Ukraine

Schwarzes Meer: Stoppt der Seekrieg bald das Getreide?

Seekrieg im Schwarzen Meer eskaliert: Häfen brennen, Handel stockt. Drohen jetzt weltweit höhere Brotpreise?

25.07.2026, 07:00 Uhr

Kiew spricht inzwischen von einem Seekrieg im Schwarzen Meer und wirft Russland vor, damit die globale Versorgung mit Lebensmitteln zu gefährden. Nahezu täglich gibt es Meldungen über attackierte Schiffe beider Seiten. Dabei kommen auch Zivilisten ums Leben. Ein Überblick über die Entwicklung.

Warum ist die Lage eskaliert?

Seit dem 6. Juli greift die Ukraine nach eigenen Angaben gezielt Schiffe an, die russisch kontrollierte Häfen im Asowschen Meer und im angrenzenden Schwarzen Meer anlaufen. Zunächst standen vor allem Öltanker der sogenannten Schattenflotte im Fokus. Inzwischen wurden aber auch Frachter getroffen, die unter anderem Getreide aus besetzten ukrainischen Gebieten transportieren sollen.

Zugleich versucht Kiew, die Versorgung der von Russland annektierten Krim über den Seeweg zu stören, insbesondere bei Treibstoffen wie Benzin und Diesel. Nach ukrainischen Angaben wurden seitdem 196 Schiffe und andere Wasserfahrzeuge beschädigt, davon 126 im Asowschen Meer und 70 im Schwarzen Meer. Bereits im Juni hatte Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow angekündigt, das Leben auf der Krim werde zur "Hölle" gemacht. Die Halbinsel solle durch Drohnen- und Raketenangriffe zunehmend isoliert werden. Attacken auf Versorgungsschiffe gelten als Teil dieser Strategie.

Wie reagiert Moskau?

Russland antwortete mit verstärkten Angriffen auf ukrainische Hafenanlagen rund um Odessa. Nach ukrainischen Angaben wurden außerdem mehr als 30 Schiffe attackiert, die auf dem Weg nach Odessa waren, den Hafen verließen oder sich in Häfen der Region befanden. Dabei starben etwa ein Dutzend Menschen.

Ukraine-Krieg - Odessa
Menschen in Odessa sonnen sich, während am Horizont im Schwarzen Meer der brennende Getreidetransporter «Golden Leo» zu sehen ist. (Archivbild) Quelle: Michael Shtekel/AP/dpa

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, seit der Nacht zum 11. Juli würden ukrainische Häfen täglich angegriffen. Moskau beansprucht, dabei zahlreiche Wasserfahrzeuge sowie Hafeninfrastruktur getroffen zu haben. Russland wirft der Ukraine vor, unter dem Schutz ziviler Schiffe Waffenlieferungen ins Land zu bringen.

Welche Folgen zeigen sich bereits?

Zunächst spielte Kiew die Gefahr herunter. Dann kündigte der dänische Logistikkonzern Maersk am Dienstag an, den Betrieb im Hafen von Odessa einzustellen. Schiffe seien in den rumänischen Hafen Constanța umgeleitet worden, für weitere Transporte werde auf den Straßenverkehr nach Rumänien gesetzt.

Noch am Mittwoch hatte das ukrainische Verkehrsministerium betont, die Schwarzmeerhäfen von Odessa arbeiteten weiter. Wenig später folgte jedoch ein anderer Ton. Der amtierende Außenminister Andrij Sybiha beklagte, der Schiffsverkehr nach Odessa sei zum Erliegen gekommen. "Heute hat kein einziges Schiff den ukrainischen Seekorridor im Schwarzen Meer genutzt – und das mitten in der Erntesaison", schrieb er auf X. Russland gefährde damit die weltweite Ernährungssicherheit.

Auch Agrarminister Taras Wyssozkyj bestätigte am Donnerstag, dass Reeder wegen des hohen Risikos vorerst keine ukrainischen Seehäfen mehr anliefen.

Auf russischer Seite untersagte das Verkehrsministerium Berichten zufolge Schiffen, in den Zufahrten zu den Häfen Asow und Kawkas an Stellen festzumachen, die nicht durch Flugabwehr gesichert sind.

Was wurde aus dem ukrainischen Getreidekorridor?

Zu Beginn des Krieges blockierte Russland die ukrainischen Schwarzmeerhäfen. Später einigten sich beide Kriegsparteien auf einen Getreidekorridor. Nachdem Moskau das Abkommen nicht verlängerte, setzte Kiew nach eigener Darstellung eigenständig einen sicheren Seekorridor zu den Häfen im Raum Odessa durch.

Aus ukrainischer Sicht war das erfolgreich: Seit August 2023 hätten mehr als 8.000 Schiffe die Häfen angelaufen, mehr als 200 Millionen Tonnen Fracht seien umgeschlagen worden. Über die Hälfte davon seien Agrarprodukte gewesen.

Welche wirtschaftlichen Folgen drohen bei einer Blockade?

Eine Blockade des Schiffsverkehrs im Schwarzen Meer – nicht nur des ukrainischen, sondern auch des russischen – könnte die Getreidepreise deutlich steigen lassen. Rund ein Viertel der russischen Getreideexporte läuft über das Asowsche Meer. Bei Weizen kommen Russland und die Ukraine zusammen auf etwa 25 bis 30 Prozent der weltweiten Exporte, bei Mais auf rund elf Prozent.

Zusätzlichen Druck auf die Märkte erzeugten ukrainische Angriffe auf ein Ölumschlagterminal im russischen Hafen Noworossijsk. Dadurch wurde auch der Export kasachischen Erdöls über diesen Hafen gestoppt. Weil schnelle und günstige Ausweichrouten fehlen, verknappt sich das globale Ölangebot weiter.

Vor dem Hintergrund der ohnehin angespannten Lage durch die Blockade der Straße von Hormus steigen die Preise zusätzlich. An der Rohstoffbörse in Chicago notiert Weizen bereits rund 30 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Mais reagierte weniger stark, liegt aber ebenfalls ungefähr 10 Prozent über dem Stand von 2025.

Vor allem Länder, die stark auf Lebensmittelimporte angewiesen sind, verfolgen die Entwicklung mit Sorge. Zu den wichtigsten Abnehmern russischer und ukrainischer Getreideexporte zählen Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten. Schon 2022 hatten deshalb mehrere afrikanische Länder sowie Staaten wie Brasilien und Indonesien versucht, Friedensinitiativen zur Beendigung des Krieges anzustoßen.

Welche Auswege gibt es?

Eine umfassende Friedenslösung für den seit 2022 andauernden Krieg ist weiterhin nicht in Sicht. Die Türkei hatte bereits im Juni erneut ihre Vermittlung angeboten. Bei einem Besuch in Kiew in der vergangenen Woche sprach sich der türkische Außenminister Hakan Fidan für ein Moratorium bei Angriffen im Schwarzen Meer aus.

Gezielte Attacken auf Häfen, Tanker und Fischereifahrzeuge, bei denen Zivilisten in Gefahr geraten, seien nicht akzeptabel, sagte Fidan. Dieses Thema habe er auch zuvor in Moskau angesprochen.

Für Dienstag wird zudem ein Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in den USA erwartet. Auch Washington bemüht sich seit Längerem um Verhandlungen zur Beendigung des Krieges.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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