Politik

Winfried Kretschmann: Wie aus dem Kauz ein Kultstar wurde

Er war grüner Rebell und konservativer Landesvater zugleich: Das steckt hinter dem Phänomen Kretschmann.

04.05.2026, 06:00 Uhr

Winfried Kretschmann verabschiedet sich aus der Spitzenpolitik – und mit ihm geht eine prägende Figur des Landes. Der Grünen-Politiker war nicht nur der erste und bis heute einzige Ministerpräsident seiner Partei in Deutschland. Er führte auch das lange Zeit konservativ dominierte Baden-Württemberg so lange wie niemand sonst in diesem Amt.

In den vergangenen Tagen wurde er vielfach gewürdigt: als Ausnahmeerscheinung, als unverwechselbarer Politiker, als prägende Persönlichkeit. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck nannte ihn sogar eine "kulturprägende" Führungsfigur. Viele beschreiben Kretschmann als bodenständig, werteorientiert, eigenwillig und mitunter auch unbequem. Nun zieht er sich mit fast 78 Jahren aus dem Amt zurück.

Ein unerwarteter Aufstieg

Dass Kretschmann 2011 Regierungschef wurde, war für viele überraschend – auch für ihn selbst. Lange galt er im Landtag eher als sperriger Einzelgänger denn als Machtpolitiker. Den Posten hatte er nach eigenem Bekunden nie gezielt angestrebt. Doch die Proteste gegen Stuttgart 21 und die Reaktorkatastrophe von Fukushima veränderten die politische Stimmung im Land grundlegend und ebneten den Grünen den Weg an die Regierung.

Seine Vereidigung erlebte Kretschmann nach eigenen Worten mit einer Mischung aus Staunen und Ungläubigkeit. Dass er anschließend noch zwei weitere Wahlen gewann, lag wesentlich an seiner Art zu regieren: pragmatisch, nüchtern und oft konservativer im Auftreten, als man es von einem Grünen erwarten würde. Damit sprach er auch Wählerinnen und Wähler aus dem bürgerlichen Lager an – nicht selten zum Missfallen der eigenen Partei.

Pragmatiker mit klarer Haltung

Heute wird Kretschmann über Parteigrenzen hinweg respektiert. Selbst aus der CDU, die unter seiner Führung deutlich an Einfluss verlor, kommt selten offene Kritik. Höchstens ist zu hören, er sei eigentlich in der falschen Partei.

Kretschmann steht wie kaum ein anderer für Politik der Kompromisse statt für ideologische Zuspitzung. Für ihn war der Ausgleich stets ein Kern demokratischer Kultur. Seine frühere Zeit im Kommunistischen Bund bezeichnet er heute als Irrweg aus Studententagen. Danach, sagt er, sei sein innerer Kompass fest justiert gewesen.

Gerade diese Verlässlichkeit hat ihm viel Anerkennung eingebracht. Er gilt als jemand, der zu seinem Wort steht und sich nicht leicht verbiegen lässt. Zugleich wirkt er wenig eitel: Er hört zu, ohne sich anzubiedern. Meist tritt er ruhig und überlegt auf – doch wenn ihn etwas ärgert, kann er sehr deutlich werden.

Schlagzeilenträchtige Symbolpolitik war nie seine Sache. Kretschmann nahm sich Zeit, dachte nach und griff dabei gern auf die Gedanken seiner bevorzugten Philosophin Hannah Arendt zurück. In einem politischen Alltag, der oft von Tempo und Zuspitzung geprägt ist, setzte er auf Langsamkeit und Besonnenheit. Sein bekanntes Bild dazu: Gras wachse schließlich auch nicht schneller, wenn man daran ziehe. Kritiker bemängeln allerdings, dass wichtige Vorhaben – etwa beim Klimaschutz – unter seiner Führung zu langsam vorangekommen seien.

Zwischen Kultstatus und Klartext

Gerade seine Ungekünsteltheit machte Kretschmann für viele Menschen zur Kultfigur. In Erinnerung geblieben ist etwa sein markiger Satz zum Dienstwagen: Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fahre eben einen Daimler.

Während der Energiekrise 2022 sorgte er erneut bundesweit für Aufmerksamkeit, als er empfahl, lieber zum Waschlappen zu greifen als ausgiebig zu duschen. Die daraufhin zugesandten Waschlappen aus dem ganzen Land landeten später sogar im Haus der Geschichte. Vor Kurzem legte er mit einem weiteren, sehr direkten Hygienetipp nach und sprach sich für hochwertiges Toilettenpapier statt billiger Ware aus.

Diese Direktheit gehört zu seinem politischen Stil. Kretschmann macht kein Geheimnis daraus, dass er sich auf den Ruhestand freut. Nach all den Jahren, sagt er offen, gehe ihm manches im Politikbetrieb auf die Nerven. Besonders langwierige Sitzungen ohne Ergebnis seien ihm ein Graus – und davon habe es genug gegeben.

Pläne für die Zeit danach

Im Ruhestand will sich der studierte Biologe wieder stärker den einfachen Dingen widmen: Pflanzen bestimmen, am Bauernhaus arbeiten, womöglich als Gasthörer noch einmal an die Universität gehen. Außerdem soll mehr Zeit bleiben für die Enkel, für alte Freunde und für Gespräche, die lange zu kurz gekommen sind.

Ganz aus der Öffentlichkeit verschwinden dürfte Kretschmann aber nicht. Er kann sich vorstellen, weiter Vorträge zu halten und seine Erfahrungen weiterzugeben. Seine Begeisterung für die Demokratie, sagt er, werde ihn nicht verlassen.

Zunächst wartet allerdings etwas anderes auf ihn: die Reiselust seiner Frau Gerlinde. Sie wolle viel unterwegs sein, erzählt Kretschmann mit einem Anflug von Klage. Er selbst würde am liebsten in Sigmaringen bleiben. Doch auch hier bleibt er sich treu: Wer mit anderen zusammenlebt, müsse Kompromisse machen – nicht nur in der Politik.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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