Die Zahl der bestätigten Todesopfer nach der verheerenden Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und China ist weiter gestiegen. Nach Angaben der Behörden wurden in Nepal inzwischen 579 Tote registriert, viele von ihnen sind bislang nicht identifiziert. Vor einem staatlichen Krankenhaus in Kathmandu wurden Fotos von Opfern aufgehängt, um Angehörigen die Identifizierung zu erleichtern. Auf chinesischer Seite in Tibet waren zuletzt fünf Todesopfer gemeldet worden. Damit liegt die bestätigte Gesamtzahl bei 584.
Zugleich bleibt das Ausmaß der Katastrophe enorm: In Nepal werden nach Behördenangaben 1.924 Menschen vermisst, darunter 517 Ausländer. Aus Tibet waren zuletzt zudem 558 Vermisste gemeldet worden. In Nepal konnten bislang 4.451 Menschen gerettet werden, darunter 129 Ausländer. Chinas Ministerpräsident Li Qiang, den Staats- und Parteichef Xi Jinping in das Krisengebiet geschickt hatte, sprach laut Staatsagentur Xinhua von vielen Todesopfern.
Auch aus Deutschland kamen Beileidsbekundungen. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach Nepal und China sein Mitgefühl aus. In Kondolenzschreiben an Nepals Regierungschef Balendra Shah und an Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping zeigte er sich tief bestürzt über das Ausmaß der Katastrophe und gedachte der Opfer und ihrer Angehörigen.
Deutsche Familie aus Katastrophengebiet gerettet
Unter den Betroffenen sind auch Deutsche. Eine vierköpfige deutsche Familie wurde nach Angaben der nepalesischen Armee gerettet und zusammen mit anderen Überlebenden per Hubschrauber in ein Armeecamp in Battar Bazar gebracht.
Der Vater, Manuel Münch, berichtete dort, seine Familie habe sich nach einer Trekking-Tour bei Verwandten in der Nähe von Trishuli Bazar aufgehalten, als die Flut sie überraschte. „Wir haben die Flutwelle gesehen und sind dann mit allem, was wir hatten, den Hügel hinaufgerannt“, sagte der 37-Jährige. Wäre die Trekking-Tour wie ursprünglich geplant verlaufen, hätte die Familie in Syabrubesi übernachtet. Dann, so Münch, hätten sie wohl nicht überlebt. Die Familie aus dem Berchtesgadener Land wollte anschließend so schnell wie möglich nach Kathmandu weiterreisen.
Münch ist mit einer Nepalesin verheiratet; die Familie besucht das Himalaya-Land nach eigenen Angaben regelmäßig. Diesmal wollte sie eigentlich eine kleine Trekking-Tour in Langtang unternehmen, brach diese jedoch vorzeitig ab.
Zahl vermisster Deutscher präzisiert
Nach der Flut wird weiter nach deutschen Staatsangehörigen gesucht. Die Bundesregierung spricht nach aktuellem Stand von einer hohen einstelligen Zahl vermisster Deutscher. Das Auswärtige Amt betonte, man bemühe sich mit Hochdruck um Aufklärung.
Vier vermisste Deutsche gehörten zu Pilgergruppe
Inzwischen ist bekannt, dass vier vermisste Deutsche zu einer größeren Gruppe ausländischer Pilger gehörten. Sie waren auf dem Rückweg vom heiligen Berg Kailash und dem Manasarovar-See in Tibet, als der Kontakt abriss, wie die nepalesische Reiseagentur Trekkers’ Society mitteilte.
Nach Angaben der Agentur handelt es sich um zwei Männer und zwei Frauen. Die Gruppe umfasste insgesamt 77 Reisende sowie 15 nepalesische Begleiter, darunter Guides und Fahrer. Sie sollte am Morgen des 26. August die Grenze nach Nepal überqueren – genau zu dem Zeitpunkt, als die Flut aus Wasser, Geröll und Eis durch die Region raste. Seitdem fehlt von der gesamten Gruppe jede Spur.
Zu den weiteren Reisenden gehörten demnach Menschen aus mehr als zehn Ländern, darunter den USA, Großbritannien, Australien, Spanien, Südafrika, Israel und Kanada.
Mindestens 93.000 Betroffene, 17.000 Kinder brauchen Hilfe
Das humanitäre Ausmaß der Katastrophe wird immer deutlicher. Nach Einschätzung der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Föderation (IFRK) sind mindestens 93.000 Menschen von den Folgen der Sturzflut betroffen. Dazu zählen nicht nur Verletzte, sondern auch Bewohner der Tausenden zerstörten Häuser.
Das UN-Kinderhilfswerk Unicef geht davon aus, dass mindestens 17.000 Kinder dringend humanitäre Hilfe benötigen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach den Betroffenen ihr Mitgefühl aus. Die Europäische Union stellte zwei Millionen Euro an humanitärer Soforthilfe bereit.
Angst vor neuer Flutwelle
Die Gefahr für Menschen und Rettungskräfte bleibt extrem hoch. Oberhalb des chinesisch-nepalesischen Grenzpostens Gyirong hat sich nach der Katastrophe ein neuer See gebildet, weil sich dort ein natürlicher Damm aufgestaut hatte. Seit Donnerstag war dort der Wasserspiegel gestiegen. Sollte der Damm brechen, droht eine weitere Sturzflut.
Chinesische Rettungskräfte, die sich durch Geröll und schwer zugängliches Gelände zum schwer verwüsteten Grenzposten vorkämpften, stellten ihre Arbeiten deshalb vorübergehend ein. Nach chinesischen Angaben floss Wasser aus dem See bereits ab. Kurz darauf reagierten auch die Behörden in Nepal: Die Polizei warnte auf der Plattform X und forderte Einsatzkräfte vorsichtshalber auf, sich in Sicherheit zu bringen.
Spektakuläre Rettung von zwei Arbeitern
Unter den schwierigen Bedingungen gelang den Einsatzkräften auch eine aufsehenerregende Rettung: In Nepal zog die Armee zwei Arbeiter lebend aus einem Tunnel an einem Wasserkraftwerk. Die Männer waren mit Schlamm überzogen und wurden auf dem Rücken zu einem Hubschrauber getragen.
Die Armee verwies auf die weiterhin sehr gefährlichen Bedingungen im Katastrophengebiet. Entlang des Flusses Trishuli, durch den sich die Flut in der Region wälzte, stehen mehrere Staudämme, an denen Menschen vermisst werden.
Messner spricht von „furchtbarer Tragödie“
Der Extrembergsteiger Reinhold Messner sieht im Klimawandel einen Faktor, der Gletscher und Permafrost im Himalaya destabilisiert. Zugleich warnte er davor, die Katastrophe vorschnell auf nur eine Ursache zu reduzieren. Der Himalaya sei geologisch und geografisch seit jeher anfällig. Schwerer würden die Folgen auch deshalb, weil die Täler heute dichter besiedelt seien.
Experten: Frühwarnung grundsätzlich möglich
Nach Einschätzung von Fachleuten dürfte ein Gletscherabbruch die Katastrophe ausgelöst haben, der eine gewaltige Eis-, Schlamm- und Gerölllawine in Bewegung setzte. Zugleich gibt es nach Expertenmeinung grundsätzlich Konzepte, um solche Ereignisse früher zu erkennen.
Der Geoforscher Niels Hovius vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung verwies auf automatisierte Frühwarnsysteme für große Gebirgsregionen wie Himalaya, Karakorum oder Anden. Demnach könnten speziell auf oberflächliche Erschütterungen ausgerichtete Seismometer Gletscherabbrüche, Felsstürze und Sturzfluten registrieren und lokalisieren. Mit Hilfe topografischer Modelle ließe sich dann der mögliche Verlauf einer Flutwelle abschätzen.
Für die aktuelle Katastrophe war die Vorwarnzeit laut Hovius allerdings extrem kurz: Zwischen dem mutmaßlichen Gletscherabbruch und dem Eintreffen der Flutwelle an der Grenzstation Gyirong hätten nicht einmal zehn Minuten gelegen. Für weiter flussabwärts gelegene Orte könne der Zeitgewinn jedoch deutlich größer sein – teils bis zu einer Stunde. Das könne ausreichen, damit Menschen noch Schutz suchen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber