Pogacar sendet vor dem Ruhetag ein klares Signal
Tadej Pogacar hat der Konkurrenz vor dem ersten Ruhetag der Tour de France noch einmal eine deutliche Botschaft mitgegeben. Auf die Frage, ob er angesichts seines komfortablen Vorsprungs nun vorsichtiger fahren werde, antwortete der Slowene sinngemäß: Natürlich gehe es darum, das Gelbe Trikot zu verteidigen – doch oft sei Angriff die beste Form der Verteidigung.
Dass sich Pogacar in den noch ausstehenden Bergetappen im Zentralmassiv, in den Vogesen und in den Alpen nur noch verstecken wird, glaubt im Feld wohl kaum jemand. Vor dem Finale der Rundfahrt, die am 26. Juli in Paris endet, stellt sich deshalb die Frage: Wie sind die Aussichten der wichtigsten Favoriten?
Tadej Pogacar (1.)
Der Weltmeister prägt die Tour bislang nach Belieben. Nach einer knappen Niederlage im Mannschaftszeitfahren fuhr er selbst zwei Etappensiege ein, einen weiteren überließ er seinem Helfer Isaac del Toro. Vor allem seine eindrucksvolle Solofahrt über den Tourmalet in den Pyrenäen brachte ihm nicht nur das Gelbe Trikot zurück, sondern setzte auch ein psychologisches Ausrufezeichen gegen die Rivalen. Sein Vorsprung ist bereits beachtlich. Realistisch gesehen könnten wohl nur ein schwerer Leistungseinbruch, ein Sturz oder gesundheitliche Probleme seinen fünften Tour-Sieg noch gefährden.
Jonas Vingegaard (2., 2:42 Minuten zurück)
Der Däne ist erneut einer der stärksten Fahrer im Peloton, doch an Pogacar kommt er bislang nicht heran. Nach dem starken Mannschaftszeitfahren keimte kurz Hoffnung auf, dass er den Titelverteidiger stärker unter Druck setzen könnte. Diese Hoffnung erhielt jedoch auf der Tourmalet-Etappe einen Dämpfer, als Vingegaard deutlich Zeit verlor und am Ende sogar Gefahr lief, von weiteren Klassementfahrern gestellt zu werden. Immerhin dürften ihm die langen, gleichmäßigen Anstiege der Alpen entgegenkommen. Zudem hat der 29-Jährige bei seinen Tour-Siegen 2022 und 2023 bewiesen, dass er in Woche drei noch zulegen kann.

Remco Evenepoel (4., 3:30 Minuten zurück)
Der Belgier sorgte zuletzt nicht nur sportlich für Gesprächsstoff. Nach der Pyrenäen-Etappe kritisierte er Teamkollege Florian Lipowitz öffentlich und warf ihm mangelnde Unterstützung vor. Das Team bemühte sich anschließend um Beruhigung, dennoch bleibt das Verhältnis der beiden Co-Kapitäne ein spannender Punkt. Im Einzelzeitfahren am 21. Juli rechnet sich der Olympiasieger gute Chancen auf einen Tagessieg aus. Ob er in den ganz schweren Hochgebirgsetappen mit den absoluten Topfahrern mithalten kann, erscheint allerdings weiter fraglich.
Paul Seixas (6., 3:55 Minuten zurück)
Das 19 Jahre alte französische Talent fährt bislang eine eher unauffällige, aber sehr solide erste Tour de France. In der Gesamtwertung liegt er aussichtsreich, ohne bislang mit großen Attacken aufzufallen. Nachdem er im Frühjahr mit starken Leistungen viel Aufmerksamkeit erregt hatte, wird nun besonders interessant sein, wie er die Belastung seiner ersten dreiwöchigen Rundfahrt verkraftet. Für Frankreich ist Seixas jedenfalls eine der spannendsten Figuren dieser Tour.
Florian Lipowitz (7., 4:00 Minuten zurück)
Der deutsche Vorjahresdritte wirkte nach dem verbalen Vorstoß von Evenepoel zunächst überrascht, blieb danach aber gelassen und versöhnlich. Am Sonntag holte er seinem Teamkollegen sogar eine Trinkflasche vom Begleitwagen. Lipowitz zeigte sich optimistisch und verwies darauf, dass die kommenden schweren Etappen das Klassement wohl weiter auseinanderziehen werden. Der 25-Jährige hat weiterhin gute Aussichten auf einen Podestplatz. Möglich ist auch, dass sich die Führungsfrage im Red-Bull-Team sportlich von selbst klärt – zumal Lipowitz am Tourmalet bereits vor Evenepoel ins Ziel kam.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber