T.C. Boyle bleibt eine feste Größe
Auf T.C. Boyle ist weiterhin Verlass. Der amerikanische Erfolgsautor ist mittlerweile 77 Jahre alt, schreibt aber noch immer mit erstaunlicher Regelmäßigkeit und auf unverändert hohem Niveau. Zwar ist er vor allem für seine Romane bekannt – zuletzt erschien im vergangenen Jahr „No Way Home“ –, doch auch in der kurzen Form zeigt er seine Klasse. Das beweist sein neuer Erzählband „Das Ende ist nur ein Anfang“ im Hanser Verlag.
Tom Coraghessan Boyle, bekannt durch Werke wie „America“, „Hart auf Hart“ und „Sprich mit mir“, gehört zu den bedeutendsten Stimmen der US-Literatur und hat auch in Deutschland viele Leserinnen und Leser. Seine Bücher sind allerdings alles andere als gemütliche Unterhaltung. Leichtigkeit findet man bei ihm selten, dafür umso mehr Spannung und Unruhe.
Schon im vorherigen Storyband „I walk between the raindrops“ war das so, und auch im neuen Buch zeigt Boyle keinerlei Altersmilde. Seine besondere Stärke liegt in der schonungslosen Behandlung seiner Figuren. Der in Kalifornien lebende Autor richtet den Blick lieber auf Abgründe, gesellschaftliche Fehlentwicklungen und all das, was Angst macht oder aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Themen wie die zunehmende Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, Radikalisierung, Gewalt und die Klimakrise tauchen bei ihm seit Jahren immer wieder auf. Bereits der Roman „Blue Skies“ von 2023 kreiste um die tödlichen Folgen extremer Wetterereignisse. Im neuen Band bilden solche Katastrophen gleich für zwei Erzählungen den Hintergrund.
Wenn die Natur ihre Ordnung verliert
In „Kalter Sommer“ schneit es ausgerechnet am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, fast zehn Zentimeter. Der Himmel bleibt weiß, die Pflanzen in den Gärten gehen ein. Dass das Wetter verrücktspielt, wirkt fast schon wie eine neue Normalität.
Für Melinda und ihren Mann verschärft sich die Lage rasch: Der Strom fällt aus, das Auto springt nicht an. Als Melinda mit dem Fahrrad in die Stadt fahren will, stürzt sie und bricht sich das Schienbein sowie zwei Rippen.
Doch damit beginnt das eigentliche Grauen erst. Was das Paar danach erlebt, führt ihnen brutal vor Augen, wie schnell Zivilisation an ihre Grenzen stößt, sobald die Natur nicht mehr berechenbar ist.
Auch „Was die Fotos nicht zeigten“ kreist um dieses Thema. Eine Familie in Kalifornien – Mutter, Vater, Kleinkind und Hund – macht sich an einem Augustsonntag auf zu einer Wanderung. Pili und ihr Mann Louis brechen mit ihrem kleinen Sohn und dem Jack-Russell-Terrier zu einem Tagesausflug auf.
Zurück kommen sie nicht. Erst später lässt sich anhand von Fotos und nicht versendeten Nachrichten auf ihren Handys nachvollziehen, was geschehen ist – das Mobilfunknetz hatte unterwegs versagt.
Hass, Scheitern und Gewalt
Zunächst nehmen sie die unerwartete Hitze noch gelassen. Doch nach und nach wachsen Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung. Boyle macht am Ende unmissverständlich klar, wie wenig Kontrolle der Mensch behält, wenn die Natur ihre Regeln ändert.
Diese schonungslose Konsequenz zeigt sich auch in einer weiteren Geschichte um die junge Cellistin Jori. Eigentlich läuft ihr Leben gerade bestens, und sie bereitet sich auf ein wichtiges Konzert vor, bei dem sie als Solistin auftreten wird. Zufällig bleibt sie eines Abends stehen, als sie ein Auto bemerkt. Der Mann am Steuer lässt das Fenster herunter und winkt ihr zu.
Er ist eine typische Boyle-Figur: von Hass und Selbstzweifeln zerfressen, ein Mann voller Minderwertigkeitsgefühle, ohne Freunde, gefangen in einem deprimierenden Job bei einem Billig-Reifenhändler. Er will sich an seinem Leben rächen – koste es, was es wolle.
Im Internet stößt er auf ein Video über 3D-Drucker und auf eine Anleitung zum Bau einer Waffe. Genau diesen Plan setzt er anschließend in die Tat um.
Der Tod ist in Boyles Welt allgegenwärtig
An Leichen und Gewalttaten mangelt es auch in diesem Band nicht. In einer Geschichte entdeckt eine junge drogenabhängige, obdachlose Frau den toten Körper eines kleinen Kindes – und schweigt aus Angst vor Ärger. In einer anderen versetzt ein Tiger ein indisches Dorf in Panik, indem er nachts immer wieder zuschlägt und Dorfbewohner zerreißt.
Selbst in einem abgelegenen japanischen Dorf auf Hokkaido, das fast nur noch von Hochbetagten bewohnt wird, ist die Idylle trügerisch. Seit Jahren wurden dort keine Kinder mehr geboren, die Schule ist schon seit zwei Jahrzehnten geschlossen.
Als plötzlich ein junges amerikanisch-japanisches Paar mit einem kleinen Jungen dorthin zieht, reagieren die Bewohner befremdet. Bald häufen sich Beschwerden über das Kind – und kurz darauf ist der Junge verschwunden.
Die verzweifelte Suche seiner Eltern endet in einem Finale, das ganz dem Stil Boyles entspricht: Wer auf eine einfache oder tröstliche Auflösung hofft, wird enttäuscht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber