Fußball

Kimmichs spätes WM-Novum: Darum tobt der Streit

114. Länderspiel, erste echte WM-Premiere: Bei Kimmich steht alles auf dem Spiel – und wieder sorgt seine Position für Zoff.

28.06.2026, 09:51 Uhr

Kimmich vor WM-Premiere in der K.-o.-Runde

Joshua Kimmich hat lange auf diesen Moment hingearbeitet. Erst mit 31 Jahren erlebt der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft etwas völlig Neues: In seinem 114. Länderspiel steht er am Montag gegen Paraguay erstmals in einem K.-o.-Duell bei einer WM auf dem Platz. Für den Bayern-Profi ist es bereits das dritte Turnier dieser Art.

So besonders diese Konstellation für ihn ist, ganz unbelastet geht Kimmich nicht in die Partie. Die Enttäuschungen der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 scheinen ihn weiterhin zu begleiten. In der Gruppenphase in den USA trat der DFB-Kapitän nicht mit der gewohnten Souveränität und Dominanz auf. Die sonst so selbstverständliche Leichtigkeit war ihm bislang nicht anzumerken.

Die alte Frage nach der besten Position

Passend zum Beginn der entscheidenden Turnierphase ist auch die Diskussion um Kimmichs optimale Rolle zurück. Soll er als Rechtsverteidiger spielen oder doch zentral im Mittelfeld, wie häufig beim FC Bayern? Nach dem 1:2 gegen Ecuador wurden die Zweifel an der Doppelsechs mit den WM-Neulingen Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha zusätzlich größer.

Kimmich selbst zeigte sich nach der Niederlage deutlich genervt von der immer wiederkehrenden Debatte. Er betonte, dass allein Bundestrainer Julian Nagelsmann entscheide, auf welcher Position er der Mannschaft am meisten helfen könne. Dort werde er dann auch spielen.

Ob die Diskussion damit beendet ist, bleibt offen. Für das Spiel gegen Paraguay hat Nagelsmann jedoch eine klare Tendenz erkennen lassen: Pavlovic und Nmecha sollen erneut im Mittelfeld beginnen. Auf beide wolle er nicht verzichten, machte der Bundestrainer deutlich.

WM 2026 - Ecuador - Deutschland
Joshua Kimmich gegen Ecuador in Aktion, die Leichtigkeit fehlt ihm noch bei der WM. Quelle: Federico Gambarini/dpa

Auch Sportdirektor Rudi Völler wurde zuletzt wiederholt auf das Thema angesprochen. Seine Einschätzung: Kimmich sei sowohl als rechter Verteidiger als auch im zentralen Mittelfeld ein Spieler von Weltklasseformat. Am Ende treffe aber Nagelsmann gemeinsam mit seinem Trainerteam die Entscheidung.

Nagelsmann verweist auf die EM 2024

Mit Pavlovic ist Kimmich aus dem Vereinsalltag bestens vertraut. Der 22-Jährige zeigt im WM-Turnier allerdings bislang ungewohnte Schwächen. Wie gut Kimmich mit dem dynamischen Dortmunder Nmecha in dieser Konstellation funktionieren würde, ist dagegen noch kaum erprobt.

Nagelsmann verweist bei seiner Einschätzung auf die Heim-EM 2024. Dort habe Kimmich als Rechtsverteidiger auf sehr hohem Niveau gespielt und in den statistischen Werten sogar herausragend abgeschnitten. Zudem sieht der Trainer in seiner Rolle am Ball gewisse Parallelen zur Bayern-Zeit: In Ballbesitz rückt Kimmich ins Zentrum, lenkt das Spiel und übernimmt Aufgaben eines Spielmachers.

Für Kimmich zählt vor allem die Wiedergutmachung

Für den Kapitän ist die Positionsfrage in den USA aber nicht das wichtigste Thema. Ihm geht es vor allem darum, seine bisher enttäuschende WM-Bilanz zu korrigieren. Aus seiner Sicht muss sich dafür vor allem ein Punkt ändern: Deutschland darf nicht in nahezu jedem Spiel Gegentore kassieren und muss unnötige Ballverluste deutlich reduzieren.

In der K.-o.-Phase soll wieder der Kimmich zu sehen sein, den man kennt: sicher am Ball, zuverlässig gegen den Ball und gefährlich als Vorlagengeber nach vorn. Völler räumte ein, dass auch Kimmich selbst gegen Ecuador sicher lieber etwas stärker gespielt hätte. Viel Kritik wollte der Sportdirektor daraus jedoch nicht ableiten.

Er beschrieb Kimmich vielmehr als extrem ehrgeizigen Spieler und als vorbildlichen Kapitän. Innerhalb des DFB gilt er laut Völler als wichtiger Führungsspieler und als jemand, der seine Rolle mit großer Verantwortung ausfüllt.

Blick auf ein mögliches Duell mit Frankreich

Sollte Deutschland das Achtelfinale erreichen und dort auf Frankreich treffen, dürfte die Positionsdebatte erneut Fahrt aufnehmen. Schon gegen die Elfenbeinküste wurde sichtbar, dass Kimmich in direkten Sprintduellen nicht zu den schnellsten Außenverteidigern zählt. Auch Völler verwies darauf, dass andere Spieler auf dieser Position mehr Tempo mitbringen. Gleichzeitig hob er Kimmichs Erfahrung und sein kluges Verhalten in solchen Situationen hervor.

Denkbar: Systemwechsel gegen Frankreich

Im DFB-Quartier scheint deshalb bereits eine mögliche Idee für ein Duell mit den Franzosen herumzugehen. Um die enorme Offensive mit Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé, Désiré Doué und Michael Olise besser kontrollieren zu können, könnte Nagelsmann auf eine Dreierkette umstellen. In diesem Fall wäre es denkbar, Kimmich wieder weiter nach vorn ins Mittelfeld zu ziehen.

Noch ist das allerdings Zukunftsmusik. Nagelsmann betonte nach dem Ecuador-Spiel, aktuell sei kein Wechsel geplant. Das gilt zunächst für Paraguay — und damit für Kimmichs erstes K.-o.-Spiel bei einer Weltmeisterschaft.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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