Wirtschaft

TU München entlarvt EU-Irrtum bei Auto-Klimaregeln

Schwere Vorwürfe aus München: TUM-Forscher nennen die EU-Autoklimaziele fehlgeleitet – und rechnen mit der Regulierung ab.

01.09.2026, 14:56 Uhr

Forscher der Technischen Universität München (TUM) werfen der EU vor, die Autoindustrie mit den bisherigen Klimaregeln in die falsche Richtung zu lenken. In einem neuen Weißbuch plädieren sie dafür, Fahrzeuge nicht länger nur nach den CO2-Emissionen am Auspuff zu bewerten.

Stattdessen sollten nach Ansicht der Wissenschaftler die Emissionen über den gesamten Lebenszyklus eines Autos berücksichtigt werden – von der Herstellung über die Nutzung bis zur Wiederverwertung. Zur politisch umstrittenen Frage eines möglichen Verbrenner-Verbots nimmt die Studie nicht ausdrücklich Stellung. TUM-Präsident Thomas Hofmann fordert jedoch mehr „Technologieoffenheit“, damit mögliche Innovationen nicht vorschnell ausgeschlossen werden.

Forscher sehen EU-Klimaziel für 2030 in Gefahr

Mit dem Papier wollen die Autoren der EU-Kommission vor der für November geplanten Überarbeitung der Klimavorgaben für Hersteller konkrete Empfehlungen geben. Nach ihrer Einschätzung wird die EU ihr Ziel für 2030 ohne grundlegende Reform deutlich verfehlen. Bis dahin sollen die CO2-Emissionen von Neuwagen eigentlich um 55 Prozent sinken.

Die erste Reaktion aus dem Bundesumweltministerium fiel allerdings zurückhaltend aus. Ein Sprecher erklärte, mehrere EU-Regeln zielten bereits darauf ab, die Produktion von Elektroautos klimafreundlicher zu machen.

Elektroautos im Vorteil – aber nicht klimaneutral

Grundlage der Untersuchung ist eine Metastudie. Dafür werteten die Wissenschaftler 19 frühere Studien sowie 47 Szenarien zur Klimabilanz verschiedener Fahrzeugtypen aus.

Das Ergebnis der Analyse: Batterieelektrische Fahrzeuge schneiden beim Klima insgesamt besser ab als Autos mit klassischen Verbrennungsmotoren. Zwar verursacht ihre Produktion zunächst mehr CO2, dieser Nachteil werde im Betrieb jedoch früher oder später ausgeglichen.

Im Durchschnitt liegen die Emissionen eines Elektroautos über den gesamten Lebenszyklus laut Studie um 41 Prozent unter denen eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor.

Die TUM-Forscher kritisieren vor allem, dass die derzeitigen EU-Vorgaben die Emissionen aus der Herstellung eines Autos nicht einbeziehen. Damit bleibe außen vor, ob ein Fahrzeug besonders klimafreundlich oder klimaschädlich produziert wurde. „Wir wollen das gute Elektroauto vom schlechten Elektroauto unterscheiden“, sagte Professor Johannes Fottner, einer der beteiligten Wissenschaftler.

Kein Anreiz für CO2-sparende Autofabriken

Nach Ansicht der Forscher setzen die bisherigen EU-Regeln für die Industrie außerdem keinen Anreiz, Produktionsprozesse konsequent zu defossilisieren und Autofabriken klimafreundlicher aufzustellen. Das würde nicht nur die Bilanz von E-Autos verbessern, sondern auch jene von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor.

Ein pauschales Verbrenner-Aus würde nach Einschätzung von TUM-Präsident Hofmann bestimmte technologische Wege von vornherein abschneiden. Sinnvoller sei es, die CO2-Emissionskette eines Fahrzeugs von Anfang bis Ende integral zu betrachten. Allerdings sei auch damit keineswegs gesagt, dass der Verbrennungsmotor langfristig bestehen werde. Am Ende könne ebenso das Ergebnis stehen, dass Verbrenner grundsätzlich keine Zukunft haben.

Umweltministerium verweist auf laufende EU-Maßnahmen

Das Bundesumweltministerium hält den Forschern allerdings vor, bestehende EU-Instrumente zur Verbesserung der Klimabilanz nicht ausreichend berücksichtigt zu haben. Als Beispiele nannte ein Sprecher die EU-Batterieverordnung zur Wiederverwertung von Akkus sowie den Emissionshandel, der unter anderem Anreize für klimafreundlicheren Stahl schaffen soll.

Aus Sicht des Ministeriums blendet die TU München diese Aspekte mit ihrem starken Fokus auf die Flottengrenzwerte aus.

Die TU München zählt in internationalen Hochschulvergleichen seit Jahren zu den führenden Universitäten innerhalb der EU. Britische Spitzenuniversitäten sowie die ETH Zürich schneiden jedoch regelmäßig noch besser ab.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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