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True Crime: Warum es uns so in den Bann zieht

True Crime fesselt Millionen – jetzt gibt’s sogar eine Ausstellung. Doch was der Hype mit echten Opfern macht, ist verstörend.

07.05.2026, 05:30 Uhr

Ob Podcast, Doku, Streaming-Serie oder Live-Show: Die Faszination für wahre Verbrechen ist ungebrochen. In Köln bekommt das Genre nun sogar eine eigene Ausstellung. Unter dem Titel „Serienkiller – Die True Crime Ausstellung“ eröffnet sie am 8. Mai und widmet sich realen Fällen von Mehrfachmördern.

Mit teilweise sehr blutigen und expliziten Kulissen sowie Virtual-Reality-Elementen sollen Besucherinnen und Besucher den Geschichten der Täter besonders nahekommen. Auch wenn True Crime derzeit vielerorts wie ein neuer Massentrend wirkt, reicht die Begeisterung für echte Kriminalfälle deutlich weiter zurück.

Philipp Fleiter, bekannt durch den Podcast „Verbrechen von nebenan“, hält die Rede vom aktuellen Hype deshalb nur eingeschränkt für passend. Die Neugier auf Verbrechen habe es seiner Ansicht nach schon immer gegeben – von öffentlichen Hinrichtungen im Mittelalter bis hin zu Formaten wie „Aktenzeichen XY“.

Als Fleiter 2019 mit seinem Podcast über Fälle aus seiner Heimatregion begann, war das im deutschsprachigen Raum dennoch etwas Neues. Angetrieben wurde das Projekt auch durch sein persönliches Interesse an düsteren Themen.

Spannung wie in der Achterbahn

Dass nicht nur Produzenten, sondern auch ein großes Publikum von True Crime angezogen wird, zeigt der anhaltende Erfolg des Genres. Besonders viele Zuhörerinnen und Zuschauer sind Frauen.

Nach Einschätzung von Gina Rosa Wollinger, Autorin von „True Criminology“ und Professorin an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW, haben vor allem Podcasts den Boom der vergangenen Jahre befördert. Kriminalgeschichten würden heute ganz bewusst ins eigene Wohnzimmer geholt.

Dabei beschränkt sich die Faszination nicht auf wahre Fälle. Auch erfundene Krimis in Büchern, Filmen und Serien ziehen in Deutschland Millionen Menschen an. Fleiter erklärt sich das damit, dass man in eine bedrohliche Welt eintauchen könne, während man selbst sicher auf dem Sofa oder im Bett liege.

Ähnlich wie bei einer Achterbahnfahrt suche man den Nervenkitzel und gehe emotional an Grenzen, wisse aber gleichzeitig, dass einem selbst nichts passiere. Gerade der Bezug zur Realität verleiht True Crime laut Wollinger dabei seinen besonderen Reiz.

Realität oder verzerrtes Bild?

Mit der wirklichen Kriminalitätslage habe das, was in True-Crime-Formaten erzählt werde, allerdings nur wenig zu tun, sagt Wollinger. Schwere Gewalttaten tauchten dort viel häufiger auf, als es die Realität vermuten lasse. Delikte wie Diebstahl, Einbruch oder Sachbeschädigung, die statistisch deutlich öfter vorkommen, spielen im Genre meist kaum eine Rolle. Stattdessen steht häufig Mord im Mittelpunkt.

Diese starke Konzentration auf besonders drastische Fälle könne den Blick auf Kriminalität verzerren. Nicht nur die Häufigkeit solcher Taten werde dadurch überschätzt. Auch Vorstellungen darüber, wie Verbrechen entstehen und wer sie begeht, würden beeinflusst. In vielen Formaten wirken Taten wie kompliziert geplante Verbrechen mit rätselhaften Hintergründen und fremden Tätern, die scheinbar plötzlich zuschlagen.

Tatsächlich spiele sich Kriminalität aber oft im direkten sozialen Umfeld ab, erklärt Wollinger. Nicht selten stammen die Täter aus dem nahen Bekannten- oder Familienkreis. Auch bei der Auswahl der Opfer gebe es in vielen Formaten typische Muster, die nicht unbedingt repräsentativ seien. Häufig stünden junge Frauen im Zentrum, ebenso Kinder. Wollinger vermutet, dass bestimmte Opfergruppen besonders viel öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen.

Wie über True Crime berichtet wird, beeinflusst damit auch das gesellschaftliche Sicherheitsgefühl und die Wahrnehmung von Straftaten. Fleiter sieht darin eine große Verantwortung. Kritik am Genre könne er deshalb nachvollziehen. Ihm sei wichtig, deutlich zu machen, dass seine Fälle nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigen.

Opfer geraten oft in den Hintergrund

Damit das Publikum dranbleibt, nutzt True Crime klassische Mittel der Unterhaltungsbranche: Spannungsaufbau, überraschende Wendungen und offene Enden. Maria Schnelle vom Weißen Ring NRW weist darauf hin, dass solche Formate vor allem auf Reichweite und Aufmerksamkeit ausgerichtet seien.

Im Fokus stehen dabei meist die Täter: Wer war verantwortlich? Wie wurde die Person überführt? Und was war ihr Motiv? Fragen danach, wo Betroffene Hilfe finden oder wie Menschen traumatische Taten verarbeiten können, würden dagegen oft nur am Rande behandelt.

Für Opfer und Angehörige kann das sehr belastend sein. Schnelle sagt, die Grenze des Zumutbaren werde oft überschritten. Häufig würden Geschädigte oder Hinterbliebene weder gefragt noch darüber informiert, dass ihr Fall in einem True-Crime-Format aufgegriffen wird. Wenn Betroffene zufällig darauf stoßen, könne das erneut traumatisierend wirken, warnt auch Wollinger.

Gleichzeitig gibt es Menschen, die es als stärkend empfinden, ihre Geschichte selbst öffentlich zu erzählen. Laut Fleiter wenden sich immer wieder Betroffene aktiv an Formate wie „Verbrechen von nebenan“, weil sie über das Erlebte sprechen möchten.

Gerade deshalb sei beim Umgang mit solchen Fällen großes Feingefühl nötig, betont der Podcaster. Hinter True Crime stünden keine erfundenen Handlungen, sondern reale Schicksale.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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