Sting mit 75: voller Energie und ohne Lust auf Stillstand
Dass Sting inzwischen 75 wird, sieht man ihm kaum an. Zwar ist aus der einst blonden Mähne längst eine kürzere, schmalere Frisur geworden, doch seine jugendliche Ausstrahlung ist geblieben. Auf die Frage, wie sich dieses Alter anfühle, antwortete der Musiker vor seinem Geburtstag im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur mit britischem Humor: Es sei jedenfalls angenehmer, als tot zu sein. Zugleich betonte er, wie zufrieden er mit seinem Alter sei. Alt fühle er sich nicht im Geringsten – eher so, als habe er noch immer die Energie eines 14-Jährigen.
Aktiv bleiben als Rezept
Dass das nicht nur eine nette Bemerkung ist, zeigt sein dichtes Programm. Mit der Tournee „Sting 3.0“ war er in den USA und in vielen Ländern Europas unterwegs. Derzeit steht er in London mit seinem Musical „The Last Ship“ auf der Bühne. Selbst an seinem Geburtstag, dem 2. Oktober, tritt er im Theatre Royal Drury Lane auf. Das Stück hatte zuvor bereits Stationen in Amsterdam, Paris, Brisbane und New York.
Mit längeren Auszeiten kann Sting wenig anfangen. Das Prinzip Pause müsse man ihm erst einmal erklären, sagte er scherzhaft. Seinen Beruf sieht er sogar als wichtigen Grund dafür, dass er körperlich so fit geblieben ist. Musik halte einen lebendig, meint er. Sie bestehe aus Schwingungen – und wenn man singe oder ein Instrument spiele, gerate der ganze Körper in Resonanz. Dieses harmonische Mitschwingen empfinde er als gesund.
Vom Lehrer zum internationalen Star
Geboren wurde Sting 1951 als Gordon Matthew Thomas Sumner in Wallsend bei Newcastle. Bevor er weltberühmt wurde, war er ausgebildeter Lehrer. Der Durchbruch gelang ihm Ende der 70er Jahre mit The Police, wo er als Sänger, Bassist und Songwriter prägend war. Die Band verband Postpunk, New Wave, Rock und Pop mit Reggae-Einflüssen und klugen Texten. Songs wie „Can’t Stand Losing You“, „So Lonely“, „Message In A Bottle“ und „Every Breath You Take“ gehören längst zum Pop-Kanon.

Nach fünf Alben und weltweiten Tourneen endete die gemeinsame Karriere Mitte der 80er Jahre – auch wenn sich die Band nie formell auflöste. Eine spätere Reunion-Tour in den 2000er Jahren sah Sting im Rückblick kritisch und bezeichnete sie als eine Art Nostalgieprojekt. Doch genau als Nostalgiker versteht er sich nicht.
Alte Lieder, immer neu gedacht
Wenn Sting heute seine bekannten Stücke spielt, dann nicht als bloße Kopie früherer Versionen. Schon auf seiner „My Songs“-Tour veränderte er Arrangements, und auch bei einem später veröffentlichten Akustikauftritt in Amsterdam, „The Night Watch: Live at the Rijksmuseum“, zeigte er diesen Ansatz.
Er selbst sagt, seine Aufgabe sei es nicht, Musik von vor 40 Jahren einfach originalgetreu nachzustellen, als gehöre sie ins Museum. Für ihn sei ein Lied etwas Lebendiges. Deshalb suche er in jedem Song, den er singe, immer wieder neue Facetten. Genau darin liege für ihn der Reiz – in der ständigen Entdeckung.
Ein Künstler, der sich stets wandelt
Sting hat im Lauf seiner Karriere immer wieder bewiesen, dass ihm Neuerfindung liegt. Bereits sein erstes Soloalbum „The Dream Of The Blue Turtles“ von 1985 entfernte sich deutlich vom Sound von The Police. Statt gradlinigem Rock dominierte eine Mischung aus Pop, Jazz und Reggae. Die Single „If You Love Somebody Set Them Free“ zeigte diese neue Richtung ebenso wie „Russians“, ein ernster Song über den Kalten Krieg und das nukleare Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion.
Über die Jahrzehnte bewegte er sich mühelos zwischen unterschiedlichen Stilwelten. Er probierte Weltmusik, Shanty-Elemente und elektronische Sounds aus. Dazu kommt sein Gespür für emotionale Balladen. Titel wie „Fields Of Gold“, „Shape Of My Heart“ und „When We Danced“ zählen bis heute zu seinen bekanntesten Songs. Insgesamt wurde Sting 45 Mal für den Grammy nominiert und gewann die Auszeichnung 17 Mal.
Abstecher ins Kino und private Turbulenzen
Neben der Musik war Sting auch immer wieder im Film zu sehen. Seine erste Kinorolle hatte er 1979 in „Quadrophenia“, dem Drama nach dem gleichnamigen Werk von The Who. 1984 spielte er in David Lynchs Verfilmung von „Dune – Der Wüstenplanet“ die Rolle des Feyd-Rautha Harkonnen – auffällig rothaarig, bedrohlich und mit athletischer Erscheinung.
Diese Zeit war für ihn auch privat schwierig. Nicht nur The Police gingen damals getrennte Wege, auch seine erste Ehe mit Frances Tomelty, mit der er zwei Kinder hat, zerbrach. Auslöser war eine Beziehung mit Trudie Styler, die damals sowohl Freundin von Tomelty als auch Nachbarin war – ein Thema, das die britische Boulevardpresse intensiv ausschlachtete. Seit 1992 sind Sting und Styler verheiratet. Gemeinsam haben sie vier Kinder.
Schauspiel eher Zufall, Theater aus Leidenschaft
Eine Schauspielkarriere als Hauptberuf kam für Sting nach eigenen Worten nie ernsthaft infrage. Er sei eher zufällig in dieses Feld geraten und habe nie eine Schauspielausbildung absolviert. Außerdem gebe es unzählige ausgebildete Darsteller, die auf Rollen warteten – denen wolle er nicht im Weg stehen. Wenn ihm allerdings eine Figur angeboten werde, die besonders gut zu ihm passe, nehme er sie gern an. Aktiv danach suche er jedoch nicht.
Mehr bedeutet ihm das Theater. Dort empfindet er die Arbeit auf der Bühne als freier als vor der Filmkamera. Gerade diese Unmittelbarkeit reizt ihn. Viel Zeit zum Feiern seines 75. Geburtstags bleibt ihm ohnehin nicht: Nur zwei Tage nach der letzten Londoner Aufführung steht bereits der nächste Termin in Vancouver an.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber