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Wie Pferde trotz Hitze weiter Pflaster treten

Ein kollabiertes Kutschpferd in Rom schockt viele – kippt jetzt Europas Kutschen-Tradition wegen Hitze und Verkehr endgültig?

15.07.2026, 07:00 Uhr

Debatte um Pferdekutschen in Europas Städten flammt erneut auf

Empörte Reaktionen in sozialen Netzwerken haben die Diskussion über Pferdekutschen im Tourismus neu angeheizt. Auslöser waren Anfang Juli verbreitete Videos aus Rom, die ein in der Sommerhitze zusammengebrochenes Kutschpferd zeigten. Viele europäische Städte haben auf die Kritik bereits reagiert – einige mit strengeren Regeln, andere mit kompletten Verboten oder elektrischen Alternativen. Ein Überblick.

Rom: Widerstand gegen das Aus der „botticelle“

In der italienischen Hauptstadt wird seit Jahren über die traditionellen Pferdekutschen, die sogenannten „botticelle“, gestritten. Aktuell besitzen noch 16 Kutscher eine Lizenz für touristische Fahrten, vor etwa zehn Jahren waren es noch fast 40. Die Stadt versucht, die Fahrer mit Angeboten für Taxi- oder E-Taxi-Lizenzen zum Wechsel zu bewegen.

Viele Betreiber wollen davon jedoch nichts wissen. Sie argumentieren, dass Kutschfahrten mit Touristen mehr Geld einbringen, oder hoffen auf attraktivere Bedingungen für einen Umstieg. Nach dem jüngsten Vorfall auf einer Tiber-Brücke verlangen Tierschutzorganisationen nun ein vollständiges Verbot.

Wien: Fiaker unter scharfer Aufsicht

In Wien prägen rund 150 Fiaker weiterhin das Stadtbild. Für den Betrieb gelten inzwischen deutlich strengere Vorgaben. Die bei Besuchern beliebten Kutschen dürfen nur zwischen 11 und 22 Uhr unterwegs sein. Jedes Pferd darf maximal an 18 Tagen pro Monat eingesetzt werden.

Der Gesundheitszustand der etwa 300 Fiaker-Pferde wird regelmäßig kontrolliert. Ab 35 Grad Celsius muss der Betrieb eingestellt werden. Genau diese Grenze sorgt allerdings für Streit: Tierschützer halten bereits 30 Grad für das Maximum.

Kutschen im Tourismus
Nach anhaltender Kritik an der Nutzung von Pferden für touristische Zwecke führte Brüssel 2024 elektrische Kutschen. Quelle: Michael Brandt/dpa

Prag: Verbot im Zentrum seit 2023

In Prag sind Pferdekutschen im Stadtzentrum seit 2023 Geschichte. Die Stadt begründete das Verbot damit, dass diese Form der Nutzung für die Tiere nicht zumutbar sei. Als Gründe wurden das harte, im Sommer stark erhitzte Pflaster, Autoabgase sowie die eintönigen Bewegungsabläufe für die sozial sensiblen Tiere genannt.

Rückenwind bekam das Verbot durch eine Petition mit dem Titel „Ein Pferd ist keine Maschine“, die mehr als 16.000 Menschen unterschrieben. Die Kutscher verwiesen zwar auf die lange Tradition in der tschechischen Hauptstadt, doch an Alternativen mangelt es nicht: Touristen können etwa auf Hop-on-Hop-off-Busse, Oldtimer-Touren oder die historischen Straßenbahnlinien 41 und 42 ausweichen.

Mallorca: Umstieg auf Elektrokutschen

Auch in Spanien sinkt die Zahl klassischer Pferdekutschen. Jeder neue Fall eines erschöpften oder kollabierenden Tieres erhöht den Druck auf Behörden und Betreiber. In Alcúdia auf Mallorca wurde bereits im vergangenen Jahr vollständig auf Elektrokutschen umgestellt.

Auch in Palma mit seinen 28 Kutscherlizenzen ist ein Wechsel zu tierfreien und emissionsfreien Fahrzeugen geplant. Berichten lokaler Medien zufolge steht die Mehrheit der Betreiber dem offen gegenüber.

Sevilla hält an der Tradition fest

In mehreren großen spanischen Städten wie Barcelona, Madrid oder Málaga gehören Pferdekutschen inzwischen der Vergangenheit an. Dort setzen Touristikanbieter eher auf elektrische Tuk-Tuks, selbst fahrbare Gokarts oder Touren mit E-Bikes.

Sevilla geht hingegen einen anderen Weg. Die andalusische Metropole will aus Traditionsgründen an den Pferdekutschen festhalten. Pausen für die Tiere sind dort erst bei der höchsten Hitzewarnstufe vorgeschrieben – und die gilt in Andalusien erst ab 44 Grad.

Lissabon: Weniger Pferde, dafür zu viele Tuk-Tuks

In Lissabon spielen Pferdekutschen kaum noch eine Rolle. Stattdessen hat die portugiesische Hauptstadt inzwischen mit einem anderen Problem zu kämpfen: der starken Zunahme elektrischer Tuk-Tuks. Die zunächst begrüßte Alternative wurde so populär, dass die Stadt eingreifen musste.

Inzwischen werden Lizenzen reduziert, außerdem gelten in Teilen des historischen Zentrums Fahr- und Parkverbote.

Budapest: Kleine Branche, klare Regeln

In Budapest ist das Angebot an touristischen Pferdekutschen überschaubar. Im Burgviertel und am Heldenplatz sind schätzungsweise rund 20 Gespanne unterwegs. Sie fahren Besucher entweder durch das historische Palastviertel oder durch das Stadtwäldchen hinter dem Heldenplatz.

Weil das Angebot vergleichsweise klein ist, gibt es dort kaum öffentliche Debatten über Tierschutz oder Verkehrsprobleme. Dennoch ist das Gewerbe in einer städtischen Verordnung geregelt, die unter anderem regelmäßige tierärztliche Untersuchungen der Pferde vorschreibt.

Brüssel als Vorreiter bei E-Kutschen

Die belgische Hauptstadt setzt seit rund zwei Jahren auf elektrische Kutschen. Nach anhaltender Kritik an Pferden im touristischen Einsatz wurden 2024 E-Kutschen eingeführt. Sie erreichen bis zu 25 Kilometer pro Stunde und erinnern optisch stark an klassische Modelle – abgesehen von Lenkrad und Scheinwerfern.

Mit diesem Projekt galt Brüssel als Vorreiter. In Brügge hingegen sind weiterhin von Pferden gezogene Kutschen im Einsatz. Dort dürfen die Tiere bei Temperaturen ab 30 Grad nicht mehr arbeiten.

Athen: Kein Nachwuchs für das Kutschergewerbe

In Athen waren Pferdekutschen zuletzt nur noch im wohlhabenden Vorort Kifissia zu sehen. Inzwischen sind auch diese verschwunden. Die beiden letzten älteren Kutscher hatten zuvor beklagt, dass ihre Kinder den Beruf nicht übernehmen wollten.

Auf Kreta ist die Lage anders. Dort fordert der griechische Tierschutzbund PFPO stärkeren Schutz für die Kutschpferde im alten venezianischen Hafen von Chania. Nach Angaben der Organisation melden sich immer wieder besorgte Bürger. Kritisiert werden eine nicht artgerechte Haltung und unzureichende Kontrollen während Hitzewellen. Der Verband betont, Tierschutz sei auch eine Frage der Kultur und des Ansehens des Landes.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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