Paul Zipser: Vom NBA-Traum zur schweren Hirn-OP – und zurück aufs Parkett
Paul Zipser sitzt auf einer Bank in der Heidelberger Bahnstadt, trinkt Kaffee und blickt auf ein Wasserbecken mit Enten. In dem Viertel, das einst ein Güterbahnhof war, spricht der frühere deutsche Basketball-Star über die größten Höhen und tiefsten Einschnitte seiner Karriere.
Vor rund zehn Jahren schaffte Zipser den Sprung in die NBA, fünf Jahre später begann für ihn ein Kampf, der weit über den Sport hinausging: In seinem Kopf wurde ein Tumor entdeckt, etwa so groß wie eine Daumenkuppe.
Der Weg in die NBA
Der in Heidelberg aufgewachsene Flügelspieler galt 2016 als eines der größten deutschen Talente. Beim FC Bayern München wurde er zum besten Nachwuchsspieler der Bundesliga gewählt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits sein Debüt in der Nationalmannschaft gegeben und zusammen mit Dirk Nowitzki eine Europameisterschaft gespielt. Für Zipser war klar: Der nächste Schritt sollte die NBA sein.
Die Draft-Nacht am 24. Juni 2016 verfolgte er im Wohnzimmer seiner Eltern, gemeinsam mit seinen Schwestern und seiner späteren Frau Mira. Zunächst schien es so, als würden ihn die New Orleans Pelicans auswählen, allerdings mit der Perspektive, zunächst in Europa zu bleiben. Doch dann kam alles anders: Sein Agent informierte ihn, dass die Chicago Bulls ihn sofort holen wollten.
Zipser wurde in der zweiten Runde an Position 48 ausgewählt – von jenem Club, der durch Michael Jordan einst Basketball-Geschichte geschrieben hatte. Gefeiert wurde später bei einem Abiball seiner Schwester in Schriesheim. Für Zipser war es ein Moment des puren Glücks.

Jahre in Chicago und Rückkehr nach München
In Chicago spielte Zipser zwei Saisons und stand dabei auch Superstars wie LeBron James, Kevin Durant oder Giannis Antetokounmpo gegenüber. Allerdings wurde seine Zeit in den USA immer wieder von Verletzungen erschwert. Besonders frustrierend war für ihn, dass ein Ermüdungsbruch im linken Fuß von der medizinischen Abteilung der Bulls zunächst nicht erkannt wurde.
Enttäuscht verließ er die USA, legte einen Zwischenstopp in Spanien ein und kehrte schließlich zum FC Bayern zurück. In München fand er sportlich wieder zu alter Stärke. Nach eigener Aussage fühlte er sich damals so wohl wie nie zuvor – körperlich, auf dem Feld und auch abseits davon.
Der Schock vor dem Halbfinale
Dann kam der Moment, der sein Leben veränderte. Im Playoff-Halbfinale gegen Ludwigsburg klagte Zipser vor dem vierten Spiel plötzlich über starke Kopfschmerzen und Schwindel. Zunächst hielt er die Beschwerden für eine Migräne. Doch beim Warm-up lief er unsicher, sah zeitweise schwarz vor Augen. Trainer Andrea Trinchieri ließ ihn vorsichtshalber nicht spielen.
Schon bald war klar, dass mehr dahintersteckte. Am nächsten Tag wachte Zipser in schlechtem Zustand auf. Die rechte Gesichtshälfte fühlte sich taub an, auch die Zunge war beeinträchtigt. In der Klinik diagnostizierten die Ärzte ein sogenanntes Kavernom – eine gutartige Gefäßmissbildung im Gehirn.
Gefährliche Operation am Hirnstamm
Diese Gefäßveränderung, die in ihrer Form an eine Maulbeere oder Popcorn erinnert, hatte bei Zipser eine Blutung ausgelöst. Besonders kritisch war die Lage des Kavernoms: Es saß am Hirnstamm, einem hochsensiblen Bereich, der unter anderem für Koordination, Atmung und Sehen wichtig ist.
Die Operation galt als äußerst riskant und kompliziert. Schließlich wurde Zipsers Schädel hinter dem rechten Ohr geöffnet. Der Eingriff dauerte rund sechseinhalb Stunden und damit länger als zunächst geplant. Danach war ungewiss, wie die Heilung verlaufen und wie lange die Genesung dauern würde.
Mühsame Rückkehr
Rehabilitationsphasen kannte Zipser aus seiner Karriere bereits, doch diesmal war alles anders. Der Tumor und die Folgen des Eingriffs warfen ihn körperlich massiv zurück. Zwischenzeitlich erlitt er sogar eine Lungenembolie und musste auf die Intensivstation. Vor allem die rechte Körperseite machte ihm Probleme. Selbst einfache Dinge wie das Tippen mit der rechten Hand fielen ihm schwer.
Vieles, was zuvor selbstverständlich gewesen war, musste er neu lernen oder – wie er selbst sagt – wieder auffrischen.
Das Comeback nach neun Monaten
Trotz aller Rückschläge gelang Zipser Anfang März 2022 tatsächlich die Rückkehr in den Profisport. Nur neun Monate nach der Operation stand er wieder auf dem Feld. Beim Spiel gegen Hamburg wurde er für gerade einmal 15 Sekunden eingesetzt – doch dieser kurze Moment hatte für ihn und sein Umfeld enorme Bedeutung.
Ein anderer Spieler, andere Prioritäten
Inzwischen spielt Zipser seit drei Jahren wieder in Heidelberg. An das Niveau und die Athletik von vor der Operation kann und will er sich nicht mehr klammern. Er habe akzeptiert, dass er nicht mehr derselbe Spieler sei wie früher, sagt er. Statt dem alten Bild hinterherzulaufen, habe er sich mit seiner neuen sportlichen Realität arrangiert.
Auch in der kommenden Saison wird Zipser für die MLP Academics Heidelberg auflaufen. Nach dem Abstieg aus der Bundesliga allerdings in der ProA. Viel wichtiger als sportlicher Ehrgeiz ist ihm inzwischen etwas anderes geworden: das Leben selbst.
Für Zipser steht heute nicht mehr im Vordergrund, das Maximum aus Karriere und Körper herauszuholen. Seine wichtigste Priorität ist inzwischen, das Leben bewusst zu leben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber