Belgiens einst gefeierte goldene Generation hat bei der WM ein spektakuläres Comeback geschafft und das Aus noch abgewendet. Die Mannschaft um Doppeltorschütze Youri Tielemans setzte sich im Sechzehntelfinale in Seattle nach einem 0:2-Rückstand noch mit 3:2 (0:1, 2:2) nach Verlängerung gegen Senegal durch und steht damit im Achtelfinale.
Vor 66.925 Zuschauern im Stadion der Seattle Seahawks brachte Habib Diarra Senegal in der 24. Minute verdient in Führung. Nach der Pause erhöhte Ismaila Sarr (51.). Lange sprach alles für den Außenseiter, ehe Belgien in der Schlussphase plötzlich zurückkam: Romelu Lukaku verkürzte in der 86. Minute, Tielemans traf kurz darauf zum 2:2 (89.).
In der fünften Minute der Nachspielzeit der Verlängerung sorgte Tielemans schließlich per Foulelfmeter für die Entscheidung (120.+5). Der Strafstoß wurde nach langem Video-Check gegeben und markierte zugleich das späteste Tor in der Geschichte von Fußball-Weltmeisterschaften. Zusätzliche Verzögerung gab es, weil Pathé Ciss vor dem Elfmeterpunkt liegen blieb und so das Unvermeidbare noch hinauszuzögern schien.
Am kommenden Montag trifft das Team von Trainer Rudi Garcia erneut in Seattle im Achtelfinale auf Gastgeber USA.
Hitzige Szenen und späte Wende
Bis zur 85. Minute sah Senegal wie der sichere Sieger aus. Nach Lukakus Anschlusstreffer geriet die Partie jedoch völlig ins Wanken. Schon zuvor war die Nervosität bei Belgien sichtbar gewesen: Leandro Trossard und Tielemans hatten sich in der zweiten Halbzeit heftig auf dem Platz angegangen, Lukaku musste schlichten. Am Ende gelang den Belgiern dennoch die unerwartete Wende.
"Wir haben Charakter gezeigt", sagte Lukaku nach dem Spiel. Den entscheidenden Elfmeter überließ er seinem Kapitän Tielemans, der danach meinte: "Ich fühle mich großartig, gerade nach so einem Spiel."
Senegal dominiert über weite Strecken
Bei rund 20 Grad und bewölktem Himmel herrschten in Seattle beste Bedingungen. Zunächst profitierte davon allerdings nur Senegal. Die Mannschaft um Ex-Bayern-Profi Sadio Mané übernahm von Beginn an die Kontrolle und drängte Belgien tief in die eigene Hälfte.
Besonders kurios wurde es nach etwa 15 Minuten, als Sarr gleich doppelt die Führung auf dem Fuß hatte: Erst traf er den Pfosten und kam dabei zu Fall, dann versuchte er im Liegen nachzusetzen, beförderte den Ball aber nur ans Außennetz.
Belgien wirkte im ersten Durchgang ideenlos, langsam und fehleranfällig. Vor allem Kevin De Bruyne blieb vieles schuldig und erlaubte sich ungewohnt viele Fehlpässe. Das 1:0 für Senegal lag deshalb in der Luft: Nach einer Flanke von Mané köpfte Sarr erneut an den Pfosten, den Abpraller verwertete Diarra zur Führung. Belgien kam kurz vor der Pause immerhin durch Jérémy Doku und Maxim De Cuyper zu Chancen, doch Torhüter Mory Diaw parierte stark.
Garcias Wechsel sorgen für Überraschung
Nach dem Seitenwechsel brachte Belgien Romelu Lukaku, der schon beim 5:1 gegen Neuseeland als Joker überzeugt hatte. Trotzdem blieb Senegal zunächst die bessere Mannschaft und erhöhte durch Sarr per spektakulärem Volley auf 2:0.
Zusätzlich überraschte Garcia mit weiteren Umstellungen: De Bruyne und Doku mussten früh vom Feld, unter anderem kam Dodi Lukebakio ins Spiel. Zunächst wirkten die Wechsel eher wie ein Zeichen der Ratlosigkeit. Eine Niederlage hätte Garcia mit einem Kader dieser Qualität wohl den Job kosten können.
Doch in der Schlussphase drehte Belgien plötzlich auf. Lukaku traf nach Vorlage von Thomas Meunier zum 1:2, Tielemans glich wenig später aus. In der Verlängerung entschied dann ein lange überprüftes Foul von Lamine Camara an Tielemans die Partie. Schiedsrichter Hector Said Martinez aus Honduras sah sich die Szene lange am Monitor an und zeigte dann auf den Punkt.
Garcia sprach später von einem Abnutzungskampf: In der Verlängerung sei es "wie bei zwei Boxern" gewesen, sagte der Belgien-Coach. Zugleich verwies er darauf, dass manche Mannschaften gegen Ende eines Spiels ihre taktische Ordnung verlören – seine Wechsel machten ihn am Ende zum Mitgestalter des Comebacks.
Senegal hadert – und zeigt Größe
Für Senegal ist das Ausscheiden der nächste bittere Rückschlag, nur wenige Monate nach dem turbulenten Afrika-Cup-Finale gegen Marokko, das zunächst auf dem Platz gewonnen und später aberkannt worden war. Die Erinnerungen daran wurden durch den späten Elfmeterpfiff in Seattle noch einmal wach.
Auf dem Rasen protestierten die Senegalesen heftig gegen die Entscheidung, fühlten sich um den verdienten Lohn gebracht und umringten den Schiedsrichter. Später gab sich Trainer Pape Thiaw jedoch als fairer Verlierer. "Es ist ein grausamer Sport. Wir müssen es akzeptieren und weitermachen", sagte er. Sein Team habe den Sieg verdient gehabt, ergänzte der Coach.
Auch Torschütze Habib Diarra suchte die Verantwortung nicht nur beim Referee: "Wir müssen uns selbst die Schuld geben, keinem anderen", sagte er.
Kontroverse um Tielemans
Nicht nur der Elfmeter sorgte für Diskussionen. Schon beim 2:2 hatte Tielemans vor seinem Kopfballtor seinen Gegenspieler zu Boden gedrückt. Der Belgier selbst sah darin später jedoch kein Foul.
So blieb am Ende ein Abend voller Wendungen: ein strauchelnder Favorit, ein lange überragender Außenseiter, hitzige Szenen auf dem Platz – und ein Rekordtor ganz zum Schluss, das Belgien im Turnier hält.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber