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Schock im Pilger-Paradies: Jetzt wird es zur Todesfalle

Eine braune Todeswand walzt durchs Himalaya-Tal, begräbt ganze Orte. Überlebende berichten von Sekunden blanken Grauens.

27.08.2026, 10:10 Uhr

Verheerende Sturzflut im Himalaya: Mehr als 1.300 Menschen vermisst

Eine gewaltige braune Flut aus Wasser, Schlamm und Geröll hat in der Himalaya-Region Rasuwa an der Grenze zwischen Nepal und Tibet eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Innerhalb kürzester Zeit raste die Masse durch ein Tal, riss Häuser, Straßen und Lastwagen mit sich und ließ ganze Orte nahezu verschwinden. Viele Menschen flohen in Panik.

Unter den Betroffenen sind auch zahlreiche Reisende. Nach Angaben der nepalesischen Tourismusbehörde hielten sich am Mittwoch mehr als 500 ausländische Touristen in der Region auf. Von acht Deutschen und einem Schweizer fehlt demnach weiterhin jede Spur, ihr Schicksal ist unklar.

Nahe der indischen Grenze wurden später viele Kilometer entfernt erste Opfer entdeckt. Inzwischen sind dort auch Dutzende Leichen gefunden worden. Insgesamt gelten derzeit mehr als 1.300 Menschen als vermisst.

Augenzeugen berichten von Chaos und Verzweiflung

Suraj Silwal aus der Stadtverwaltung von Bidur, einer besonders schwer getroffenen Gemeinde, sprach von den schlimmsten Stunden seines Lebens. Viele Menschen hätten sich noch retten können, viele andere jedoch nicht. Familien suchten verzweifelt nach Angehörigen, die womöglich nie mehr zurückkehren, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Auch ein Freund von ihm und dessen Mutter seien aus ihrem Haus mitgerissen worden und würden weiter vermisst.

Die Such- und Rettungsarbeiten gestalten sich laut Silwal äußerst schwierig. Zahlreiche Gebiete seien noch immer abgeschnitten, weil Brücken zerstört und Straßen unpassierbar seien. Alles wirke trostlos. Helfer arbeiteten sich jedoch Schritt für Schritt vor und erreichten inzwischen auch Häuser, die zunächst nicht zugänglich gewesen seien. Dort werde nach Überlebenden gesucht sowie Hilfe und Lebensmittel verteilt.

Beliebte Tourismus- und Pilgerregion schwer getroffen

Nepal zählt zu den ärmeren Ländern Asiens, besonders in den abgelegenen Bergregionen ist die Infrastruktur anfällig. Schmale Straßen, instabile Verkehrswege und Brücken können bei Extremwetter rasch zerstört werden. Zugleich ist das Land stark vom Tourismus abhängig, vor allem vom Himalaya mit seinen berühmten Bergen wie Mount Everest und Annapurna.

Die Region Rasuwa gilt als landschaftlich besonders attraktiv und ist zugleich schwer erreichbar. Sie bildet den Zugang zum Langtang-Nationalpark, einem bekannten Trekkinggebiet mit Gletschern, Hochgebirgsseen und schneebedeckten Gipfeln. In etwa 4.000 Metern Höhe liegen dort auch die heiligen Seen von Gosainkund, ein bedeutendes Ziel für hinduistische und buddhistische Pilger.

Außerdem führt durch Rasuwa eine wichtige Route in Richtung Tibet und weiter zum heiligen Berg Kailash sowie zum Manasarovar-See. Gerade Ende August sind dort besonders viele Pilger unterwegs, darunter zahlreiche Reisende aus Indien auf dem Weg zum Kailash.

Ganze Orte offenbar ausgelöscht

Von der sonst eindrucksvollen Gebirgslandschaft ist nach der Katastrophe vielerorts nur noch eine braune Schneise geblieben. Wasser, Schlamm, Steine und Geröll begruben Fahrzeuge, Häuser, Brücken, Märkte und zahlreiche Menschen unter sich.

Ein Bewohner des Orts Timure sagte dem Portal Nepal News, der Ort sei vollständig verschwunden, nichts sei übrig geblieben. Er habe fassungslos mitansehen müssen, wie der Markt vor seinen Augen weggespült wurde. Ein weiterer Anwohner, Sanjeev Shrestha, erklärte laut Ratopati, vermutlich seien rund 75 Prozent der Menschen in der Gemeinde von den Schlammmassen verschüttet worden.

Auch auf chinesischer Seite richteten die Fluten schwere Schäden an. Bereits im vergangenen Jahr war das Tal dort von einer schweren Überschwemmung betroffen. Nun werden auch auf dieser Seite Hunderte Menschen vermisst. Besonders hart traf es den Grenzübergang Gyirong, einen wichtigen Handelskorridor zwischen China und Nepal. Chinesischen Staatsmedien zufolge liefen 2024 knapp 30 Prozent des Handelsvolumens zwischen beiden Ländern über diesen Übergang. Jetzt sind Straßen unpassierbar und Kommunikationsverbindungen zusammengebrochen.

Hinweise auf Eis- und Felsabbruch in Tibet

Nach ersten technischen Untersuchungen könnte ein massiver Eis- und Felssturz auf tibetischer Seite die Katastrophe ausgelöst haben. Möglicherweise wurde dabei ein Fluss blockiert, sodass sich Wasser aufstaute. Als die natürliche Barriere brach, dürfte innerhalb kürzester Zeit eine enorme Wassermenge talwärts geschossen sein.

Die Grenze zwischen Nepal und Tibet, auf Karten klar eingezeichnet, spielt bei solchen Naturgewalten kaum eine Rolle. Flüsse und Gletscher überschreiten sie mühelos und können zerstörerische Kräfte entfalten, denen kaum etwas standhält.

Für viele Menschen im Himalaya ist das Gebirge zugleich Lebensgrundlage und ständige Bedrohung. Wie groß das Leid ist, zeigt das Schicksal des 38-jährigen Buddhi Bahadur Budhathoki. Er musste mit ansehen, wie seine Frau und seine vier Kinder von den Schlammmassen fortgerissen wurden. Dem Onlineportal Khabar sagte er: „Ich habe keine Hoffnung, dass meine Familie überlebt hat.“

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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