Fußball

«Messer am Hals»: Warum Völler jetzt auf Paraguay setzt

Kein Fußball-Gigant, trotzdem Alarm vorm K.o.-Spiel: Warum Paraguay der DFB-Elf plötzlich gefährlich werden könnte

28.06.2026, 09:15 Uhr

Julian Nagelsmann beobachtete beim Abschlusstraining aufmerksam die ersten Torwartübungen von Manuel Neuer, während es im Mittelkreis deutlich robuster zuging. Im Spry Stadium schoben, drängelten und lachten Joshua Kimmich und seine Teamkollegen bei einer intensiven Einheit mit viel Körperkontakt. Mitten im Getümmel: Nathaniel Brown, der zuletzt angeschlagen gefehlt hatte und nun wieder einen einsatzbereiten Eindruck machte.

Die Botschaft dieser Übung war klar: Deutschland will gegen Paraguay körperlich dagegenhalten. Am Montagabend trifft die Nationalmannschaft in Foxborough auf den südamerikanischen Gegner (22.30 Uhr, ZDF und MagentaTV) – im ersten WM-K.-o.-Spiel seit dem Titelgewinn von Rio 2014. Nach außen wirkt beim DFB vieles geordnet. Doch bei genauerem Hinsehen bleiben Fragezeichen.

Völler setzt eher auf Hoffnung als auf Selbstgewissheit

Auffällig vorsichtig äußerte sich erneut Rudi Völler. Nach dem sportlich enttäuschenden 1:2 gegen Ecuador zum Abschluss der Gruppenphase wurde der DFB-Sportdirektor gefragt, ob man sich nun gegen das nächste südamerikanische Mentalitätsteam Sorgen machen müsse. Seine Antwort klang nicht nach fester Überzeugung, sondern nach Zurückhaltung: Er glaube beziehungsweise hoffe nicht, dass es dafür einen Grund gebe.

Gerade nach den WM-Enttäuschungen von 2018 und 2022 soll das Turnier diesmal nicht schon wieder früh enden. Umso bemerkenswerter ist, dass Völler vor allem von „Glaube“ und „Hoffnung“ sprach – nicht von klarem Optimismus. Teams mit echtem Siegergefühl treten in solchen Momenten meist entschlossener auf, etwa Argentinien um Lionel Messi oder die zuletzt äußerst treffsicheren Franzosen.

Dabei müsste Völler eigentlich als klassischer Mutmacher auftreten. Ein Sieg gegen Paraguay, derzeit nur auf Rang 37 der FIFA-Weltrangliste, könnte Deutschlands WM-Kurs sofort wieder stabilisieren. Diese Zuversicht vermittelte er aber nur begrenzt.

Rettig spricht vom „Messer am Hals“

Noch drastischer beschrieb DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig die Lage. Bei MagentaTV sagte er, in den K.-o.-Spielen habe man nun „das Messer am Hals“. Solche öffentlichen Alarmworte dürften kaum ganz im Sinne von Nagelsmann sein, für den in seinem 37. Länderspiel als Bundestrainer viel auf dem Spiel steht. Nach den gescheiterten WM-Auftritten unter Joachim Löw 2018 und Hansi Flick 2022 wäre ein weiteres frühes Scheitern kaum ohne Folgen zu erklären.

Foxborough soll Auftakt sein – nicht Endpunkt

Für Nagelsmann hat der Ort eine besondere Bedeutung. Bereits 2023 bereitete er unweit des jetzigen WM-Stadions seine ersten Länderspiele als Bundestrainer vor. Dass das schon eine Weile zurückliegt, zeigt auch der Blick auf den damaligen Kader: Thomas Müller und Mats Hummels gehörten damals noch zur Mannschaft, heute sind beide als TV-Experten dabei.

Auch Völler war schon damals in Foxborough am Trainingsplatz zu sehen – seinerzeit sogar im Trikot der New England Patriots. Während DFB-Präsident Bernd Neuendorf diesmal beim Baseballspiel der Boston Red Sox gegen die New York Yankees den symbolischen ersten Wurf übernehmen sollte, konzentriert sich Völler lieber auf das Wesentliche.

Er ist überzeugt, dass jene paar fehlenden Prozent aus dem Ecuador-Spiel nun automatisch wieder vorhanden sein werden. Im K.-o.-Modus, so seine Botschaft, sei die Lage eine völlig andere: Entweder es geht weiter oder es geht nach Hause.

Völlers klare Ansage an Musiala, Wirtz und Havertz

In einem Punkt wurde Völler deutlich: Deutschlands Offensive muss jetzt liefern. Vor allem Kai Havertz sowie Jamal Musiala und Florian Wirtz, die ihr großes Potenzial bislang nur phasenweise gezeigt haben, stehen in der Pflicht. Wenn Deutschland bei dieser WM viel erreichen wolle, brauche es von diesen Spielern deutlich mehr. Nach oben sei noch Luft, betonte Völler – jetzt beginne das Turnier für Deutschland erst richtig.

Auch das Mittelfeld bleibt ein Thema. Zu viele Ballverluste machten das deutsche Spiel zuletzt anfällig, und Völler ist sicher, dass die Gegner diese Schwachstelle erkannt haben. Paraguay dürfte genau dort ansetzen. Eine Verschiebung von Kimmich aus der rechten Abwehrseite zurück ins Zentrum sei nach Völlers Darstellung aber kein Thema. Immerhin sorgt die Rückkehr von Brown nach seinen Adduktorenproblemen personell für Entlastung auf der linken Seite.

Elf Siege in Serie – und trotzdem Zweifel

Die Gesamtlage wirkt widersprüchlich. Ein einziges schwaches Spiel gegen Ecuador hat gereicht, um die Stimmung wieder zu kippen. Zuvor hatte Deutschland elf Siege nacheinander geholt, doch selbst diese Serie hat das Misstrauen offenbar nicht dauerhaft verdrängt. Die Nationalmannschaft bleibt unter Nagelsmann ein Team, das trotz guter Ergebnisse schnell wieder unter Grundsatzverdacht gerät.

Rettig zeigte sich überzeugt, dass Deutschland gegen Paraguay das Gesicht aus dem 6:0 gegen die Slowakei zum Abschluss der WM-Qualifikation im November zeigen werde – und nicht jenes aus dem Ecuador-Spiel. Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass es zwei Monate vor diesem Kantersieg ein ernüchterndes 0:2 in Bratislava gegen eben diese Slowaken gegeben hatte. Welche deutsche Version diesmal auftaucht, bleibt also offen.

Kimmich fordert Analyse statt Alarmismus

Joshua Kimmich schlug einen nüchterneren Ton an. Der Kapitän forderte, die Fehler offen anzusprechen, sie mit dem Trainer aufzuarbeiten und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Für ihn persönlich ist die Partie besonders: Erstmals kann er bei einer WM in einem K.-o.-Spiel auflaufen.

Sollte Deutschland erneut früh scheitern, hätte selbst der Gruppensieg keinen bleibenden Wert mehr. Wieder würde Kimmichs Generation zu früh aus dem Titelrennen verschwinden.

Paraguay weckt Erinnerungen an 2002

Trotz aller Nervosität gilt der Gegner als machbar. Paraguay ist keine Großmacht des Weltfußballs und schaffte es nur als Gruppendritter hinter den USA und Australien in die nächste Runde.

Für Völler hat das Duell zudem eine persönliche Note. Schon bei der WM 2002 war Paraguay Deutschlands erster Gegner in der K.-o.-Phase. Damals erlöste Oliver Neuville die DFB-Elf im südkoreanischen Seogwipo erst in der 88. Minute mit dem 1:0. Völler machte nun deutlich, dass er auch diesmal gut mit einem knappen späten Sieg leben könnte.

Frei nach dem einfachen Motto: nicht glänzen um jeden Preis – sondern vor allem weiterkommen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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