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Obszön?! Warum Männer dauernd dahin fassen

Vom Popstar bis zur Supermarktkasse: Warum greifen plötzlich so viele Männer in den Schritt – und was steckt wirklich dahinter?

25.05.2026, 06:06 Uhr

Griff in den Schritt: Zwischen Pop-Inszenierung, Provokation und Alltagsgeste

Da ist sie plötzlich, mitten im Alltag: die Bewegung, bei der ein junger Mann in der Kassenschlange kurz durch die Hose in den Schritt greift, um alles zurechtzurücken. Was viele als derb oder anstößig empfinden, scheint längst zu einer beiläufigen Geste geworden zu sein – besonders seit lässige Jogginghosen bei vielen Jungen und Männern ganz selbstverständlich zur Alltagskleidung gehören.

Der sogenannte "Crotch Grab", also der Griff in den Schritt, ist längst mehr als nur eine spontane Komfortbewegung. Durch Pop- und Hip-Hop-Künstler wurde er zu einem wiedererkennbaren kulturellen Symbol. Aktuell wird die Geste auch wieder mit Superstar Bad Bunny verbunden, der derzeit in Europa unterwegs ist.

Von Michael Jackson bis Jogi Löw

Besonders berühmt wurde der Schrittgriff durch Michael Jackson, für den er zu einem festen Bestandteil seiner Bühnenfigur wurde. Neue Aufmerksamkeit bekam das Thema zuletzt auch durch das Kinobiopic "Michael".

Auch abseits der Musik sorgte die Geste schon für Schlagzeilen: Jogi Löw löste vor rund zehn Jahren Irritationen aus, als Fernsehkameras ihn beim EM-Spiel gegen die Ukraine dabei einfingen, wie er sich in die Hose griff und anschließend an seinen Fingern roch.

Der wohl bekannteste Schrittgriff der Popgeschichte: Michael Jackson bei einem Auftritt 1997 in Gelsenkirchen. (Archivbild)

Dass über den "Crotch Grab" seit Jahrzehnten diskutiert wird, ist nicht neu. Schon früh wurde die Geste auch von Frauen kommentiert und kritisiert. Die kanadische Musikerin Carole Pope etwa beansprucht für sich, dieses provokante Element auf der Bühne mit etabliert zu haben.

Bad Bunny
Bad Bunny tourt jetzt durch Europa. (Archivbild) Quelle: Morry Gash/AP/dpa

Madonnas Blick auf doppelte Maßstäbe

Madonna hat mehrfach darauf hingewiesen, dass Männer und Frauen in Bezug auf ihren Körper sehr unterschiedlich beurteilt werden. Bei einem Konzert in New Jersey sagte sie 1990 sinngemäß, dass Menschen viel Aufhebens darum machten, wenn sie sich selbst in den Schritt greife.

Bei Männern werde eine solche Bewegung weit weniger skandalisiert. Ihre Botschaft damals: Wer sich übergriffig verhalte, sei das Problem – nicht eine Frau, die mit einer selbstbestimmten Geste ihren eigenen Körper markiere und klarstelle: Das ist mein Bereich.

Was hinter dem Begriff "Dwerking" steckt

Neben dem klassischen Griff in den Schritt hat sich in den vergangenen Jahren noch ein weiterer Trend rund um männliche Körperinszenierung entwickelt – auch in sozialen Medien. Dazu gehört das sogenannte "Dwerken", dem ebenfalls Bad Bunny zugerechnet wird.

Der Begriff setzt sich aus "dick" und "twerking" zusammen. Während Twerking ein Tanzstil mit stark isolierten Hüft- und Gesäßbewegungen ist, beschreibt Dwerking die Bewegung des Beckens mit dem Ziel, das Glied sichtbar mitschwingen zu lassen.

Jay-Z: Angeberei oder Unsicherheit?

Der Rapper und Produzent Jay-Z lieferte schon vor mehr als 15 Jahren in der NPR-Sendung "Fresh Air" eine Erklärung für die Geste. Auf die Frage, warum Musiker sich auf der Bühne an die Genitalien griffen, sagte er, dass im Musikgeschäft oft sehr unerfahrene junge Männer plötzlich vor riesigem Publikum stünden.

Wer zum ersten Mal auf einer großen Bühne stehe, fühle sich schnell bloßgestellt – fast nackt. Und wenn man sich nackt fühle, versuche man instinktiv, sich zu bedecken. Der demonstrative Griff sei deshalb oft weniger Machtsignal als vielmehr ein Ausdruck von Nervosität.

Als Moderatorin Terry Gross einwarf, das wirke doch eher wie das Gegenteil, antwortete Jay-Z lachend sinngemäß: Genau das solle das Publikum eben glauben.

Michael Jackson: "Das passiert einfach"

Michael Jackson selbst äußerte sich in einem berühmten Interview mit Oprah Winfrey 1993 eher schüchtern zu dem Thema. Verlegen erklärte er damals, dass die Bewegung aus seiner Sicht unbewusst entstehe. Beim Tanzen gehe man ganz in der Musik auf und reagiere spontan auf deren Energie.

Sinngemäß sagte Jackson, manchmal passiere die Bewegung einfach im Moment – nicht, weil er bewusst dorthin greifen wolle. Wenn er sich später Aufnahmen ansehe, frage er sich mitunter selbst überrascht, ob er das wirklich getan habe. Er beschrieb sich dabei als jemanden, der ganz vom Rhythmus mitgerissen werde.

Bühne und Alltag sind nicht dasselbe

Der Zürcher Kulturwissenschaftler Moritz Ege hält die Geste jedoch nicht für völlig harmlos. Bei Bad Bunny sei der Griff klar sexualisiert, zugleich wirke er aber oft auffallend beiläufig. Gerade diese Mischung gehöre zu dessen öffentlicher Persona.

Bad Bunny ist derzeit auf Europatournee. (Archivbild)

Ege sagt, die Bewegung transportiere häufig etwas demonstrativ Männliches, etwas "Mackerhaftes". Zugleich müsse man zwischen einer bewussten Bühneninszenierung und einer alltäglichen Geste unterscheiden – auch wenn die Grenze mitunter fließend sei.

Provokation mit politischer Note

Nach Eges Einschätzung hat der Schrittgriff bei Bad Bunny oft auch eine politische Ebene. Beim Auftritt in der Halbzeitshow des Super Bowl könne man ihn etwa als Form der Selbstbehauptung von Latino-Männlichkeit lesen – oder als demonstrativ grobe Männlichkeit in einem konservativen Umfeld der Trump-Ära.

In diesem Sinne spiele die Geste auch mit gesellschaftlichem Unbehagen gegenüber offen sexualisiertem Verhalten. Für Ege ist sie damit eine bewusst eingesetzte Pose mit Sprengkraft.

Manchmal ist es schlicht nur unbequem

Gleichzeitig, so räumt auch Ege ein, steckt nicht hinter jedem Griff in den Schritt gleich Dominanz, Provokation oder Machtdemonstration. Manchmal ist die Erklärung deutlich banaler: Es zwickt, juckt oder sitzt schlicht unangenehm.

Dann gehört das Zurechtrücken eher in den Bereich des Fidgeting – also kleiner unbewusster Bewegungen zur Selbstregulation, ähnlich wie am Haar zu spielen oder mit dem Bein zu wippen. In einer stressigen und komplexen Welt kann der "Crotch Grab" deshalb manchmal auch einfach nur ein nervöser, beruhigender Reflex sein.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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