Jürgen Klopp hat früh deutlich gemacht, welchen Akzent er in der künftigen Ausbildung deutscher Nationalspieler setzen will: mehr Straßenfußball im Training. Auf der DFB-Website wird seine Forderung entsprechend hervorgehoben: Der Geist des Bolzplatzes müsse in die Übungseinheiten zurückkehren, damit Kinder und Jugendliche wieder häufiger frei und mutig kicken. Dass dieser Ansatz heute bewusst organisiert werden müsse, sei eine Folge veränderter Lebensrealitäten.
Diese Haltung passt zum Kern der „Trainingsphilosophie Deutschland“, mit der der Deutsche Fußball-Bund seit 2023 die Talentförderung neu ausrichten will. Nach drei enttäuschenden Weltmeisterschaften gilt die Reform als wichtiger Baustein auf dem Weg zurück zur internationalen Spitze. Entscheidend wird am Ende nicht sein, wie viele Jugendtitel gewonnen werden, sondern wie viele Talente sich dauerhaft in der Bundesliga und in der A-Nationalmannschaft durchsetzen.
Was dem deutschen Fußball derzeit fehlt
Ein zentrales Problem: Deutschland bringt momentan zu wenige außergewöhnliche Einzelkönner hervor. Die starke Ausrichtung auf Taktik und gegnerbezogene Systeme habe junge Spieler in ihrer Entwicklung eher eingeschränkt. Die neue Trainingsphilosophie setzt deshalb auf kleine Spielformen, viele Ballaktionen, hohe Intensität und mutige Entscheidungen. So sollen Kreativität, Spielfreude und Eigenständigkeit wachsen. Auch direkte Duelle und Zweikämpfe sollen wieder stärker in den Mittelpunkt rücken – ähnlich wie früher auf dem Bolzplatz.

DFB-Direktor Hannes Wolf, die prägende Figur der Reform, hatte früh eingeräumt, dass in Deutschland teils an der Wirklichkeit des Spiels vorbeitrainiert worden sei. Dadurch habe man auf bestimmten Positionen den Anschluss verloren.
Warum der Weg zurück Zeit braucht
Veränderungen in der Nachwuchsarbeit zeigen ihre Wirkung nicht sofort. Das beste Beispiel ist der WM-Titel von 2014. Der Ursprung dieses Erfolgs lag im Jahr 2000, als das Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft zum Umdenken führte und die Nachwuchsleistungszentren aufgebaut wurden. Rund 14 Jahre später wurde Deutschland mit vielen dort ausgebildeten Spielern Weltmeister.
Nach dem Titel von 2014 wurde die Entwicklung nach Einschätzung vieler Verantwortlicher jedoch nicht konsequent genug weitergedacht. DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig sagte bereits im vergangenen Jahr, dass nach dem Triumph der notwendige nächste Schritt ausgeblieben sei.
Talente sind vorhanden
Am fehlenden Talent liegt es grundsätzlich nicht. Das zeigten unter anderem der EM- und WM-Titel der deutschen U17 im Jahr 2023. Allerdings bleibt der Sprung in den Profifußball schwierig. Finn Jeltsch gilt aktuell als der am weitesten entwickelte Feldspieler dieser Generation und hat sich beim VfB Stuttgart bereits in der Bundesliga festgespielt. Noah Darvich, früherer Kapitän des Teams, soll nach seiner Leihe zur SV Elversberg den nächsten Entwicklungsschritt gehen.
Viele andere Spieler aus dem Weltmeisterjahrgang bewegen sich dagegen noch zwischen Regionalliga, zweiten Mannschaften und dem erweiterten Profikader. Das zeigt: Erfolge im Jugendbereich garantieren noch keine Karriere auf höchstem Niveau.
Wo es besonders hakt
U21-Nationaltrainer Antonio Di Salvo betont immer wieder einen entscheidenden Punkt: Junge Profis brauchen Spielpraxis. Das deutsche Problem sei nicht in erster Linie die Talentfindung, sondern die Entwicklung dieser Talente zu echten Topspielern. Di Salvo verwies schon vor einiger Zeit darauf, dass der Anteil junger deutscher Spieler in der Bundesliga sinkt, während gleichzeitig mehr ausländische U23-Profis zum Einsatz kommen. Wenn Deutschland mit seinen Nationalteams konkurrenzfähig bleiben wolle, müsse sich das ändern.
Auch aus Sicht der Bundesliga gibt es Nachholbedarf. Liga-Geschäftsführer Marc Lenz erklärte zum Ende der vergangenen Saison, die Nachwuchsarbeit in Deutschland sei zwar solide, biete aber noch deutliches Verbesserungspotenzial. Nach Ligaangaben schaffen es nur neun deutsche Clubs unter die 100 besten Akademien Europas. Zudem sei die Zahl der eingesetzten Talente in der Bundesliga im internationalen Vergleich deutlich geringer.
Bei der Einsatzzeit gibt es leichte Fortschritte
Immerhin hat sich die Lage zuletzt etwas verbessert. Nachdem Deutschland bei den Einsatzzeiten einheimischer U20- und U21-Spieler in der Saison 2021/22 noch auf Rang fünf hinter Frankreich, England, Spanien und Italien lag, steht es laut aktuellen Zahlen inzwischen auf Platz drei hinter Spanien und Frankreich.
Oft heißt es, Profitrainer seien zu vorsichtig und würden jungen Top-Talenten zu selten vertrauen. Hannes Wolf sieht das differenzierter. Seine Haltung: Wenn ein 19-Jähriger nicht mindestens das Niveau eines 28-Jährigen erreicht, wird ihn kaum ein Trainer aufstellen. Deshalb müsse die Ausbildung so gut werden, dass der junge Spieler klar konkurrenzfähig ist – dann komme auch automatisch die Spielzeit.
Was andere Länder besser machen
Ein Blick ins Ausland zeigt unterschiedliche Erfolgsmodelle. Frankreich profitiert von einem enorm großen Talentpool und überträgt jungen Spielern früh Verantwortung im Männerbereich. Spanien setzt seit vielen Jahren konsequent auf Technik, Spielverständnis und eine klare fußballerische Identität, in die Talente früh eingebunden werden. England wiederum hat seine Nachwuchsförderung mit dem Elite Player Performance Plan (EPPP) stark professionalisiert; hohe Investitionen in Akademien und Trainer haben dort spürbare Fortschritte gebracht.
Wolf warnt allerdings davor, andere Nationen einfach zu kopieren. Deutschland müsse unter den eigenen Bedingungen einen eigenen Weg finden.
Welche Rolle der neue U21-Wettbewerb spielen kann
Ein neuer U21-Wettbewerb soll künftig den Übergang vom Nachwuchs- in den Profifußball erleichtern. Er kann fehlende Einsätze in der Bundesliga zwar nicht ersetzen, aber zusätzliche Spiel- und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen. Wolf hält solche Plattformen für sinnvoll, weil junge Spieler dort unter wettbewerbsnahen Bedingungen Erfahrungen sammeln können.
Bemerkenswert ist dabei auch Klopps Rolle: Er kennt ein solches Modell aus England, hatte eine vergleichbare Lösung für Deutschland angeregt und gehört zu den prominentesten Unterstützern der laufenden Reformen.
Entscheidend ist der Durchbruch im Männerfußball
Am Ende läuft alles auf eine Kernfrage hinaus: Schafft es Deutschland wieder, Talente so auszubilden, dass sie sich nicht nur im Jugendbereich auszeichnen, sondern auch im Profifußball und später in der Nationalmannschaft prägende Rollen übernehmen? Die neue Trainingsphilosophie, mehr Freiraum für Kreativität und bessere Übergänge in den Männerfußball sollen genau dafür die Grundlage schaffen. Ob das gelingt, wird sich allerdings erst in einigen Jahren wirklich beurteilen lassen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber