Die von großem Heim-Pathos getragene US-Nationalmannschaft ist bei der Fußball-WM im Achtelfinale ausgeschieden. Das Team verlor in Seattle klar mit 1:4 (1:2) gegen Belgien und verpasste den erhofften Vorstoß Richtung erstem WM-Titel. Für die Gastgeber endete damit das wichtigste WM-Spiel seit dem Viertelfinale 2002 in einer sportlichen Demütigung.
Infantino verfolgt das Spiel im Stadion
Vor 66.925 Zuschauern im Lumen Field, unter ihnen auch FIFA-Präsident Gianni Infantino, erwischten die USA ihren schwächsten Auftritt des Turniers. Zuvor waren bereits die beiden anderen Co-Gastgeber gescheitert: Kanada unterlag Marokko 0:3, Mexiko verlor 2:3 gegen England.
Besonders viel Aufmerksamkeit hatte erneut der Fall Folarin Balogun ausgelöst. Der Angreifer war nach seiner Roten Karte gegen Bosnien-Herzegowina zunächst gesperrt worden, durfte nach einer überraschenden FIFA-Entscheidung aber doch spielen. Berichten zufolge war der Entscheidung ein Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und Infantino vorausgegangen. Der Vorgang entwickelte sich zu einem der größten Aufreger dieser WM.
Nach dem Abpfiff stellte sich Balogun in der Interviewzone den Fragen der Reporter. „Wir haben die Entscheidung akzeptiert, als ich die Rote Karte gesehen habe, und wir haben die Entscheidung akzeptiert, als uns gesagt wurde, dass ich spielen kann“, sagte der 25-Jährige. Sportlich blieb sein Auftritt schwach, für sein Auftreten nach dem Spiel bekam er aber Respekt. Belgien-Coach Rudi Garcia berichtete zudem von einem Gespräch mit Balogun auf dem Rasen: „Er ist nicht schuld. Er hat nichts falsch gemacht. Ich schätze ihn.“
Auffällig war auch: Infantino saß zwar im Stadion, wurde diesmal aber nicht auf den großen Videoleinwänden eingeblendet. Der Ärger der Belgier richtete sich nach dem Spiel vor allem gegen die FIFA-Führung.
Trump-Kommentar, Klopp-Kritik und UEFA-Empörung
Trump verteidigte das Vorgehen später im Oval Office. Er habe eine Überprüfung verlangt, „weil ich nicht dachte, dass es ein Foul war“, sagte der Präsident. Während er sich anschließend schon wieder anderen Themen widmete, riss die Empörung im Fußball nicht ab.
„Es darf nicht dazu kommen, dass Staaten eingreifen. Das geht nicht“, sagte Ex-Weltmeister Bastian Schweinsteiger in der ARD. Auch der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp hatte das Vorgehen scharf kritisiert. „Wenn das wirklich Trump und Infantino miteinander ausgemacht haben, das ist verrückt. Das stellt alles infrage“, sagte Klopp bei MagentaTV. Zudem meinte er: „Diese beiden Menschen, die beide keine Ahnung von Fußball haben, sollten gar nichts damit zu tun haben.“ Auch die UEFA verurteilte den Fall und sprach davon, dass eine „rote Linie“ überschritten worden sei.
Balogun beteiligt sich am Ausgleich
Balogun stand wie erwartet in der Startelf und war an der Entstehung des zwischenzeitlichen 1:1 beteiligt. Nach einem Foul an ihm verwandelte Malik Tillman von Bayer Leverkusen in der 31. Minute einen Freistoß zum Ausgleich.
Zunächst aber war von Balogun wenig zu sehen. Nach rund 25 Minuten standen nur zwei Ballkontakte für ihn zu Buche. Zu diesem Zeitpunkt führten die Belgier bereits, nachdem Charles De Ketelaere nach Vorarbeit von Nicolas Raskin früh zum 1:0 (9.) getroffen hatte.
Belgien war dabei mit einer mutigen Aufstellung angetreten: Trainer Rudi Garcia verzichtete zunächst auf erfahrene Kräfte wie Romelu Lukaku und Kevin De Bruyne sowie auf Jérémy Doku.
Belgien antwortet sofort
Kurz nach der ersten Trinkpause meldete sich Balogun erstmals entscheidend an. Nach einem Foul von Maxim De Cuyper holte er einen Freistoß in guter Position heraus. Tillmans Versuch wurde von Hans Vanaken abgefälscht und war für Thibaut Courtois nicht mehr zu halten.
Die Freude der US-Fans hielt jedoch kaum an. Nur 61 Sekunden nach dem Ausgleich köpfte De Ketelaere eine Flanke von Leandro Trossard zur erneuten belgischen Führung ein. Für den bislang im Turnier eher enttäuschenden Offensivspieler war es der zweite Treffer des Abends – aus belgischer Sicht wurde er damit zum umjubelten „König Charles“.
Kurz vor der Pause bot sich Balogun sogar die große Chance zum 2:2, doch aus kurzer Distanz setzte er den Ball über das Tor. In den vorherigen WM-Spielen hatte er bereits drei Treffer erzielt.
USA brechen nach der Pause ein
Nach dem Seitenwechsel fanden die Amerikaner nicht mehr zurück ins Spiel. Die Mannschaft um Kapitän Tim Ream wirkte nervös, verunsichert und überfordert. Besonders deutlich zeigte sich das beim dritten Gegentor: Torhüter Matt Freese, zuvor im Turnier noch ein sicherer Rückhalt, leistete sich einen schweren Fehler und ermöglichte Vanaken in der 57. Minute das Tor ins leere Netz.
Mit dem 1:3 war die Hoffnung der USA auf ein historisches WM-Märchen praktisch beendet. Der Traum, dass Ream am 19. Juli in East Rutherford bei New York als erster US-Kapitän überhaupt den WM-Pokal stemmen könnte, platzte endgültig.
Romelu Lukaku setzte in der Nachspielzeit mit dem 4:1 (90.+3) den Schlusspunkt unter einen verdienten belgischen Erfolg. Zuvor hatten die USA den Eindruck vermittelt, dass der Skandal und der enorme mediale Wirbel doch nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen waren – auch wenn die Spieler das später bestritten.
Ibrahimovic spricht von einem „Reality-Check“
Die Profis von Tim Ream über Tyler Adams bis zu Balogun selbst versicherten nach der Partie, die Debatte um die aufgehobene Sperre habe keinen Einfluss auf ihre Leistung gehabt. Auf dem Platz sah das anders aus. Die USA waren im Vergleich zu ihren bisherigen Auftritten kaum wiederzuerkennen.
„Das war die schlechteste Leistung der USA, aber sie haben niemanden enttäuscht. Es war wie ein Reality-Check heute“, sagte Zlatan Ibrahimovic bei Fox. Der Schwede hatte der Mannschaft von Mauricio Pochettino zuvor noch Titelpotenzial zugetraut. In Seattle zeigte sich jedoch deutlich, wie weit die USA von der Weltspitze noch entfernt sind.
Balogun zog ein entsprechend ernüchterndes Fazit: „Heute haben wir den Fans nicht viel gegeben, über das sie hätten jubeln können. Das Enttäuschende ist, dass wir jetzt vier Jahre warten müssen.“ 2030 findet die WM in Spanien, Portugal und Marokko statt; dazu sind drei Eröffnungsspiele in Argentinien, Paraguay und Uruguay geplant.
Belgien trifft nun auf Spanien – und stichelt gegen die USA
Belgien zeigte seine bislang stärkste Leistung im Turnier. Nach den Toren von De Ketelaere (9./33.), Vanaken (57.) und Lukaku (90.+3) wartet nun im Viertelfinale am Freitag (21.00 Uhr/MESZ) in Inglewood bei Los Angeles Europameister Spanien.
Garcia blieb nach dem Abpfiff betont fair. „Ich möchte den USA zu einer guten WM gratulieren, sie waren gut – unabhängig von diesem letzten Spiel“, sagte der Belgien-Coach. Kleine Spitzen verkniffen sich andere allerdings nicht: Nach Lukakus spätem Treffer zeigten einige belgische Spieler einen Jubeltanz, der als Anspielung auf Trump verstanden werden konnte. Der belgische Verband legte in den sozialen Medien nach und postete ein Bild des jubelnden Lukaku mit den Worten: „Macht das mal rückgängig.“
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber