Die Prognosen in Ismael Saibaris früher Kindheit klangen düster: Ärzte warnten seine Eltern, dass ihr Sohn womöglich nie normal würde laufen können. Seine Füße waren stark nach innen gedreht, weshalb er über mehr als ein Jahr orthopädische Schienen tragen musste. Rückblickend beschreibt der heute 25-Jährige diese Hilfe wie eine Art Maschine, die seine Schritte korrigierte und seine Füße begradigte.
Vom Sorgenkind zum gefragten WM-Spieler
Inzwischen gilt Saibari als eine der auffälligsten Figuren des Turniers. Medienberichten zufolge steht der marokkanische Nationalspieler kurz vor einem Wechsel zum FC Bayern. Demnach soll der Medizincheck bereits während der WM erfolgt sein, zudem hätten sich die Münchner mit PSV Eindhoven auf eine Ablösesumme von 55 Millionen Euro verständigt. Saibari selbst ließ Fragen zu einem möglichen Transfer unbeantwortet.
Rückschlag in der Jugend wegen seines Gewichts
Sein Weg nach oben verlief alles andere als geradlinig. Nachdem seine Gehprobleme überwunden waren, entdeckte er früh seine Leidenschaft für den Fußball. Zunächst spielte er in Spanien, wo er geboren wurde. Doch infolge der Wirtschaftskrise zog die Familie mit ihm im Alter von sechs Jahren nach Belgien.
Dort landete Saibari in der Jugend von RSC Anderlecht. Seine Zeit bei dem Traditionsclub endete jedoch abrupt. Wie er erzählt, wurde ihm mit etwa 14 Jahren mitgeteilt, er sei zu schwer. Die Entscheidung traf ihn hart, zumal sie unmittelbar vor dem Saisonstart fiel. Für ihn sei das besonders schmerzhaft gewesen.

Seine Eltern halfen ihm damals, den Rückschlag einzuordnen. Sie machten ihm klar, dass er entweder aufgeben oder noch entschlossener arbeiten könne. Saibari entschied sich für den schwierigeren Weg. Später traf er mit Genk auf Anderlecht, gewann mit seinem Team 4:3, erzielte dabei selbst ein sehenswertes Tor und wurde am Ende Meister. Für ihn war das die späte Antwort auf die Ausmusterung.
Suspendierung wegen Verspätungen
Mit 19 Jahren wechselte Saibari zur PSV nach Eindhoven, um den nächsten Schritt Richtung Profifußball zu machen. Über die zweite Mannschaft schaffte er den Sprung in die Eredivisie und entwickelte sich dort stetig weiter. Ganz ohne Rückschläge ging es aber auch in den Niederlanden nicht.
Im vergangenen Jahr fehlte er im Champions-League-Achtelfinal-Rückspiel gegen den FC Arsenal, weil ihn der Club suspendiert hatte. Grund dafür waren wiederholte Verspätungen bei Teambesprechungen.
Nur eine Saison später präsentierte sich Saibari deutlich gereifter und wurde zum besten Spieler der niederländischen Liga gewählt. Vor allem im offensiven Mittelfeld setzte er starke Akzente. Damit rückte er auch in den Fokus des FC Bayern. Durch seine Vielseitigkeit könnte er in München mehrere Aufgaben übernehmen – sowohl auf Positionen im offensiven Mittelfeld und auf den Flügeln als auch ganz vorne im Sturm. Bei der WM überzeugt er bislang sogar als Angreifer und traf bereits gegen Brasilien und Schottland.
Flexibel eingesetzt in Marokkos Offensive
Dass Saibari im Angriff aufläuft, hängt auch mit den Überlegungen von Nationaltrainer Mohamed Ouahbi zusammen. Der Coach wollte auf seinen formstarken Spieler keinesfalls verzichten und besetzte deshalb die vakante Rolle im Sturm mit ihm. Ouahbi betonte, dass er seine besten Spieler immer gleichzeitig auf dem Feld sehen wolle – notfalls mit Anpassungen bei den Positionen.
Enge Bindung an Marokko
Obwohl Saibari in Europa aufgewachsen ist und fünf Sprachen spricht, fühlt er sich dem Land seiner Eltern besonders verbunden. Er betont, dass dort seine Wurzeln lägen und er sich vor allem als Marokkaner sehe.
Wie groß seine Identifikation mit der Nationalmannschaft ist, zeigte sich auch beim Afrika-Cup-Finale im Januar in Rabat – allerdings auf unschöne Weise. In der hitzigen Partie versuchte Saibari, dem senegalesischen Torhüter Édouard Mendy das Handtuch wegzunehmen. Dafür erhielt er zunächst eine Sperre von drei Spielen sowie eine Geldstrafe von 100.000 Euro. Später wurde die Sperre auf zwei Partien verkürzt. Das sportlich verlorene Finale wurde Marokko anschließend am Grünen Tisch zugesprochen.
Der große Traum: das WM-Finale entscheiden
Mit dem Afrika-Cup wäre damit bereits eines seiner großen Karriereziele erreicht. Das nächste ist noch größer: der Gewinn der Weltmeisterschaft. Saibari erinnert sich begeistert an die Stimmung bei der WM 2022, als Marokko bis ins Halbfinale vordrang. Eine solche Atmosphäre wolle er noch einmal erleben.
Auf die Frage, welche Schlagzeile er sich wünschen würde, antwortete er selbstbewusst: „Saibari entscheidet das WM-Finale.“ Für ihn gilt: Große Ziele sollte man sich immer setzen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber