Wirtschaft

Gasspeicher-Ziel verfehlt: Was jetzt droht

Deutschland startet mit auffällig leeren Gasspeichern in den Winter – Ziele verfehlt. Drohen jetzt höhere Preise?

01.11.2026, 04:30 Uhr

Gasspeicher in Deutschland deutlich unter Zielwert – Regierung sieht Versorgung dennoch gesichert

Mit sinkenden Temperaturen beginnt in Deutschland die Heizperiode – und damit rücken erneut die Füllstände der Gasspeicher in den Fokus. Die gesetzlich angepeilte Marke für den 1. November wird klar verfehlt: Statt eines rechnerischen Durchschnittswerts von 70 Prozent liegen die Speicher nach Daten der europäischen Plattform AGSI derzeit nur bei rund 61,4 Prozent.

Trotzdem betont das Bundeswirtschaftsministerium, dass die Gasversorgung im Winter gesichert sei. Kritik kommt hingegen vom Grünen-Politiker Michael Kellner, der Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) unzureichende Vorsorge vorwirft. Aus seiner Sicht fehlt ein ausreichender Sicherheitspuffer.

Welche Folgen hat das Verfehlen der Vorgabe?

Unmittelbare Konsequenzen gibt es zunächst nicht. Zwar könnten das Wirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur theoretisch eingreifen, etwa wenn reservierte Speicherkapazitäten nicht genutzt werden. Diese könnten dann entzogen und zur Befüllung eingesetzt werden. Nach Einschätzung von Timm Kehler vom Verband der Gas- und Wasserwirtschaft hat das Unterschreiten der Zielmarke jedoch vorerst keine direkten Folgen, weil das Gesetz keine Strafen vorsieht. Die Vorgaben seien vielmehr als Absicherung gedacht.

Behörden: Versorgungslage bleibt stabil

Sowohl die Bundesnetzagentur als auch das Wirtschaftsministerium geben sich beruhigend. Nach Angaben der Netzagentur ist die Gasversorgung derzeit stabil, die Versorgungssicherheit gewährleistet. Das Risiko einer angespannten Lage werde aktuell weiterhin als gering eingeschätzt.

Erdgasspeicher Rehden
Die Gasspeicher sind unterschiedlich stark befüllt. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Auch aus dem Ministerium heißt es, Deutschland werde nach derzeitiger Einschätzung gut durch den Winter kommen. Für die Versorgungssicherheit seien nicht nur die Speicherstände entscheidend, sondern ebenso die laufenden Gasimporte, die tatsächliche Entnahme aus den Speichern und weitere Vorsorgemaßnahmen.

Kehler verweist zudem darauf, dass Händler die für ihre Kunden benötigten Gasmengen für den Winter bereits eingespeichert hätten und dies weiter täten. In den Speichern lägen derzeit rund 150 Terawattstunden Gas – mehr als im vergangenen Winter insgesamt daraus entnommen worden sei.

Speicherstände sind nicht mehr der einzige Maßstab

Das Wirtschaftsministerium verweist darauf, dass Deutschland heute breiter aufgestellt sei als noch vor einigen Jahren. Gas komme unter anderem über Pipelines aus Norwegen, über LNG-Terminals und über europäische Nachbarländer ins Land. Dank der LNG-Infrastruktur könne Deutschland auch während des Winters zusätzliche Mengen auf dem Weltmarkt beschaffen.

Deshalb hätten die Füllstände der Speicher für die Versorgungssicherheit heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie vor dem Ausbau der LNG-Kapazitäten. Auch die Bundesnetzagentur betont, dass die Lage nicht allein anhand der Speicherstände bewertet werden könne.

Nach den geltenden Regeln müssen die Speicher grundsätzlich zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein. Für sechs Anlagen gilt allerdings ein abgesenktes Ziel von 45 Prozent. Daraus ergibt sich im Schnitt die Vorgabe von 70 Prozent. Wie stark die einzelnen Speicher befüllt sind, unterscheidet sich teils deutlich.

Branche spricht von Warnsignal

Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Branchenverbands Initiative Energien Speichern (Ines), bezeichnet das Verfehlen der Vorgaben als ernstes Warnsignal. Deutschland gehe mit geringeren Reserven in die Heizsaison. Dadurch steige die Anfälligkeit der Gasversorgung – vor allem bei ungewöhnlich kalten Temperaturen oder bei zusätzlichen Problemen im Import.

Nach Angaben von Ines sind Gasspeicher besonders an sehr kalten Tagen wichtig, weil sie in kurzer Zeit große zusätzliche Mengen bereitstellen können.

Warum die Speicherstände so niedrig sind

Üblicherweise kaufen Großhändler im Sommer vergleichsweise günstig Gas ein, lagern es ein und verkaufen es im Winter mit Gewinn weiter. Wegen hoher Großhandelspreise – auch infolge des Konflikts mit Iran – hat sich dieses Geschäft zuletzt jedoch weniger gelohnt. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft erklärt, dass Gas im Sommer teilweise teurer beschafft werden musste, als es nach aktueller Markterwartung im Winter verkauft werden könnte.

Bereits Ende September hatte Ministerin Reiche deshalb das bundeseigene Energieunternehmen Sefe angewiesen, mehr Erdgas einzuspeichern.

Maßnahmen sollen vor allem im Spätwinter helfen

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums hat die Bundesregierung zusätzlich Vorkehrungen getroffen, um die Versorgung im Winter abzusichern. Dazu gehören besondere Ausschreibungen, mit denen verhindert werden soll, dass Gas zu früh aus den Speichern entnommen wird.

Diese Maßnahmen wirkten zum Teil erst nach dem 1. November und seien deshalb in den aktuellen Füllständen noch nicht vollständig sichtbar. Aus Sicht des Ministeriums stärken sie aber vor allem die Versorgungssicherheit im späteren Winter, wenn die Speicherstände üblicherweise sinken.

Kritisch wird es vor allem am Winterende

Besonders problematisch wären laut Heinermann sehr niedrige Speicherstände gegen Ende des Winters. Denn mit sinkender Füllung nimmt nicht nur die gespeicherte Menge ab, sondern auch die technisch mögliche tägliche Ausspeicherleistung. Die Speicher könnten dann also pro Tag weniger Gas liefern. Das könne vor allem im Februar und März zum Risiko werden, wenn nach einer langen Kältephase erneut hohe Verbrauchsspitzen auftreten.

Heinermann plädiert deshalb dafür, die Befüllung der Speicher für künftige Winter verbindlicher abzusichern. Er begrüßt, dass das Wirtschaftsministerium offen für eine Lieferverpflichtung ist.

Drohen steigende Preise?

Michael Kellner warnt, dass die niedrigen Speicherstände die Gaspreise anfälliger für Schwankungen machen. Nach seiner Einschätzung könnte schon eine Kältewelle oder eine kleinere Störung in der Lieferkette Preissteigerungen auslösen. Die Folgen würden Verbraucherinnen und Verbraucher über höhere Heizkosten zu spüren bekommen. Auch für die Industrie könnten in Phasen, in denen teures fossiles Gas den Strompreis bestimmt, sehr hohe Stromkosten entstehen.

Timm Kehler sieht ebenfalls die Gefahr, dass geringe Reserven gegen Ende des Winters bei Kälteperioden zu Preisspitzen auf dem Spotmarkt führen können. Kellner fordert vor diesem Hintergrund einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien, um die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern.

Nationale Gasreserve ab 2027 geplant

Die bisherigen Füllstandsvorgaben gelten nicht dauerhaft. Sie laufen zum 31. März 2027 aus. Danach soll eine nationale Gasreserve als zusätzliche Sicherheitsreserve aufgebaut werden. Laut Gesetzentwurf des Wirtschaftsministeriums ist vorgesehen, diese Reserve ab 2027 schrittweise über mehrere Jahre für den Winter bereitzustellen.

Gedacht ist sie für Krisenlagen, Sabotagefälle und seltene Großereignisse. Vorgesehen sind zusätzliche physische Gasmengen im Umfang von 24 Milliarden Kilowattstunden – das entspräche ungefähr zehn Prozent der gesamten Speicherkapazität. Finanziert werden soll die Reserve über eine Umlage.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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