Ukraine

Tödlicher Kiew-Angriff: Viele Tote und Verletzte

Schulstart im Krieg: In der Ukraine heulen statt Glocken die Sirenen. Warum Raketen und Drohnen den Alltag diktieren.

01.09.2026, 14:56 Uhr

Mindestens zwölf Tote nach schwerem russischem Luftangriff auf die Ukraine

Bei einem groß angelegten russischen Angriff mit ballistischen Raketen und Drohnen sind in der Ukraine nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen, Dutzende weitere wurden verletzt. Besonders hart traf es die Hauptstadt Kiew.

Sieben Tote bei Angriff auf Bahndepot in Kiew

In einem Eisenbahndepot in Kiew wurden nach Angaben des Bahnchefs Olexander Perzowskyj sieben Menschen getötet. Er berichtete auf Facebook von Bränden und erheblichen Schäden. Zahlreiche Beschäftigte der Bahn hätten sich rechtzeitig in Schutzräume retten können.

Selenskyj erklärte, Russland lege seine Angriffe gezielt so an, dass sie möglichst große Zerstörung im Alltag der Menschen verursachten. Besonders gefährlich werde die Lage, wenn es der Ukraine an Mitteln zur Flugabwehr fehle. Für bereits geleistete Unterstützung sei man dankbar, doch die Lieferungen müssten im Herbst verstärkt werden.

EU prüft zusätzliche Abfangraketen für die Ukraine

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte am Rande eines informellen Treffens der Verteidigungsminister in Irland, mehreren EU-Staaten stünden Abfangraketen zur Verfügung, deren Einsatzfähigkeit bald auslaufe. Diese könnten stattdessen an die Ukraine abgegeben werden, damit sie zum Schutz der Bevölkerung genutzt werden.

Zudem sprach Kallas davon, dass die EU auch mit Ländern außerhalb des Staatenbundes im Gespräch sei. Parallel werde daran gearbeitet, gemeinsam mit der Ukraine europäische Abfangraketen zu entwickeln und zu produzieren.

Ukraine-Krieg - Kiew
Sieben Menschen kamen beim Angriff auf ein Bahndepot in Kiew ums Leben. Quelle: Uncredited/Ukrainian Emergency Service/AP/dpa

Welche Länder konkrete Lieferungen in Betracht ziehen, nannte sie nicht. Diplomaten zufolge geht es dabei vor allem um Griechenland und Spanien.

Tote auch in Boryspil – Moskau nennt Militärziele

Auch in Boryspil nahe Kiew kamen bei dem Angriff vier Menschen ums Leben. Dort wurde unter anderem ein mehrstöckiges Wohnhaus getroffen. Der Gouverneur des Gebiets Kiew, Tymur Tkatschenko, warf Russland vor, gezielt Wohnhäuser und zivile Infrastruktur anzugreifen.

Die russische Armee erklärte hingegen, Ziel seien Rüstungsbetriebe und Treibstofflager in und um Kiew gewesen.

Auch aus anderen Regionen der Ukraine wurden in der Nacht Angriffe gemeldet, darunter aus dem Gebiet Odessa am Schwarzen Meer. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe waren zudem Charkiw, Sumy und Saporischschja betroffen.

Ukraine meldet Abschüsse, nennt aber keine Gesamtzahl der Raketen mehr

Nach Darstellung der Luftwaffe konnten unter anderem fünf ballistische Raketen der Typen Iskander-M, KN-23 und S-400 sowie mehrere Marschflugkörper abgeschossen werden. Außerdem seien von 218 eingesetzten Kampfdrohnen 187 abgefangen oder anderweitig unschädlich gemacht worden.

Seit einigen Tagen veröffentlicht die ukrainische Luftwaffe jedoch nicht mehr, wie viele russische Raketen insgesamt gestartet wurden. Damit lässt sich die Erfolgsquote der Luftabwehr nicht mehr nachvollziehen. Beobachter sehen darin auch einen Hinweis auf knappe Munitionsbestände.

Der Angriff auf Kiew fiel auf den Tag, an dem in der Ukraine traditionell das neue Schuljahr beginnt – ebenso wie in Russland. Die Millionenstadt steht seit Wochen nahezu ununterbrochen unter Luftalarm. Russland greift zunehmend mit ballistischen Raketen an, die wegen ihrer hohen Geschwindigkeit besonders schwer abzufangen sind.

Nach ukrainischen Angaben fehlt es vor allem an Raketen für die US-amerikanischen Patriot-Systeme, die als besonders wirksam gegen ballistische Bedrohungen gelten.

Brand im russischen Hafen Ust-Luga nach ukrainischem Drohnenangriff

In Russland lösten ukrainische Drohnen in der Nacht ein Feuer im Ostseehafen Ust-Luga nahe St. Petersburg aus. Der Gouverneur des Leningrader Gebiets, Alexander Drosdenko, sprach von Schäden an den Hafenanlagen.

Ust-Luga ist ein wichtiger Umschlagplatz für russisches Erdöl und Flüssigerdgas und war bereits mehrfach Ziel ukrainischer Angriffe.

Das russische Militär erklärte seinerseits, in der Nacht mehr als 500 ukrainische Drohnen über verschiedenen Regionen des Landes abgewehrt zu haben. Im von Russland besetzten Gebiet Luhansk wurden laut Besatzungsverwaltung vier Menschen durch einen ukrainischen Drohnenangriff getötet.

Gipfel in Bischkek: Mögliches Treffen von Putin und Erdogan im Fokus

Russlands Präsident Wladimir Putin nahm in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek an einem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit teil. In dem von China und Russland geprägten Bündnis spielte der Krieg gegen die Ukraine nur eine Nebenrolle.

Indiens Premierminister Narendra Modi sagte Putin bei einem Treffen, der nun seit viereinhalb Jahren andauernde Krieg müsse beendet werden.

Besondere Aufmerksamkeit galt einem möglichen Gespräch zwischen Putin und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die Türkei versucht, zur Entspannung der Lage im Schwarzen Meer beizutragen. Dort haben gegenseitige Angriffe von Russland und der Ukraine den Schiffsverkehr stark beeinträchtigt. Auch türkische Schiffe waren betroffen.

Sowohl für Moskau als auch für Kiew stocken dadurch Getreideexporte über den Seeweg. Für die Ukraine sind Agrarexporte wirtschaftlich von zentraler Bedeutung, zugleich ist der Weltmarkt auf Lieferungen der beiden großen Produzenten angewiesen.

Ankara würde deshalb gern erneut eine Vereinbarung wie in den Jahren 2022 und 2023 vermitteln, die ukrainische Getreideausfuhren trotz des Krieges ermöglicht hatte.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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