Fußball

Klopp als Bundestrainer? Die Gründe dafür – und dagegen

Nagelsmann vor dem Aus – und ganz Deutschland ruft nach Klopp. Wird „Kloppo“ jetzt wirklich zum Retter des DFB-Teams?

02.07.2026, 05:43 Uhr

Dieser Reflex wirkt nachvollziehbar: Nun rückt Jürgen Klopp in den Mittelpunkt. Obwohl sich der Deutsche Fußball-Bund nach dem krachenden Scheitern von Julian Nagelsmann bei der WM in den USA noch nicht von seinem Bundestrainer getrennt hat, wird Klopp bereits als möglicher Retter gehandelt. Er soll die tief enttäuschte Fußball-Nation Deutschland wieder aufrichten.

Ist die Lösung Klopp also fast schon zwangsläufig? Offiziell haben sich die DFB-Verantwortlichen um Präsident Bernd Neuendorf und Sportdirektor Rudi Völler noch nicht zu dem charismatischen Kandidaten bekannt. Stattdessen wollen sie nach eigener Aussage erst in Ruhe die Ursachen für den nächsten sportlichen Rückschlag aufarbeiten und danach über den Trainer entscheiden, der das Nationalteam zur EM 2028 führen soll. Doch welche Argumente sprechen für Klopp – und welche dagegen?

Was für Klopp spricht

Würde man die Fans abstimmen lassen, dürfte das Ergebnis wohl ziemlich klar ausfallen. Klopp genießt große Popularität und könnte nach dem nächsten Turnierdebakel für einen echten Neuanfang stehen. Genau diese Aufbruchsstimmung scheinen Verband und Mannschaft derzeit dringend zu brauchen.

Trotz seines hoch dotierten Postens als globaler Fußballchef bei Red Bull ist der 59-Jährige im Innersten offenbar weiterhin Trainer. Wer ihn bei MagentaTV als WM-Experten erlebt hat, konnte spüren, wie sehr ihn das Spiel noch packt. Nach dem WM-Aus gegen Paraguay hätte er die Debatte über seine Person leicht abwürgen können. Stattdessen sagte er vieldeutig, es sei verständlich, dass sein Name in der Diskussion um den Bundestrainer auftauche.

WM 2026 - Deutschland - Paraguay
Julian Nagelsmann (l) steht Rede und Antwort nach dem WM-Aus gegen Paraguay – und sein möglicher Nachfolger hört zu? Quelle: Tom Weller/dpa

Beim DFB dürfte man zudem genau registriert haben, wie schnell Klopp nach dem Paraguay-Spiel eine Analyse lieferte, die der Verband nun selbst erst erarbeiten will. Er machte deutlich, dass ein einfaches "Weiter so" keine Option sei. Wenn Deutschland wieder zu alter fußballerischer Stärke finden wolle, müsse man die Probleme konsequent angehen – bei den Strukturen, im Kader und auf einzelnen Positionen.

Grundsätzlich scheint Klopp im Team sportliches Potenzial zu sehen. Nach dem Aus im Elfmeterschießen stellte er sich nicht pauschal gegen die Mannschaft. Statt die Spieler wegen ihrer Mentalität hart zu kritisieren, fragte er eher, warum die DFB-Auswahl ihre Möglichkeiten im Turnier nicht dauerhaft ausschöpfen konnte. Es habe gute Phasen gegeben, diese seien aber zu kurz gewesen. Außerdem habe die Mannschaft zu wenig kreiert, weil einige Dinge nicht richtig gemacht worden seien. Das klingt so, als hätte Klopp bereits konkrete Ansatzpunkte im Kopf.

Für ihn sprechen zudem seine Empathie und seine Fähigkeit, mit Menschen umzugehen. Er gilt als Trainer, der Spieler besser macht und ihr Potenzial freilegt. Anders als der deutlich jüngere Nagelsmann kann Klopp außerdem große internationale Erfolge vorweisen. Mit dem FC Liverpool gewann er die Champions League und die englische Meisterschaft, mit Borussia Dortmund forderte er die Dominanz des FC Bayern heraus.

Als Klopp 2024 nach langen Jahren im intensiven Vereinsalltag in Liverpool aufhörte, sprach er offen davon, dass seine Energiereserven erschöpft seien. Der Job als Nationaltrainer bringt zwar ebenfalls Hochphasen mit großem Druck – vor allem bei Turnieren –, bietet zwischen den Länderspielphasen aber deutlich mehr Freiräume als der Vereinsfußball. Bis zum Jahresende wären lediglich sechs Länderspiele zu absolvieren. Dass ein solcher Posten langfristig erfüllend sein kann, zeigte Joachim Löw, der 15 Jahre Bundestrainer war.

Hinzu kommt der Reiz der EM 2028. Das Turnier findet in England, Schottland, Wales und Irland statt – also in jener Fußballwelt, mit der Klopp nach seiner Liverpool-Zeit besonders verbunden ist. Deutschland ausgerechnet im Mutterland des Fußballs wieder zu Größe und Stolz zu führen, könnte für einen Motivator wie ihn ein besonderer Antrieb sein.

Was gegen Klopp spricht

Allerdings gibt es auch gewichtige Gegenargumente. Klopp besitzt bei Red Bull einen langfristigen Vertrag bis 2029. Er selbst betonte bereits, dass seine dortige Aufgabe kein Nebenjob sei. Nach Angaben aus dem Umfeld des Konzerns soll der Vertrag keine Ausstiegsklausel enthalten. Auch Berichte über eine mögliche mündliche Freigabe für den DFB oder ein Sonderkündigungsrecht wurden dementiert. Sollte der Verband Klopp wirklich holen wollen, wären wohl Verhandlungen mit Red Bull nötig – möglicherweise inklusive einer Ablösesumme.

Zudem könnte eine Verpflichtung Klopps riesige Erwartungen auslösen. Schnell entstünde das Bild vom Heilsbringer, der die Nationalmannschaft automatisch wieder zur Spitzenmannschaft und zum Titelkandidaten macht. Klopp selbst hat jedoch klargemacht, dass der deutsche Fußball von diesem Status derzeit entfernt ist. Bei der WM beschönigte er die Lage nicht und stellte fest, dass heute fast jeder jeden schlagen könne – und Deutschland erst recht verwundbar sei, wenn es nicht funktioniere.

Auch seine Werbeverbindungen könnten zum Thema werden. Klopp ist seit Jahren Markenbotschafter von Adidas. Ab 2027 wird beim DFB jedoch Nike den langjährigen Ausrüster Adidas ablösen – und zwar für eine enorme Summe. Das wirft die Frage auf, wie gut es zusammenpassen würde, wenn ausgerechnet der Bundestrainer öffentlich mit dem größten Konkurrenten des neuen DFB-Partners verbunden ist.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist Klopps Belastbarkeit. Er hatte selbst erklärt, dass sein Akku nach dem Ende in Liverpool leer gewesen sei. Ob er inzwischen wieder vollständig bereit für eine so prominente und fordernde Aufgabe ist, bleibt offen.

Außerdem unterscheidet sich der Job als Vereinstrainer deutlich von dem eines Nationaltrainers. Schon Nagelsmann tat sich mit dieser Umstellung schwer. Ein Bundestrainer kann mit seinem Team nicht täglich auf dem Platz arbeiten, um Abläufe und Automatismen einzustudieren. Eine Nationalmannschaft braucht eine andere Art von Führung und Training. Gerade Klopps auf hohes Pressing und intensive Abstimmung ausgerichteter Stil lässt sich ohne tägliche Arbeit nur eingeschränkt umsetzen. Anders als im Verein kann er sich dafür auch nicht gezielt die passenden Spieler zusammenstellen, sondern muss mit dem deutschen Personal arbeiten.

Schließlich wäre auch Klopp nicht vor Kritik sicher. Die mediale Begleitung rund um die Nationalmannschaft ist permanent und oft schonungslos. Dazu kommt, dass Klopp gerne locker und zugespitzt formuliert. Während der WM sagte er als Experte einmal sinngemäß, es sei gut, dass noch Julian Nagelsmann die Mannschaft aufstelle. Für diese Bemerkung bekam er deutlichen Widerspruch, unter anderem von Stefan Effenberg und Lothar Matthäus. Auch bei Rudi Völler und innerhalb des DFB soll dieser Ton nicht gut angekommen sein.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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