Trotz umfangreicher Bauarbeiten im deutschen Schienennetz verschlechtert sich die Pünktlichkeit im Fernverkehr weiter. Der Chef der Bahn-Infrastrukturtochter DB InfraGo, Philipp Nagl, hat nun erklärt, wann sich die Lage aus seiner Sicht spürbar verbessern dürfte. Gegenüber der „Zeit“ sagte er, ein deutlicher Effekt werde erst dann eintreten, wenn die besonders kritischen Sanierungsprojekte abgeschlossen seien.
Zu diesen Vorhaben zählt unter anderem die Modernisierung der Strecke Hannover–Berlin, die noch bis Ende kommenden Jahres andauern soll. Für 2029 ist zudem die Strecke Hamburg–Hannover vorgesehen. Nagl betonte, dass mit dem Abschluss dieser großen Korridore die wichtigsten Engpässe beseitigt seien – und sich dann auch die Pünktlichkeit der Züge bundesweit verbessern werde.
Altes Netz soll grundlegend erneuert werden
Mit den sogenannten Generalsanierungen will die Bahn das in die Jahre gekommene Streckennetz langfristig wieder leistungsfähiger machen. Zahlreiche Verbindungen in ganz Deutschland sind davon betroffen. Das Sanierungsprogramm wurde wegen Verzögerungen und anhaltender Schwierigkeiten bereits mehrfach angepasst.
Noch zum Start der ersten großen Sanierung im Jahr 2024 hatte der damalige Bahnchef Richard Lutz angekündigt, dass sich die Pünktlichkeit mit jedem modernisierten Korridor Schritt für Schritt erhöhen werde. Tatsächlich entwickelte sich die Lage jedoch in die entgegengesetzte Richtung: Im Fernverkehr sank die Pünktlichkeitsquote von 64 Prozent im Jahr 2023 auf etwa 60 Prozent im vergangenen Jahr. Für 2026 wird sogar mit einer weiteren Verschlechterung gerechnet. Dabei sieht die Strategie des Bundesverkehrsministeriums bis Ende 2029 eigentlich eine Quote von mindestens 70 Prozent vor.
Defekte Infrastruktur als Hauptursache
Als wichtigsten Grund für die anhaltenden Verspätungen nennt Nagl veraltete technische Anlagen. Weichen, Oberleitungen und Stellwerke fielen derzeit schneller aus, als sie instand gesetzt werden könnten. Der InfraGo-Chef sagte der „Zeit“, die Zahl der Verspätungen infolge gestörter Infrastrukturanlagen sei 2026 um 40 Prozent gestiegen.
Als Ursache nannte er den schlechten Zustand vieler sanierungsbedürftiger Anlagen, die durch einen sehr kalten Winter und einen sehr heißen Sommer zusätzlich belastet worden seien. Extreme Temperaturen setzten der Infrastruktur zu und erschwerten zudem schnelle Reparaturen.
Strecken sind vielerorts überlastet
Neben dem Zustand der Anlagen sieht Nagl auch die hohe Auslastung vieler Bahnstrecken als Problem. So sei die Verbindung Hamburg–Berlin ursprünglich nur für einen Fernzug je Richtung und Stunde ausgelegt worden. Inzwischen verkehren dort allein die Züge der Deutschen Bahn bereits im Halbstundentakt. Dazu kommen Verbindungen des Konkurrenten Flix und möglicherweise künftig weitere Züge des italienischen Unternehmens Italo. Nach Einschätzung Nagls wurde die Strecke für ein solches Verkehrsaufkommen nie konzipiert.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber