnehin als stark schwankend.
Für viele Betriebe bleibt die wirtschaftliche Lage dennoch angespannt. Rukwied verwies darauf, dass die Getreidepreise seit Jahren eher unterdurchschnittlich seien und sich stark an den internationalen Märkten orientierten. Manche Bauern müssten ihre Ernte direkt verkaufen, um offene Rechnungen zu bezahlen und handlungsfähig zu bleiben. Andere lagerten Getreide in der Hoffnung ein, dass die Preise im zweiten Halbjahr noch anziehen.
Der Bauernverband drängt deshalb auf schnelle Finanzhilfen des Bundes und verlangt ein Sofortpaket. Aus Sicht der Branche sollten von der EU geplante Düngemittelbeihilfen von 60 Millionen Euro national auf 180 Millionen Euro aufgestockt werden. Zudem fordert der Verband, 80 Prozent der EU-Direktzahlungen bereits im Oktober statt erst im Dezember auszuzahlen. Hinzu kommt der Ruf nach einer raschen Steuersenkung beim Diesel. Bereits zu Jahresbeginn waren Steuerentlastungen beim Agrardiesel und bei den Stromkosten für die Landwirtschaft in Kraft getreten.
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer stellte zunächst keine konkreten neuen Hilfen in Aussicht, betonte aber, die schwierige Lage genau im Blick zu haben. Die Betriebe könnten sicher sein, dass er sich auf allen Ebenen für Unterstützung einsetzen werde, sagte der CSU-Politiker. Zugleich verwies er auf bestehende Hilfsinstrumente.
Für mögliche zusätzliche Zahlungen wegen Extremwetters sind nach Angaben des Ministeriums zunächst die Länder zuständig. Der Bund kann sich erst beteiligen, wenn die Schäden als "Ereignis von nationalem Ausmaß" eingestuft werden. Ob diese Voraussetzung erfüllt ist, soll voraussichtlich Ende August belastbar bewertet werden.
Auch Umweltverbände meldeten sich zu Wort. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland warnte, anhaltende Trockenheit im Sommer werde mit der fortschreitenden Erderwärmung häufiger und bedrohe langfristig die Ernährungssicherheit. Der Nabu forderte statt immer neuer Hilfstöpfe eine wirksame Klimaanpassung. Die Agrarförderung müsse stärker Anreize für widerstandsfähige Betriebe setzen, etwa durch mehr Vielfalt auf den Äckern, humusreichere Böden und besseren Wasserrückhalt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber