Nach dem schweren russischen Luftangriff in der Nacht auf Sonntag ist das Ausmaß der Zerstörung in der Ukraine immer deutlicher zu erkennen. Während die Aufräumarbeiten weiterlaufen, zeigen zahlreiche neue Bilder aus Kiew das ganze Ausmaß der Schäden. Die Hauptstadt war das Hauptziel der Attacke.
Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wurden in Kiew 87 Menschen verletzt, darunter drei Minderjährige. 21 Menschen mussten demnach in Krankenhäuser gebracht werden. Zudem wurden aus der Stadt mindestens zwei Todesopfer gemeldet.
Selenskyj sprach von rund 300 beschädigten Objekten, bei denen es sich überwiegend um Wohnhäuser handele. Er forderte erneut mehr Druck auf Russland und eine weitere Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung.
Militärverwaltung spricht vom größten Angriff seit Kriegsbeginn
Der Militärverwalter Tymur Tkatschenko bezeichnete die Attacke gemessen an der Zahl der beschädigten Orte als den größten Angriff seit Beginn der großangelegten Invasion. Auf Telegram schrieb er, Russland habe dabei erstmals gezielt historische Architektur und Gedenkstätten attackiert.
Als Beispiele nannte er unter anderem das Außenministerium, das Tschernobyl-Museum und das Kunstmuseum.
Nach ukrainischen Angaben konnten sich viele Menschen auch deshalb retten, weil Selenskyj bereits am Vorabend vor einem massiven russischen Schlag gewarnt hatte.
600 Drohnen, 90 Raketen und Einsatz der Oreschnik
Wie die ukrainischen Luftstreitkräfte mitteilten, setzte Russland bei dem kombinierten Angriff rund 600 Drohnen sowie 90 Raketen und Marschflugkörper ein. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte außerdem den Einsatz der neuen Mittelstreckenrakete Oreschnik, die wegen ihrer hohen Zerstörungskraft als besonders gefährlich gilt.
Nach ukrainischen Angaben schlug diese Rakete in der Stadt Bila Zerkwa im Gebiet Kiew ein.
Außenminister beantragt Dringlichkeitssitzungen
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha beantragte nach eigenen Angaben eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats sowie ein Treffen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).
Auch ARD- und DW-Studios in Kiew beschädigt
Von dem Angriff waren auch internationale Medien betroffen. Nach Angaben des WDR wurde das zentral gelegene ARD-Studio in Kiew vermutlich durch eine Druckwelle schwer verwüstet. Menschen hielten sich zum Zeitpunkt des Angriffs dort nicht auf. Die Berichterstattung solle mit mobilen technischen Lösungen und Ausweichmöglichkeiten fortgesetzt werden.
Auch die Deutsche Welle meldete Schäden an ihren Büroräumen in Kiew. Nach Angaben des Senders befand sich während der Attacke niemand im Studio. Der Nachrichtenbetrieb sei am Morgen dennoch regulär wieder aufgenommen worden.
Moskau spricht von Vergeltung für Angriff auf Starobilsk
Russland hatte den massiven Schlag als Vergeltung angekündigt. Kremlchef Wladimir Putin verwies dabei auf einen ukrainischen Angriff auf ein Wohnheim beziehungsweise eine Berufsschule in der von Russland besetzten Stadt Starobilsk im Gebiet Luhansk.
Die russische Militärführung behauptete, bei den Angriffen in der Ukraine seien Ziele der Rüstungsindustrie, militärische Infrastruktur und Kommandostellen getroffen worden.
Besatzungsbehörden zufolge wurden bei dem Angriff in Starobilsk 21 Menschen getötet. Zudem seien 65 Minderjährige verletzt worden, meldete die russische Staatsagentur Tass unter Berufung auf den von Moskau eingesetzten Verwaltungschef Leonid Passetschnik. Diese Angaben lassen sich unabhängig nicht überprüfen. Kiew wies die Darstellung als Desinformation zurück und erklärte, in Starobilsk sei eine russische Militäreinheit getroffen worden, die auf Drohnenangriffe gegen die Ukraine spezialisiert sei.
Verhandlungen ohne Fortschritt
Während sich die Kämpfe weiter verschärfen, gibt es diplomatisch weiterhin kaum Bewegung. Zuletzt hatten die USA Gespräche vermittelt, doch die Verhandlungen liegen derzeit auf Eis. Russland hält an seinen Maximalforderungen fest, darunter dem Abzug ukrainischer Truppen aus weiteren Teilen des Donbass. Die Ukraine lehnt das ab.
Beobachter gehen deshalb davon aus, dass beide Seiten vorerst weiter auf militärische Mittel setzen. Ein schnelles Ende des Kriegs ist nicht in Sicht.
Die Ukraine verteidigt sich mit Unterstützung westlicher Staaten seit Jahren gegen den russischen Angriffskrieg.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion