Bei den schweren Explosionen nach einem russischen Angriff auf ein Munitionslager nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist die Zahl der Todesopfer auf 38 gestiegen. Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj werden zudem noch vier Menschen vermisst. Im Dorf Myla, rund fünf Kilometer westlich von Kiew, dauern die Aufräumarbeiten und die Suche nach weiteren Opfern an.
Selenskyj zufolge wurden 20 Menschen verletzt, darunter zwei Kinder. Die Rettungskräfte hätten die meisten Brände inzwischen gelöscht. Spezialisten für Kampfmittelräumung seien weiter im Einsatz, um durch die Explosionen verstreute Munition aufzuspüren. Das betroffene Gelände sei großflächig kontaminiert.
Russland hatte das Depot, in dem auch Granaten und Minen lagerten, am Freitagabend angegriffen. Erst am Samstag wurde bekannt, dass das Munitionslager entgegen ukrainischer Vorschriften in einem Wohngebiet betrieben worden war. Die meisten Todesopfer waren nach ukrainischen Angaben Bewohner eines Altenheims.
Ermittlungen und Kritik wegen Lagerung in Wohngebiet
Selenskyj bekräftigte, mögliche Verantwortliche für die Nachlässigkeit zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Es gebe klare Vorschriften, wonach Munition nicht neben Häusern und anderen Wohngebäuden gelagert werden dürfe. Die Ermittlungen dauern an.
Nach seinen Angaben wurden Wohnhäuser sowie ein Senioren- und Behindertenheim beschädigt. Fast 400 Menschen seien aus dem Gebiet in Sicherheit gebracht worden.
Regierungschef Serhij Korezkyj verwies auf einen ähnlichen Vorfall Anfang Juli in Wyschnewe am südwestlichen Rand von Kiew. Damals kamen bei der Explosion eines Munitionsdepots laut offiziellen Angaben mindestens neun Menschen ums Leben. Korezkyj sprach von „krimineller Fahrlässigkeit“ und kritisierte, dass sich im fünften Kriegsjahr dieselben Fehler wiederholten.
Kiew und das Umland kommen seit Tagen wegen anhaltender Luftangriffe kaum zur Ruhe. Nach Behördenangaben wurden am Wochenende außerdem ein zweijähriges und ein 14-jähriges Mädchen getötet.
Selenskyj: Tausende russische Angriffe in dieser Woche
Selenskyj erneuerte seine Forderung nach besserem Schutz vor russischen Angriffen. Russland habe allein in dieser Woche fast 2.000 Angriffsdrohnen, mehr als 1.600 Bomben und 31 Raketen verschiedener Typen gegen die Ukraine eingesetzt, darunter auch ballistische Raketen aus Nordkorea. Besonders Gemeinden in Front- und Grenznähe stünden unter Dauerbeschuss.
Zugleich verwies der ukrainische Präsident auf neue Gegenangriffe gegen Ziele im russischen Hinterland. Nach seinen Angaben wurden Lager-, Vorbereitungs- und Abschussorte für Angriffsdrohnen in den Regionen Orjol und Rostow getroffen. Zudem habe es Treffer auf einen Militärflugplatz in Jeisk sowie auf Ziele im Schwarzen Meer gegeben. Im Leningrader Gebiet sei außerdem eine Ölraffinerie angegriffen worden, die aus Sicht Kiews Russlands Kriegshaushalt mitfinanziere.
Selenskyj erklärte, Russland müsse täglich spüren, dass der Krieg dorthin zurückkehre, von wo er ausgegangen sei. Dafür seien auch zusätzliche westliche Sanktionen und ein schärferes Vorgehen gegen die Umgehung bestehender Strafmaßnahmen nötig. Russland beziehe weiterhin viele Komponenten, chemische Stoffe und Maschinen für seine Kriegswirtschaft aus dem Ausland.
Russland kündigt verstärkte Angriffe auf Energieanlagen an
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, in Kiew sei ein Betrieb getroffen worden, in dem Bauteile und Sprengstoff für Drohnen gelagert worden seien. Eine unabhängige Bestätigung dafür gibt es bislang nicht. Moskau kündigte zudem an, Angriffe auf ukrainische Rüstungsbetriebe fortzusetzen und sich auf massive Schläge gegen die Energieinfrastruktur der Ukraine vorzubereiten.
Kremlsprecher Dmitri Peskow warf der Ukraine vor, mit Angriffen auf wirtschaftliche Ziele in Russland selbst den Weg der Eskalation gewählt zu haben. Kiew werde nun die Antwort darauf erhalten, sagte er im russischen Staatsfernsehen.
Russischer Abgeordneter bringt Atomschlag ins Spiel
Für zusätzliche Besorgnis sorgten Äußerungen des russischen Abgeordneten Alexej Schuraljow, der in einer Videobotschaft den Einsatz einer taktischen Atomwaffe gegen die Ukraine ins Spiel brachte. Er sagte, im Bedarfsfall sei Russland verpflichtet, solche Waffen einzusetzen, und forderte härtere Schläge, damit die Ukraine kapitulieren solle.
Der Kreml hat bislang stets betont, Atomwaffen kämen nur bei einer existenziellen Bedrohung für Russland infrage. Präsident Wladimir Putin hatte Schäden durch ukrainische Angriffe zuletzt zwar eingeräumt, sie aber zugleich als beherrschbar dargestellt.
Russland führt seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine seit mehr als viereinhalb Jahren. Die Ukraine verteidigt sich dabei mit Unterstützung westlicher Staaten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber