Russland und die Ukraine haben nach dem Auslaufen der von US-Präsident Donald Trump vermittelten Feuerpause ihre gegenseitigen Luftangriffe wieder deutlich ausgeweitet. In Kiew kommen dabei zahlreiche Zivilisten ums Leben, doch auch auf russischer Seite gibt es Tote. Das Kriegsgeschehen wird inzwischen stark von Drohneneinsätzen bestimmt. Am Boden verändert sich die Lage dagegen kaum. Die Front ist längst keine klare Linie mehr, sondern ein über 1.000 Kilometer langer und teils mehr als 20 Kilometer breiter tödlicher Graubereich.
Auch diplomatisch ist keine Bewegung erkennbar. Nicht nur die Rolle der USA als Vermittler ist wegen des Iran-Kriegs geschwächt, auch Moskau und Kiew setzen aus Sicht vieler Beobachter weiter eher auf militärische Vorteile als auf echte Kompromisse.
Wladimir Putin hatte zwar zuletzt angedeutet, der Krieg könne sich seinem Ende nähern. Nach Darstellung des Kremls war damit jedoch die Erwartung verbunden, dass sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den russischen Forderungen beugt und seine Truppen aus dem Gebiet Donezk zurückzieht. Selenskyj weist das zurück. Damit deutet weiter alles auf anhaltende Kämpfe hin.
Abnutzungskrieg ohne absehbares Ende
Der Russland-Experte und Historiker Matthias Uhl geht davon aus, dass der Abnutzungskrieg zunächst weitergehen wird. In seinem Buch „Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht“ beschreibt er mögliche Entwicklungen und verweist darauf, dass Kriege in der Geschichte oft trotz Erschöpfung und Friedensbeteuerungen noch lange andauerten, weil beide Seiten glaubten, kurz vor dem Sieg zu stehen.

Nach Einschätzung Uhls besteht auch in diesem Krieg die Gefahr, dass eine Seite zu spät erkennt, wann ihre Möglichkeiten erschöpft sind. Uhl, der mehr als zwei Jahrzehnte in Russland lebte und dort am inzwischen als „unerwünscht“ eingestuften Deutschen Historischen Institut arbeitete, hält Russland weiterhin für fähig, den Krieg fortzusetzen.
Zwar belasten Sanktionen und wirtschaftliche Probleme das Land zunehmend, doch ein im Westen oft erwarteter Zusammenbruch des Systems ist bislang ausgeblieben.
Drohnen verhindern größere Geländegewinne
Der russische Militärexperte Dmitri Kusnez von der kremlkritischen Plattform Meduza sieht die russischen Staatsfinanzen durch hohe Ölpreise derzeit etwas entlastet. Zugleich bezweifelt er, dass es dem russischen Generalstab unter den Bedingungen des Drohnenkriegs und des langsamen Vormarschs bis zum Herbst gelingen kann, den Donbass vollständig einzunehmen. Die Ukraine sei im technologischen Wettlauf bei Drohnen derzeit besser aufgestellt.
Auch Uhl betont, dass es gegen die Dominanz der Drohnen aktuell kaum wirksame Mittel gebe. Erst wenn diese Bedrohung direkt auf dem Gefechtsfeld eingedämmt werde, seien wieder erfolgreiche Vorstöße größerer Einheiten denkbar. Als praktikable Gegenmittel nennt er vor allem Laser- oder Maschinenwaffensysteme.
Hinzu komme, dass ukrainische Angriffe zunehmend die russische Luftabwehr schwächten. Zudem versuche Kiew, die Krim und die darüber laufende Versorgung russischer Truppen zu isolieren. Ebenfalls problematisch für Moskau seien die wiederholten ukrainischen Attacken auf Einrichtungen der russischen Ölindustrie. Selenskyj hat bereits angekündigt, diese Schläge gegen Ziele im russischen Hinterland noch auszuweiten, um die Finanzierung des Krieges zu erschweren.
Russland könnte personell nachlegen
In Russland wächst unter Hardlinern der Druck auf den Kreml, den Krieg mit mehr Nachdruck zu führen. Uhl hält es für möglich, dass Moskau bei sinkender Zahl freiwilliger Kämpfer andere Wege wählt, um neues Personal an die Front zu bringen. Denkbar seien eine weitere Teilmobilmachung oder die Umwidmung der offiziell so bezeichneten „militärischen Spezialoperation“ in eine „Anti-Terror-Operation“. Dadurch könnte auch der Einsatz von Wehrpflichtigen ermöglicht werden.
Die Ukraine sieht Uhl dagegen wegen ihrer deutlich kleineren Bevölkerungsbasis personell im Nachteil. Vor allem bei der Infanterie dürfte sich der Mangel nach seiner Einschätzung weiter verschärfen. Als möglicher letzter Schritt käme eine Mobilisierung der bisher vom Pflichtdienst ausgenommenen 18- bis 25-Jährigen in Betracht. Für groß angelegte Offensiven wie in den ersten Kriegsjahren sei Kiew derzeit personell nicht ausreichend aufgestellt.
Zwar baut die Ukraine ihre eigene Waffen- und Drohnenproduktion aus. Dennoch bleibt sie im Krieg weiterhin stark auf westliche Präzisionswaffen, Luftverteidigungssysteme und Geheimdienstinformationen angewiesen, die nach Uhl inzwischen vor allem aus Frankreich kommen. Zudem sei die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes infolge von Fluchtbewegung und Mobilmachung langfristig geschwächt.
Mehrere Wege zu einem Kriegsende
Neben einem fortgesetzten Abnutzungskrieg sieht Uhl drei weitere mögliche Entwicklungen: ein Einfrieren des Konflikts ohne echten Friedensschluss, einen von außen erzwungenen Kompromiss beziehungsweise Waffenstillstand – wie ihn die USA angestrebt hatten – oder ein unerwartetes Ereignis.
Als letztes Szenario nennt er einen möglichen inneren Bruch in Russland. Es sei nicht auszuschließen, dass das System Putin durch die Dauer des Krieges vorzeitig an seine Grenzen gerate, wenn der Versuch, eine militärische Entscheidung zu erzwingen, die Kräfte und die Moral des Landes überfordere.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion