Der Graf räumt mit seinem düsteren Image auf
Der Graf, Frontmann von Unheilig und bekannt durch den Hit „Geboren um zu leben“, nimmt die Vorstellung vom finsteren Melancholiker mit Humor. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagte er, dass er eigentlich ein ganz gewöhnlicher Mensch sei, der gern lache und durchaus Spaß verstehe. Viele Menschen nähmen vor allem seine Bühnenfigur wahr und hielten ihn deshalb für jemanden, der ständig traurige Lieder singe und über Weltschmerz nachdenke. Dieses Bild sei jedoch falsch. Es hänge auch damit zusammen, wie er sich in den Anfangsjahren gezeigt habe – mit auffälligem Mantel, Stiefeln und einem sehr ernsten Auftreten.
Mehr hinter dem Namen Unheilig
Auch der Bandname sei nicht bloß als dunkles Erkennungszeichen gedacht. Der Graf erklärte, dass er ein gläubiger Mensch sei, allerdings nicht in dem Sinne, wie es klassische Religionen vorgäben. Wer auf seine eigene Weise glaube, gelte in den Augen mancher schnell als „unheilig“. Genau dieser Gedanke habe ihm gefallen. Im Namen der Band stecke außerdem seine Freude am Widerspruch. Wenn man ihm sage, dass er etwas nicht tun solle, reize ihn das oft erst recht. Er bezeichnet sich selbst dabei augenzwinkernd als kleinen Revoluzzer.
Zweifel als Motor für die Musik
Der Musiker, der private Angaben wie seinen echten Namen oder sein Alter bewusst nicht öffentlich macht, sieht Selbstzweifel als wichtigen Teil seines künstlerischen Schaffens. Jeder Mensch suche sich eine Form, um Unsicherheiten auszudrücken – die einen durch Bücher, andere durch Malerei. Bei ihm seien es eben Lieder. Einige seiner Songs seien direkt aus solchen inneren Konflikten entstanden. Musik helfe ihm immer wieder dabei, Dinge zu verarbeiten und sein Leben besser zu verstehen. Auf dem aktuellen Album „Liebe, Glaube, Monster“ stehe der Begriff „Monster“ für seine Angst vor dem Scheitern und für die Frage nach dem eigenen Platz im Leben.
Rückkehr auf die Bühne fiel nicht leicht
2016 hatte Der Graf mit einem vermeintlich letzten Konzert Abschied genommen. Seit dem vergangenen Jahr steht er jedoch wieder live auf der Bühne. Nach eigenen Worten war die Rückkehr schwieriger als der Abschied damals. Den Ausstieg habe er gut erklären können: Er habe musikalisch nichts mehr ausdrücken können, die Kreativität sei blockiert gewesen, und er habe sich mehr Zeit für seine Familie gewünscht. Den Entschluss zum Comeback fasste er schließlich in einer Notaufnahme, als zeitweise der Verdacht auf einen Herzinfarkt im Raum stand. In diesem Moment habe er sich gefragt, worauf er eigentlich noch warte – und beschlossen, es einfach wieder zu machen.
2027 soll erneut eine Pause folgen
Ab Mitte November geht Unheilig auf Tour. Danach ist geplant, sich 2027 nach einigen Sommerfestivals vorerst wieder zurückzuziehen. Der Graf möchte diese Zeit nutzen, um neue Musik zu schreiben und die vergangenen Jahre aufzuarbeiten. In dieser Phase sei viel geschehen: der Tod seiner Eltern, gesundheitliche Probleme und sogar ein Sturz von der Bühne. Rückblickend wirke das für ihn fast wie die Handlung eines Hollywoodfilms. So viel auf einmal, meinte er, könne beinahe Stoff für einen Krimi liefern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber