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Christoph Kramer: Sein neuer Roman verrät das Glück?

Kaum ein Ex-Profi geht diesen Weg: Christoph Kramer schreibt einen Roman, in dem Fußball alles ist – und plötzlich fast nichts.

01.10.2026, 06:15 Uhr

Christoph Kramer schreibt gegen das Karriereende an

Mitleid mit Profifußballern hält sich meist in Grenzen. Kein Wunder: Sie verdienen sehr gut mit einem Beruf, der von außen oft wie 90 Minuten Dauerlauf im Zickzack wirkt. Gleichzeitig erleben sie aber etwas, das vielen anderen erspart bleibt: Ihre Laufbahn ist oft vorbei, wenn andere beruflich gerade erst richtig loslegen. Für Christoph Kramer fühlte sich das Ende seiner Zeit bei Borussia Mönchengladbach offenbar nicht wie ein gewöhnlicher letzter Arbeitstag an, sondern eher wie ein Abschied mit existenzieller Wucht.

Schon die Ankunft am Borussia-Park habe sich für ihn angefühlt, als sei er Gast auf seiner eigenen Beerdigung, schreibt Kramer. Mitarbeiter, die ihn seit Jahren kannten, hätten ihn schweigend umarmt, fest gedrückt und lange angesehen. Es sei der Augenblick gewesen, in dem eine große Liebe und er sich verabschieden mussten.

Davon erzählt Kramer in seinem neuen Roman „Wolkenberührpunkt“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Das Buch ist sein zweites nach dem erfolgreichen Debüt „Das Leben fing im Sommer an“ aus dem Jahr 2025. Im Fußball heißt es oft, die zweite Saison nach einem Aufstieg sei die schwerste. Auch deshalb ist spannend, wie sich Kramer mit seinem zweiten Buch behauptet.

Mehr als nur ein Ex-Fußballer mit Schreibambitionen

Bemerkenswert ist der Roman auch deshalb, weil Kramer nicht einfach ein paar persönliche Erinnerungen oder eine kurze Sportkolumne liefert. Stattdessen überführt er eigene Erfahrungen in Literatur und betrachtet sie aus größerer Distanz. Es geht um Erwachsenwerden, Abschiede, Freundschaften und Glück – aber auch darum, die eigene privilegierte Welt überhaupt erst sichtbar zu machen.

Christoph Kramers neuer Roman
Das Cover seines neuen Buches liegt Kramer besonders am Herzen. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Dieses Gegengewicht schafft Kramer mit seiner Hauptfigur Roman. Dessen Leben verläuft ähnlich unberechenbar wie ein Spiel mit vielen Richtungswechseln. Fußball spielt dabei überraschend oft nur eine Nebenrolle. Ganz ausblenden will Kramer den Sommer 2014 jedoch nicht: Das legendäre 7:1 gegen Brasilien und der deutsche WM-Titel tauchen im Buch auf.

Außerdem erfährt Roman, dass er adoptiert wurde, und verliebt sich auf komplizierte Weise. Was danach passiert, entwickelt sich stellenweise so radikal, dass man nicht zu viel verraten sollte. Der oft bemühte Satz, gerade im Fußball wisse niemand vorher, wie ein Spiel ausgehe, trifft hier ausnahmsweise auch auf einen Roman zu.

Zwischen die fiktive Geschichte streut Kramer immer wieder Passagen aus seinem eigenen Leben. Dann geht es um seine Kindheit, seine Eltern und natürlich auch um den Fußball. Immer wieder schwingt dabei dieselbe Haltung mit: das Bewusstsein, selbst sehr privilegiert aufgewachsen zu sein.

Dankbarkeit statt Pose

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagt Kramer, er merke heute erst als Erwachsener, wie viel Glück er mit seinem Elternhaus gehabt habe. Es sei ein großes Geschenk gewesen, seinen Traum vom Profifußball ohne existenzielle Sorgen verfolgen zu dürfen. Zwar möge er es nicht besonders, ständig eigens auf die eigenen Privilegien hinzuweisen. Doch im Vergleich zu der Geschichte, die er in seinem Buch erzählt, habe er selbst eben kaum Belastungen gekannt und sich ganz auf seine Ziele konzentrieren können.

Kramer, 1991 in Solingen geboren, bezeichnet sich selbst als unverbesserlichen Optimisten. Er gehe im Grunde immer davon aus, dass am Ende alles gut werde. Vielleicht erklärt das auch, warum er sich in den vergangenen Jahren so viele Rollen zugetraut hat: Fußballprofi, Nationalspieler, Weltmeister, TV-Experte, Podcaster, gefragter Gesprächspartner für fast jedes Thema und inzwischen auch ambitionierter Padel-Spieler. Nun kommt noch der Autor hinzu.

Als „Universalgelehrter“ möchte er dennoch nicht gelten. Er widerspricht dieser Zuschreibung deutlich und sagt, er werde oft zu Themen befragt, von denen er eigentlich wenig verstehe.

Schreiben als Erinnerungsspeicher

Geschrieben hat Kramer allerdings schon sehr lange. Seit seinem 13. Lebensjahr führt er Tagebuch. Seine Einträge hätten oft mit dem Satz begonnen: „Ich möchte nicht vergessen, dass …“ Dabei sei es ihm nie in erster Linie ums Verarbeiten gegangen. Vielmehr habe er kleine, lustige oder besondere Begebenheiten für später festhalten wollen. Als sein Abschied vom Fußball näher rückte, sei das Schreiben in seinem Alltag noch wichtiger geworden. 2024 wurde sein Vertrag in Mönchengladbach aufgelöst.

Kramer hat offenkundig eine nostalgische, manchmal auch melancholische Seite. Sein Roman ist voller Anspielungen auf die Popkultur der 90er- und 2000er-Jahre – von „Fight Club“ über die Band Juli bis hin zu den ersten Euro-Münzen und der Diddl-Maus.

Auch das Buchdesign ist ihm wichtig

Nach eigenen Angaben liest Kramer unter anderem Bücher von Caroline Wahl, Tonio Schachinger und Benedict Wells. Als direkte Vorbilder wolle er sie aber nicht bezeichnen, weil das vermessen wäre. Er werde nie so schreiben können wie sie, sagt er – ähnlich wie im Fußball: Man könne Lionel Messi bewundern und gern so spielen wollen wie er, es aber schlicht nicht schaffen.

Auch sonst nähert sich Kramer Literatur ein wenig anders als viele andere. Er ist überzeugt, dass Bücher auch wegen ihrer Gestaltung gekauft werden. Sein eigenes Regal, erzählt er, sei voller Titel, die einfach optisch stark wirkten. Deshalb mische er sich auch bei der Gestaltung seiner eigenen Bücher intensiv ein und verlasse sich dabei auf sein Bauchgefühl.

So zeigt „Wolkenberührpunkt“ nicht nur einen ehemaligen Fußballprofi, der ein weiteres Talent ausprobiert. Das Buch wirkt auch wie der Versuch, den Übergang in ein neues Leben festzuhalten – und dem Karriereende etwas entgegenzusetzen, das bleibt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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