KI in der Literatur: Zwischen Hilfsmittel, Streitfall und neuem Wettbewerbsmaßstab
Ein Buch zu verfassen galt lange als langsamer Prozess: von der ersten Idee über viele Überarbeitungen bis hin zum fertigen Druck. Mit Künstlicher Intelligenz verändert sich dieser Ablauf spürbar. Damit entstehen aber auch grundlegende Fragen: Ist der Wettbewerb noch fair, wenn einige Schreibende KI einsetzen und andere bewusst darauf verzichten? Wer gilt als Urheber, wenn Mensch und Maschine gemeinsam an einem Text arbeiten? Und woran bemisst sich literarische Leistung überhaupt?
Branche zwischen Vorbehalt und Alltagseinsatz
Im Literaturbetrieb gibt es darauf bislang keine einheitliche Antwort. Wie groß die Spannbreite der Positionen ist, zeigt ein Bericht des „Börsenblatts“. So kennzeichnet der Kinder- und Jugendbuchverlag Loewe sein lieferbares Programm in Onlineshops mit dem Hinweis „Ohne KI“. Gleichzeitig kommt KI im Arbeitsalltag für kleinere Aufgaben zum Einsatz, etwa bei Tabellen oder zur Ideensammlung, wie Geschäftsführer Christoph Gondrom erläutert.
Beim Verlag C. H. Beck verläuft die Grenze nach Einschätzung von Dirk Setton dort, wo KI schöpferisch in den Text eingreift. In der Praxis lasse sich diese Trennlinie jedoch kaum eindeutig ziehen.
Noch weiter geht die französische Plattform Infinite Library. Mit ihrem KI-Studio Bindery wirbt sie damit, aus einer Idee ein Buch zu entwickeln und dieses auch zu veröffentlichen.
Die Beispiele zeigen, wie uneinheitlich die Vorstellungen in der Branche sind. Zugleich wird deutlich, dass noch offen ist, was künftig als legitime literarische Eigenleistung gelten soll.

Der Fall Orélien: Verdacht reicht für Folgen
Wie heikel das Thema werden kann, zeigt der Fall des französisch-haitianischen Autors Thélyson Orélien. Sein Roman „C’était ça ou mourir“ wurde kürzlich wegen des Verdachts auf KI-Nutzung aus der Auswahl für den renommierten Prix Goncourt entfernt.
Später trennte sich auch sein kanadischer Verlag Éditions du Boréal von ihm. Zuvor hatte eine externe Untersuchung Hinweise auf KI-Markierungen in den Metadaten einzelner Arbeitsversionen gefunden. Gleichzeitig räumte der Verlag ein, dass weiterhin unklar sei, in welchem Umfang KI tatsächlich verwendet wurde.
Schwierige Suche nach klaren Regeln
Orélien weist den Vorwurf zurück, den Roman mit KI geschrieben zu haben. Gegenüber der Zeitung „Libération“ sagte er, KI lediglich für Recherchezwecke genutzt zu haben. Die erzählte Geschichte sei seine eigene – und zugleich die vieler Haitianer. Im Zentrum stehen Flucht, Migration und das Überleben.
In Deutschland sollte das Buch nach bisherigen Plänen im Juni 2027 unter dem Titel „Es war das oder sterben“ bei Rowohlt erscheinen. Laut Deutschlandfunk will der Verlag nun zunächst das Gespräch mit dem Autor suchen, bevor über eine Veröffentlichung entschieden wird.
Der Fall macht deutlich, wie schwer sich faire und nachvollziehbare Regeln formulieren lassen. Wie kann ein Wettbewerb funktionieren, wenn unklar bleibt, welchen Anteil KI an einem Manuskript hatte? Genügt die Erklärung eines Autors? Welche Nachweise sollte eine Jury verlangen? Und wie lässt sich verhindern, dass ein bloßer Verdacht bereits wie ein Urteil wirkt?
Ein Preis für das Schreiben mit Maschine
Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der neu geschaffene französische Prix Pascal. Dort sollen ausdrücklich Werke ausgezeichnet werden, die gemeinsam von Menschen und KI-Systemen entstanden sind. Wer sich bewirbt, muss neben dem Manuskript auch offenlegen, welche Modelle und Prompts verwendet wurden. Eine Jury soll die literarische Qualität bewerten; das prämierte Werk soll anschließend veröffentlicht werden. Die Verleihung ist für Anfang Dezember vorgesehen.
Während der Fall Orélien zeigt, welche Folgen ein KI-Verdacht haben kann, macht der Prix Pascal die Kooperation von Mensch und Maschine selbst zum Prinzip. In beiden Fällen steht jedoch dieselbe Frage im Raum: Nach welchen Kriterien soll literarische Leistung beurteilt werden – und wie transparent müssen die Regeln dafür sein?
Mehr als nur ein technisches Werkzeug
Dass der neue Preis nach Blaise Pascal benannt ist, ist kein Zufall. Der französische Philosoph und Mathematiker entwickelte im 17. Jahrhundert eine mechanische Rechenmaschine und prägte mit seinen „Pensées“ bedeutende philosophische und theologische Überlegungen.
Der Literaturwissenschaftler Laurent Thirouin sieht die Namenswahl dennoch kritisch. In „La Croix“ erinnert er daran, dass Pascal sehr wohl die Grenzen seiner Maschine erkannt habe: Sie könne Arbeit erleichtern, denke aber nicht selbst.
Für Thirouin gilt Ähnliches auch für KI-generierte Texte. Sprachlich überzeugende Sätze bedeuteten nicht automatisch, dass eine Maschine deren Sinn verstehe. Literarische Bedeutung entstehe nicht nur aus Worten, sondern auch aus dem Denken, das hinter ihnen steht.
Damit reicht die Debatte weit über die Frage nach neuen Werkzeugen hinaus. Im Kern geht es um geistige Urheberschaft – und darum, nach welchen Maßstäben Literatur in Zukunft bewertet werden soll.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber