Nach dem Tod des 42-jährigen Abderrahim Fakir nach einem gewaltsamen Polizeieinsatz in Italien haben die Behörden eine lückenlose Aufklärung zugesichert. Das Innenministerium in Rom kündigte an, den Fall mit „völliger Transparenz“ zu untersuchen. Fakir, ein aus Marokko stammender Mann, lebte seit mehr als 30 Jahren in Italien und führte dort eine kleine Reinigungsfirma.
Der Vorfall vom Sonntag in Bologna sorgt landesweit für Entsetzen. Das Video der Festnahme läuft inzwischen in Fernsehnachrichten, sozialen Medien, Cafés und auf Handys im ganzen Land. Einige Beobachter ziehen Parallelen zu Fällen aus den USA, darunter dem Tod von George Floyd. Vertreter der linken Opposition sprechen von möglicher exzessiver Polizeigewalt. Politiker aus dem rechten Regierungslager stellen sich dagegen hinter die Einsatzkräfte. Die Lega erklärte erneut, die Beamten hätten lediglich ihre Dienstpflicht erfüllt. Parteichef und Vize-Regierungschef Matteo Salvini sagte: „Ich stehe immer auf der Seite der Polizei.“ Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hielt sich in den ersten 24 Stunden nach dem Vorfall mit öffentlichen Äußerungen zurück.
Innenministerium verspricht vollständige Aufklärung
Noch ist in dem Fall vieles unklar. Nach bisherigen Erkenntnissen war die Polizei am Sonntagmittag über den Notruf 112 in den Stadtteil Pilastro gerufen worden, weil der Mann dort randaliert haben soll. Nach Angaben seiner Anwältin verfügte Fakir über alle regulären Papiere und hielt sich legal in Italien auf. Wie die Nachrichtenagentur Ansa und mehrere Augenzeugen berichten, soll er beim Eintreffen der Einsatzkräfte gegen den Streifenwagen geschlagen haben. Daraufhin setzten die beiden Polizisten Pfefferspray ein, drückten ihn zu Boden und legten ihm Handschellen an.
Unklar bleibt auch, wie es in Pilastro überhaupt zu dem Streit kam. Aus dem Umfeld des Mannes hieß es, Fakir sei dort – wie offenbar häufiger – zu Besuch bei Verwandten gewesen. Medienberichten zufolge soll es vor einer Garage zu einem Streit gekommen sein. Die Polizisten sollen anschließend den Rettungsdienst hinzugezogen haben, weil der Mann Anzeichen einer psychiatrischen Krise gezeigt haben soll.
Die Leiche soll nun obduziert werden. Die Ermittler erhoffen sich davon Klarheit über die genaue Todesursache. Beim ersten Augenschein wurden laut Berichten Verletzungen am Hinterkopf und im Gesicht festgestellt. Zudem wird geprüft, ob mögliche Vorerkrankungen eine Rolle gespielt haben könnten. Die Bodycam eines der beteiligten Beamten sowie das Video eines Nachbarn wurden der Staatsanwaltschaft übergeben.
Video zeigt Hilferufe des Mannes
Die Aufnahme wurde von einem Nachbarn aus einem Fenster heraus gefilmt. Zu sehen ist, wie Fakir bäuchlings am Boden liegt, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Zwei uniformierte Polizisten drücken ihn weiter nach unten, ein weiterer Mann mit nacktem Oberkörper hält offenbar seine Knöchel fest. Obwohl von ihm in dieser Situation kaum noch Gefahr auszugehen scheint, ist mehrfach zu hören, wie er auf Italienisch ruft: „Aiuto. Basta, basta!“ – auf Deutsch: „Hilfe! Genug, genug!“
Auch mehrere Rettungssanitäter sind auf dem Video zu sehen, greifen jedoch zunächst nicht ein. Erst als der Mann nach mehr als vier Minuten keine Bewegungen mehr zeigt, wird er umgedreht. Zu diesem Zeitpunkt ist es bereits zu spät: Um 12.53 Uhr stellte ein Arzt seinen Tod fest.
Vorermittlungen gegen Polizisten und Sanitäter
Noch ist nicht abschließend entschieden, ob die Justiz formell gegen Unbekannt oder direkt gegen die beteiligten Einsatzkräfte ermittelt. Nach neuen Berichten laufen jedoch bereits Vorermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gegen die beiden Polizisten sowie gegen insgesamt vier Sanitäter, die vor Ort gewesen sein sollen. Damit rückt nun auch das Verhalten der Rettungskräfte stärker in den Fokus. Zu disziplinarischen Konsequenzen wurde vorerst nichts bekannt. Aus dem Innenministerium hieß es, es gebe „nichts zu verbergen“ und man arbeite uneingeschränkt mit den Ermittlern zusammen.
Proteste in Bologna und politische Debatte in Rom
Noch am Sonntagabend versammelten sich in Bologna, einer traditionell eher linken Stadt, mehrere Hundert Menschen zu Protesten. Dabei waren Sprechchöre gegen die Polizei und Forderungen nach Gerechtigkeit zu hören. Teilweise fiel auch der Vorwurf eines „staatlichen Mordes“. Die Schwester des Toten kündigte an, keine Ruhe zu geben, bis der Tod ihres Bruders aufgeklärt sei. Sie warf den Beteiligten vor, ihren Bruder geschlagen und getötet zu haben. Bolognas Bürgermeister Matteo Lepore rief für Montagabend zu einem stillen Gedenken auf.
Der Fall hat inzwischen auch die nationale Politik in Rom erreicht. Während die Linke eine schnelle und umfassende Aufklärung verlangt, nehmen Vertreter des rechten Lagers die Polizei in Schutz. Oppositionspolitiker fordern, dass der Innenminister im Parlament Auskunft über den Fall gibt. Aus dem rechten Lager wird dagegen betont, die Einsatzkräfte hätten in einer schwierigen Lage gehandelt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber